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Die Wahrheit · 1922-02-23 · Heft 5 (23.2.1922) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 5 (23.2.1922)
Date
1922-02-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Gerte 6 Nr. h D ig B ahrheir „Trinkgeld." Zu diesem neulich in der „Wahrheit" bchandelten Thema ist, ganz abgesehen von der Boshaftigkeit, die sich in dem wegwerfenden Ausdruck lundgibt, zu bemerken, daß Las dem Rabbiner — um diesen Fall zunächst herauszugreisen — von der Partei für irgend eine Amtshandlung gewidmete Honorar sich unter den gegebenen Umständen durchaus nicht begrifflich mit dein „Trinkgeld" deckt. Unter „Trinkgeld" versteht man ein Geschenk, das einem Angestellten in Anerkennung seiner Mühervaltung freiwillig geboten wind. Der verblümte Ausdruck dafür, bei höheren 'Betonten angewendet, lautet „Remuneration". Der Beschenkte hat auf diese Gabe keinerlei Anspruch. Cr hat nur getan, was feines Amtes, was seine verbriefte Pflicht war. Ein Anrecht auf diese Extvaeiinn-ahme ist mit seiner Stellung keineswegs verbunden. Ganz anders die Enwlumente, die der Rabbiner aus den Kasualien bezieht. Sie gehören zum Rabbinat, seitdem dieses nicht nur eine Würde, sondern ein Amt bedeutet. Ursprünglich war das vabbinische L e h r a m t eines jeden Juden Pflicht. Es wurde unentgeltlich ausgeübt. So hatte man die Thora von Gott erhalten, so sollte man sie weltergeben. Die Talmudlehrer hatten ihren bürgerlichen Wwus, dar sie ernährte. Aus ihrer Lehrtätigkeit bezogen sie keinen materiellen Gewinn. Die Not der Zeit in den Jahrhunderten des Golus durchbrach diesen Grundsatz. Und wenn auch Maimonides und andere dagegen Stellung nahmen, man konnte sich aus das Vorbild der Kohanim berufen, deren Amtspflichten und -besugniisft zmn Teil aus die Rabbiner übergegangen waren. Im Talmud (Ketubbot l 06 b) liest man geradezu: Wer einen Talmud cha-Ham beschMkt, übt ein frommes Werk, wie wenn er Erstlinge in den Tempel brächte.' Tosasot rechtfertigt diese Auszeichnung mit dem .Hinweis darauf, daß die Talmide chakhamim — nicht wie die Priester im Tempel Opfer, darbringen, svndernFich selbst opfern, — die „Kappara" für ihre Brüder bilden. Zumal dort, wo, wie in Deutschland, die JuderG ausschließlich aus das GeldveMhen an-, gewiesen waren,, sehen sich die. Rabbiner einzig und allein aus ihren Berus angewiesen. Das Rabbmat wurde ein Amt. Die einen bekleideten es als Ehrenamt und erllährten sich von den Einkünften aus Heiratsvermittlilngen, als Genre indes ekretäre u. dgl. Manche ließen sich das eigentliche rabbinjsche Lehramt nichs bezahlen, nahmen hingegen Honorare für Trauungen, Ehescheidungen, Chalizot n. dgl. entgegen. Die meisten erhielten ein FHum von der Gemeinde und dauöben als rechtmäßige Sporteln Honorare fiir alle Kasualien. Diese Nebensi-unahmen wurden bei Bemessung des Fixums mit ins Kalkül gezogen, nicht selten auch ein gewisser Betrag hiefür von der Gemeinde garantiert. In neuester Zeit wurden in einigen Gemeinden Deutschlands den Rabbinern die Neben-einnahmen abgelöst. Doch erwies sich diese an sich vortreffliche Maßnahme als unzeitgemäß. Der schwankende MarMurs hat auch die deutschen Rabbiner bei aller OpfsrwMgkeiit und -fähigieit ihrer Gemeinden in Verlegenheit gebracht. Was bei stabilen Verhältnissendurchaus .