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Die Wahrheit · 1922-02-09 · Heft 4 (9.2.1922) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 4 (9.2.1922)
Date
1922-02-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 4 Die Wahrheit Seite 9 der jüngsten Zeit und, was förmlich auftenizemd wirken muß, Genossen aus dem eigenen Lager die bei «anderen Gelegenheiten nicht nachdrücklich genug das Solidaritätsgefühl der anderen ausvusen konnten, war der traurige Mut Vorbehalten, in Verletzung der aus diesem Gefühle fließenden Solidaritätspflicht, mit neidisch schielenden Seitenblicken und hämischem Lächeln diese «durch die Person des Kantors eigentlich dem Ewigen gebrachten Opserspenden als ein „Trinkgeld" zu bezeichnen und «diese Verunglimpfung auch noch auf die Straße zu tragen. Soferne diese Herren aber vermeinen, mit diesem an den Grundpfeilern «der Kantorenexistenz «bedenkenlos rüttelnden Vorgehen ihre eigenen geheimen Wünsche zu fördern, befinden sie sich in einem gewaltigen Irrtums. Caveant consules! Ich möchte diese Herren hier an die bekannte Erzählung des Äöenenius Agrippa von dem revoltierenden Streik der Gliedmaßen gegen den Magen erinnern, um zu erweisen, daß wie jede Sünde wider die Natur am eigenen Körper, so auch jede Schädigung der Eintracht in einem gesellschaftlichen Körper naturnotwendig sich rächen muß. Ich will zu diesem Zwecke, als Beleg für unseren Fall, ein Zitat aus der Antrittsvorlesung des Pros. Dr. Heinrich Neumann anführen. Dort heißt es: .,Die Musik beeinflußt den ganzen Organismus. Feierlich langsame Melodien wirken, auf den Stoffwechsel hemmend, der Puls und die Atmung verlangsamen sich, die ganze Gemütslage wird ernster und getragener. Diese Wirckung nützt die Kirche aus, um durch die Kirchenmusik hie Gemüter zur Andacht zu stimmen." Analog werden die Zuhörer in der Snyagoge zu höherer Andacht gestimmt durch den Vortrag des Kantors und durch den Gesang des -assistierenden Chors — vorausgesetzt, daß die Beter in dem Kantor den nach der Vorschrift des Schulchan Aruch würdigenden Scheliach Zibbursehen. Wenn aber durch tendenziöse Verunglimpfungen uns dem eigenen Lager die Achtung vor dem Kantor und sein Ansehen im Volke erschüttert wird, daun ist «dies eine schwere Versündigung am ganzen Kultus, in dessen Mitte seit Jahrhunderten noch immer der Gottesdienst steht. Da kann es dann auch nicht Wunder nehmen, wenn als rächende und natürliche Folge hievon, alle Versuche scheitern, die Gemeindeiniglieder für den Notstand der Kultusgemeinde zu interessieren und sie zu höheren Beitragsleistungen anzuspornen; wenn sie vielmehr, trotz aller wohlgemeinten und gründlich motivierten Ausrufe, in ihrer tatenlosen Indolenz verharren. Sie sehen dann oben in der Knltusgomeinde nichts anderes als eine große Wohltätigkeitsanstalt. Der Nimbus ist gewichen, verdüstert der helle Strahlenglanz der Gläubigkeit und ernüchtert und seelisch verwirrt stehen sie im Tempel, wie vor dem Grabe ihrer schönsten Hoffnungen. In: Gegensätze hiezu herrscht in den konservativen Synagogen, wo die Kantoren noch im alt-traditionellen Sinne geschätzt und gewertet werden, ein reger, ja geradezu heißer Wetteifer, die Bethäuser und ihre Funktionäre zu erhalten. Dies mit vollem Rechte. Denn gerade in diesen harten, noch nie dagowefenen schweren Zeiten haben die meister: Kantoren sich als ehrenwerte, ihres Amtes würdige Männer erwiesen, die trotz drückender Entbehrungen und trotz härtestem Existenzkämpfe pflichtgetven und klaglos