Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 4 (9.2.1922)
- Date
- 1922-02-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063949-3063953--11602-3079014- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«Sette 6 Die Wahrhtzir. Erhaltung und Förderung der. drei integrierenden Bestandteile des Programmes der jüdischen Gemeinde: Tora-, Kultus- und. Wohlfahrtspflege. Wer bei den Kulruswahlelr kandidiert, wird sich inehr für das eine oder das andere Gebier' berufen fühlen und zur Mitarbeit bereit erklären können. Im Wahlkampf wind als Plattform am besten dienen die Parole: Jüdische Kulturpartei. So wie die Kultusgemeinde politischen Parteikampfen entrückt bleiben muß, so ist es auch dringend geboten, ihr Schiss nicht an den Klippen sozialer Gegen-, säße zerschellen zu lassen. Man kann die Charybdis der Plutvkratie vermeiden, braucht aber darum noch nicht in. die Scylla der Ochlokratie zu geraten. Plutokratisch war die jüdische Gemeinde der Vorzeit. Einige Berrnogende trugen die gesamten Gemeindekosten. Später, als dem Inden auch die geistigen Berufe und selbst die Laufbahn des öffentlichen Beamten sich geöffnet hatten, wurden auch aus diesen Kreisen Vertreter von Ansehen und Einfluß in die Gemeindeleitung gewählt. Die Vorteile lagen offen zu Tage: Die finanziellen Bedürfnisse der Gemeinde begegneten keinen Schwierigkeiten der Bedeckung. Mit den Behörden wurde dank der persönlichen Geltung der Vorsteher leichter verhandelt. In der Gemeindestube herrschte ein amgemessener Ton. Das Ansehen der Gemeinde blieb nach innen wie nach außen auf einem hohen Niveau. Das Streben, in den Vorstand zu gelangen, entsprang — von Ausnahmen abgesehen — nicht materiellen Interessen, auch nicht dem Macht- und Titelkitzel, sondern dem ganz natürlichen Wunsche, zum Wohl rmd zur Ehre der Glaubensustd Stammesgemeinschäft beizutragen zu der man sich bekannte. Keine menschliche Institution kann aber dem Los des Verfalles entgehen. In demselben Maße als das jüdische Bewußtsein an Starke verlor und Es deranderen Seite das wirtschaftliche Leben an Intensität zunahm, erlahmte bei vielen Vorstcurdsmitgliodern der Eifer für ihr Amt. Man. überließ die Arbeit besoldeten Angestellten und wurde porstieg, auf den Armen einen kleinen Knaben tragend, während zwei Mädchen sich an ihr Kleid klammerten. Vom Wurfe erschreckt, fiel das Weib nieder und mit ihr fielen die Kinder. Bestürzt eilte ich herber, sie aufzurichten. D i e 3 Ki nder w a. ren lllind, aber auch die Mutter! Schwer gelang es mir, der in einem mir unverständlichen Dialekt erzählten Leidensgeschichte der Unglücklichen zu folgen; nur eines begriff ich rasch, daß die Kunde, man könne Ech Es „s o l ch e n e n" Kindern „M e n s ch e n" machen, die blinde Mutter bewogen hatte, aus dem fernen Osten, in Hunderten von Leidensstationen, die Reise nach Wien zu unternehmen, die Gefahren nicht scheuend, welche die blinde Mutter umlauerten, die Entbehrungen entsagungsstark überwindend, die auch die Menschenliebe der Glaubensbrüder und «-Schwestern nicht ganz fernzuhalten vermochte. Das arme, blinde Weib konnte weder ein Ausnahmsgesuch, noch einen Geburts- und Heimatsschein vorweisen. Wozu aber auch? Stand nicht in -den vier erstorbenen Augenpaaren die herzergreifende Bitte zu lesen: „Erbarmt Euch unser! Helfet uns!" —-Hakte nicht das grEsame Schicksal das Zeugnis geschrieben: „Ihr seid zum Unglück geboren!" und Nr. 4 zur Unter\chreibmaschine. Die Sitzungen Hüten unter dem Fernbleiben der einen, der Ungeduld der anderen. Der Weg sowohl zur Autokratie als Ech zur Bürokratie war geebnet. Der Ueberflutung mit Elementen, die weder für" eine gedeihliche Gemeindeleistung noch für würdige Vertretung nach außen eine Gewähr boten, war einigermaßen durch das Gemeindestatut ein Damm entgegengesetzt. Einer Demagogie, die nicht nach Grmchsätzen, fordern nur nach Msichten handelt, war kein Spielraum gewährt. Daß man, wie eine unentbehrliche moralische Zensur, -auch euren Zensus aufrecht erhielt, geschah nicht aus unsozialem Empfinden. Es war einfach notgebotene Fiskalpolittk. Eine Erstreckung des Wahlrechtes auf Mndeftbenvittelte, die nicht mehr als einen Änerkennungszins zu zahlen imstande sind, ist beim Staat oder der Kommune angängig, die ihrrn Bedarf durch indirekte Steuern zu decken in der Lage sind. Die jüdische Gemeinde hingegen, die hauptsächlich aus die Kultussteuer angewiesen ist, darf beim wärmsten soziattn Empfinden den Hechstbesteuerten nicht zmmtten, daß ihnen der Einfluß auf die Gemeindeleitung ans der Hand genommen wird. Das Schreckgespenst des Ärslrittes ans der Gemeinde braucht gar nicht erst l.eimifbefchworen zu werden. Die Klugheit gebietet es, nach Möglichkeit keinem die Freude an der Gemeinde zu verlerderl, am wenigsten denen, die an ihren Lasten am schwersten zu tragen haben. Wie aber steht es mit den Einnahmen, die einer indirekten Besteuerung unterliegen? Man mag immerhin Friedhofs- und Trauungstaxen der höheren Klaffen urrd dergleichen als Luxussteuer behandeln. Bei Schechita, MiLwch mrd anderen rein religiösen Bedürfniffen kommt schon eine andere Rücksicht in Frage, die jeder jüdischen Gemeinde über der finanziellen stehen muß: die Erhaltung des jüdischen Lebens. Da duldet der Bogen keine allzustraffe Spannung. Was in einer Zeit religiösen Aufschwunges praktikabel ist, bedeutet in einer Aera des hat der, welcher von Ort zu Ort sein Brot vom Erbarmen erbitten muß, eine Heimat? — r~ Schwer war der Kampf, den wir geigen-die feindseligen Gewalten führen mußten, welche das Elend in den Seelen der Kinder großgezogen. Aber wir errangen den Sieg. Es ist uns gelungen, Es dem Knaben einen „Menschen^ zu machen. Zum trefflichen Klavierstimmer hecrngeblidet, ist er durch seine Intelligenz, seine strenge Ehrenhaftigkeit, seinen sittlichen Ernst zu einem allgemein geachteten, wohlhabenden Klavierhändler geworden. Er hat eine wackere Frau gewonnen, seine Kinder erzieht er zu allem Guten. Treu' sorgt er für seine kränklichen Schwestern, pietätsvoll bereitet er sjeiner Mutter ein glückliches Alter.- * Und was ist aus jenem Geschwisterpaar geworden, das den Anlaß zur Begründung des Israelitischen Blinden-Jnstituts gegeben? __ _ Das Mädchen hat Gott in das Reich des ewigen Friedens emporgeführt, chr Bruder ist der Stolz unserer Anstalt. Wer ihn sucht, der wird ihn als einen der angesehensten Gewerbetreibenden Mens, der mehr als hundert Arbeiter beschäftigt, mehrere Verkqufsläden führt, in seinem eigenen Hause beglückt an. der Seite einer trefflichen Gattin finden. (Fortsetzung folgt.) rSä