Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 5 (23.2.1922)
- Date
- 1922-02-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5 Die Wahrheit Seite S -Rassenhaß, der -aber ursprünglich aus einem sozusagen tiebrsch-rassenh asten Trieb hervorgewachsen sein muß" . . . Diese Feststellung ist in ihrem letzteren Teile sehr wertvoll, nur hätte sich der Herr UniversitätZp-rosessor hiebei klar machen sollen, -daß j e-d e m Rassenhaß, m erster 'Reihe dem Antisemitismus, ein tierischer Trieb zugrunde liegt, diesem allerdings aber die Umwandlung m das „sozusagen Verstandesmäßige" versagtchlieb. Dadurch, daß der Versasser nun zum Beweise seiner gewagten Behauptungen ein paar Sätze aus dem Talmud hervorzerrt, wird seine Position nicht besser. Wenn er findet, daß ein „bewußter" Rassenhaß und die Ueberhebung über alle Völker der Erde zum Gebote gemacht wird, ferner, daß degr Mose-scheu „Rachegott" durch den „Propheten" Jesus Christus eine Art Gegen-Gott, jener der Liebe erstand, so müssen wir ihn aufklären, daß in der sogenannten Bergpredigt (Evang. Mathäi, 5. Kap., 17) der Stifter der christlichen Religion ausdrücklich sagt: „Ihr sollt nicht wähnen, daß. ich gekommen bin, das Gesetz (das Gesetz Moses') oder die Propheten -cvufzülösen. Ich bin nicht gekommen anfzulö'sen, sondern zn ers ulken." Christus aber sagte in ein paar Sätzen vorher (Nr. 14): „Ihr seid das Licht der Wett" und fordert seine Zuhörer (vermutlich keine Arier!) ans, ihr Licht leuchten zu lassen „vor den Leuten, daß sie ihre guten Werke sehen"... Sollte dieses und so vieles andere wirklich dem Herrn Professor unbekannt geblieben sein?! - Auch möchten wir ihm zu Gemüte führen, daß zwischen Geboten, die vor dreieinhalb Jahrtausenden erflossen — und übrigens mehr oder minder akademischer Natur blieben, gewiß aber dennoch ihre Berechtigung hatten — und der Ausführung in unseren Tagen ein. himmelweiter Raum -liegt. Der Weltkrieg und der schmachvolle Friede beweist aber, wie unserseits das uralte Gebot: „Du sollst nicht töten" gehalten wird, wiewohl es von Christus ebenfalls übernommen wurde! (Evang. Mathäi, Kap. 5, 2 t). Es fällt uns nicht ein,- uns in eine Diskussion mir ihm über den Talmud einznlassen; wir hätten aber dem Herrn Universitätsprosessor doch so viel Universalität zugemntet, daß er ein wenig diesen fürchterlichen Vorschriften und Lehren gegenüber, die niemals zur Tat wurden — schon wegen der g e r i n g e n A n z a h l Juden nicht zur Tat werden können — sich die viel robustere „Heldenhaftigkeit" des „praktischen" Christentums angesehen hätte. Do müssen wir den Herrn Universitätsprofessor daran gemahnen, daß ungefähr zweieinhalb Jahrtausende nach Erlassung der Dtosöschen Gesetze der deutsche Kaiser Karl I., genannt der Große, der Hanptkämpser für das Christentum und ftir tüe geistliche Hierarchie, viel radikaler zu Werk ging: Er unterjochte das ganze damalige Europa und weil die widerspenstigen Sachsen sich nicht fügen wollten, wurden zum warnenden Beispiel au einem Tage an 4500 geköpft — dies beiläufig 800 Jahre nachVerkündigungderLehrevomGottder Lieb e! Und vielleicht erinnert stch der Herr Universitätsprofessor auch der Tatsache, daß weiters über 1800 Jahre später der Krieg -innerhalb der Vereinigten Staaten in Amerika im Jahre 1862 lediglich aus dem Grunde der Sklaverei ausbrach, wobei die allzeit praktischen und sehr ftomm-christlichen Engländer (moralisch) die Sklavenstaaten unterstützten! Lauter waschechte Arier hüben