ihrem Berufe oblagen. Daß diese Tatsache vielfach übersehen und vergessen, daß sie nicht genügend gewürdigt wurde, ja daß die Kantoren von ihnen nahestehender Seite sogar noch verhöhnt und beleidigt werden konnten, — ist eine treffende Illustration für die bedauerliche und tieftraurige Feststellung, daß leider nur ein Teil der Kultusgemeiude-Angeftellten mit dem inneren Wesen und den grundlegenden Ideen des Judentums vertraut ist. Darum rufe ich speziell jenen Männern, die das verantwortungsvolle Amt, imi-chaben, den Vorstand der Kultusgemeinde über diese Angelegenheiten zu iusormieren und berufen sind, bei Erstattung ihres Referates eine oft folgenschwere, richterähnliche Tätigkeit' zu entfalten, mutatis mutandis, die Worte des 3. Buches Moses, Kap. 19, Vers 15, als Richtschnur für ihr Verhalten nochmals ins Gedächtnis: Ihr sollt nicht unrecht handeln am Gericht und sollt nicht vvrziehen den Geringen, noch den Großen ehren; mit Gerechtigkeit sollst du richten deinen Nächsten. Mathias M L t y L s, Erster Kantor der Wiener isr. Kultusgemeinde. Heidentum, Christentum, Judentum.*) Von Tr. Max G r u n w a l d. I. B r o d s neueste Veröffentlichung ist ein Buch, das man nicht nur rksen, mit dem man sich vielmehr auseinandersetzen muß. Schon der Titel fordert heraus. Er stellt, im Widerspruch mit der landläufigen Hebung, das Judentum als vollwertige , Großmacht neben das Christentum. Hiemit ist von vornherein ein Gegensatz statuiert wo man sich gewöhnt hat, nur ein prius zu einem posterius, eine Vorstufe zu einem Höhepunkt, eine Schale zu einem Kern zu sehen. Ein solches Judentum, das vom Christentum soweit absteht, wie beide vom Heidentum, muß aber erst diese Sonderstellung, diesen Machtainspruch rechtfertigen. Dies versüßt Brod in dem vorliegenden „Bekenntnisbuch". Die drei rm Titel genannten Religionen oder genauer Weltanschauungen sind darum aus der Fülle der Spielarten menschlicher Stellungnahme zum Uebersinnlichen herausgegriffen, weil die beiden ersten, Heidentum und Christcntimr, wenn auch nicht offen zu Tage tretend, das Handeln «der Herr-snvökker der Gegenwart und damit derzeit das Schicksal der Menschheit 'bestimmen, währertd die dritte, das Judentum, nach Brods Ueberzeugung, die weltbeherrschende Rolle übernehmen muß, soll nicht die schon weit genug fortgeschrittene Selbstzerstörung der Kulturwelt zum völligen Chaos führen. Unter Heidentum versteht Brod die Bejahung aller in der materiellen Welt sich answirkenden Kräfte und Triebe: Wie Hegel sagte: „Alles, was ist, ist «vernünftig", sagt der Heide: „Alles, was ist, ist göttlich", und seine Gottheit ist nichts anderes als das idealisierte Spiegelbild dieses natürlichen Seins. Das strikte Gegenteil hievon lehrt das Christentum. Es negiert alles Irdische «als sündhaft und stellt es in Gegensatz zu einer höheren Welt. Nur eine einzige Brücke führt über diesen Abgrund. Der Sühnetod des Heilands hat sie geschlagen und nur die von der Gnade Erwählten können sie passieren. Den Heiden drängt es, sich auszuleben. Der christliche Typus ist der Mönch und Asket. Das hindert nicht, daß unter christlichen Schlagworten das Heidentum in weltzerstörendem Raubmord sich austobt. Welche Stellung nimmt hierzu das Judentum? Die Antwort hierauf gibt Brod mit einer grundsätzlichen Unterscheidung auf dem Gebiete der Theodizee. „Wie verträgt es sich mit der Annahme eines *) Max Brod, Heidentum, Christentum, Judentum.' Kurt Wolfs, München.

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