^ls erstrebenswertes Ideal erscheint, muß bei dem Schwanken unseres Wirtschaftslebens zur Katastrophe werden. Bei unserer Wiener Kultusgemeinde, die selbst um Gaben für ihren Notstandssonds bittet, ist in diesem Stadium an ein solches Experiment gar nicht zu denken. Entscheidend ist aber vor allem das folgende Moment: Die Motive der Gegner der Nebeneinnahmen sind verschoben. Was aber alle ins Treffen führen, ist dA angebliche Unvermeidlichkeit unerwünschter Begleiterscheinungen und Wirkungen, wenn der Rabbiner mit den Parteien in Honorarfragen verhandelt. Dieser Eventualität der ganze Jammer des Kindes, von dem ich erzähle, mich mächtig ergriff, als die heißen Tranen aus seinen blinden Augen mir ans dem Herzen brannten, wurde mir Gewißheit, was an jenem Tage Ahnung war, verstand ich es, —-warum der Väter nicht auch die Worte sprach: „Und solche priese wird mein Kind mir schreiben!", als ein blindes Mädchen uns einen Glückwunsch zeigte, den es an seine Mutter zum Geburtstag geschrieben hatte. Demütig dankte mir der Gast für den Kowaut (die Ehre), den ich ihm erwiesen; nach einer Weile aber faßte er plötzlich meine Hand und rief leidenschaftlich: Glück und Segen über Euch und über «dieses Haus, wo Ein Kind leiben wird, wie iM Garten Ed en! Könnt' mein Kind nicht immer d ablei den?" „Nein, wenn Ihr Sohn ausgekbilldet ist, kehrt er zu Ihnen zurück!" — „Zu mir? — Ich leb im Elend, ich kann ihn nicht ernähren!" „Das braucht Ihr nicht. Mit Gottes Hilfe wird Euer Sohn, wie viele Zögltnge vor chm, ein tüchtiger Mensch werden, der sich sein Brot ehrenhaft und reichlich wird verdienen können." „Und wenn ich nicht mehr leb? Das Kind hat keine Mutter mehr!" - „Tann wird sich die Gemeinde seines annehmen!" -- „Die Gemeinde? Die'schicht ihn in das Armenhäusel." „Nein, nein! Das dulden wir nicht! Wir verlassen keinen Blinden, den wir erzogen haben, wir sorgen für ihn, wenn er keinen Annehmer, hat. Uebrigens, was soll dieser Diskurs -heute; dazu haben.wir wenigstens noch 8 bis 10 Jahve Zeit." „Herr, ich bin ein Vater itrnb muß mich mit Gott beraten!" Ich wurde abberufen und nahm das Gefühl banger Beunruhigung mit mir. - Unwillkürlich wandte ich mich um und sah den Mann an derselben Stelle starr wie' eine. Bildsäule stehen. Erst als ihn sein Kind ,anries, eilte er ans dasselbe mit ansgebreiteten Armen zu. — Vater und Kind trennten sich nun nicht mehr; erst wenn der Knabe im tiefen Schlaft lag, begab sich der Fremde in sein Quartier. Zwischen ihm und mir wnvde am Ausgange der Festtage vereinbart, daß i ch es übernehmen werde, dem Kinde des Vaters Grüße -und das - Versprechen zu überbringen, dc^ er oft schreiben, Hm -etwas Schönes schicken und bald WMer kommen.wolle. Den Abschiedsschmerz hunderter blinder Kinder habe ich miterlebt und miltempsunden, aber «das Verhalten des Kindes, das mein Liebling war von der ersten Stunde an, hatte nicht seinesgleichen. Ohne Wehklage, ohne Sehn-- suchtsschrei hörite das Kind die Botschaft seines Vaters an; nur sein schönes Angesicht wurde immer bleicher, seine HaNd, die er in die meine gelegt, zitterte und still wiederholte er die Worte: „Oft -schreiben" — „etwas Schönes s ch i cke n" — „b ald wiederkomm en!" (Fortsetzung folgt.) ■2M m- - *

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