urid drüben! Ueberhaupt die Sklaverei! Nicht an jene denken wir, »die v o r dem Christentum herrschte, sondern an jene im vorigen Jahrhundert, in dem sich Franzosen und Engländer ob der oft ganz zwecklosen -bestialischen Grausamkeit beim Einfangen und Transport der Schwarzen in schmachvollster Weise befleckten. Allein auch unsere deutschen Stcrmmesgenossen, die Buren, mästeten sich in Afrika aus dem Blute und Schweiße ihrer schwarzen Sklaven in der strupellosesten Weise. (Schilüß folgt.) Inzwischen ist -es Tag geworden; mir ist schon lange vorgekommen, als wenn etwas neben mir plätschern täte, und wie ich Nachschau, da ist hintern Buschwerk ein Brunnen, der sein Wasser hoch in die Luft spritzt. Mir ist eingefallen, daß ich wie Abrahams Knecht, Elieser, am Brunnen steh' und wieder Hab' ich zu Gott gebietet! „Verfüge es doch vor mir und gib mir ein Zeichen, ob Du willst. Gnade und Erbarmen üben an mir und meinem Kinde! Zu den Ersten, der da vovbeiko-mmt, will ich sprechen: „Zeige mir den Weg, den ich gehen soll mit meinem Kind in das Blindeninstitut!" Und wenn er sagen wird: „Ich will dir zeigen, dich aber auch -führen," so werde ich daran erkennen, daß Du, o Gott, willst den Weg gelingen lassen, den ich wandl-e mit meinem armen, blinden Kind!" Und ehe ich allsgeredet Hab', stehe, da kommt ein Wägete von - einem Pferd gezogen, und aus dem Wägele sind Körbe ^nit Gebäck und an den jungen Kutscher tu' ich mein Gebitt und der sagt: „Das trifft sich -gut, fteigt's uns mit -eurem -Bliben, ich fahr' nach Döbling und von da habt Ihr nicht mehr weit auf die Hohe Warte!" Und unterwegs plaudert -er allerlei und erzählt, daß fein Vater, der ein Maurer in Döbling ist, mitgebaut hat am Institut und dann holt der Bursche aus einem Korb zwei Weckerl, gibt einen mir und den andern meinem Kilid und sagt: „Zum Frühstück!" — Alle Brochans (Segnungen) über sein Haupt!" .. Zum Beginn dieser, mit wohlangenbrachten, Hebräischen Zitaten geschmückten, lebhaften Erzählung hatte -der Fremde feine großen, dunklen Augen auf mich gerichtet, nach und nach aber verschleierte und senkte sich sein Blick, nahm seine Rede den Flüsterton an. Ich konnte mich eines unheimlichen Gefühls nicht erwehren und die Frage nicht znrückdrängen, was in dieser Geschichte Wahrheit oder Dichtung eines Schwärmers sei. Die Zöglinge rückten polternd ihre Stühle, drängten fröhlich lärmend dem Ansgange zu. Der Erzähler schrak empor, das schlafende Kind erwachte undwar, ehe es sich versah, von seinen nunmehrigen Genossen fortgezogen. „Darf ich mir ausbMen. das Haus zn betrachten, wo mein Sohn von jetzt an leben wird?" bat der Frenrde. Und da ich mir sagte, daß es sich hier offenbar um die Lösung eitles Seelenrätsels handle, erwiderte ich rasch: „Kommt, ich will Euch selber führen!" Wohl selten ist meine Zeit mehr in Anspruch genommen, meine Geduld auf eine härtere Probe gestellt worden, als auf diesem Gang durch Haus -und Garten. Von allem, was ich -dem Manne zeigte, was er selbst bemerkte, konnte er sich nur schwer lvsreißen; alles bestaunte er mit dem immer wiederkehrenden Ausruf: „Gott's Wunder! Gott's Wunder!" — „In diesem weißen Bett wird mein Kiild schlafen! — So wird mein Kind lesen und schreiben! So wird er die Geige spielen!— In diesem Garten wird er spazieren! — Gott's Wunder! Gott's Wunder!" Aus diesen freudigen Rusen aber hörte ich einen Unterton heraus, der zu vernehmen ist, wenn die Seele einen Entschluß faßt, den das Gewissen bekämpft. Erst als