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Die Wahrheit · 1922-02-09 · Heft 4 (9.2.1922) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 4 (9.2.1922)
Date
1922-02-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Ar. 4 Die Wahrh te 1 Seite 5 Die obwaltenden Umstände komplizieren jedoch dieses Programm bis dicht an die Grenze der Undurchsübrbarkeit. , Die Schwierigkeiten, denen es begegnet, sind verschiedener Natur. Zunächst stößt man aus einen innerpolitischen Zwiespalt. Die einen wollen die Kultusgemeinde in eine Volksgemeiude umwandeln. Der nationale Charakter, den sie dem Judentum vindizieren, soll auch in der Gemeinde den Ausjchlag geben. Wir sind der Meimmg, daß schon die Hineintragung politischer Gegensätze in die Gemeindestube vom Uebel ist. Was wir in Staat und Kommune erleben, daß alle Fragen bis in die kleinsten Personalien hinunter zu einem Politikum, zur Parteisache werden, muß mm ©er jüdischen Gemeinde serngehalten werden. Sie soll ja gerade im wogenden Meer der divergierenden politischen Ansichten und praktischen Interessen eine Friedensinsel bilden, auf der sich alles, was sich zum Judentum bekennt, brüderlich zusammensiudet zur Stärtwifl des jüdischen Geistes und Lebens, wie zur gemeinsamen Abwehr nach außen. Nun kaum man freilich über den Begriff des „Jüdischen." in Theorie und Praxis sowie über die Methode der Abwehr verschiedener Ansicht sein. Schon hier zeigt es sich deutlich, daß es sich bei der Umgestaltung in eine Volksgemeinde nicht um eine Frage der Form handelt. Es wird vielmehr das Wes-m der bisherigen jüdischen Gemeinide vollständig aufgegeben. Drei Faktoren sichern die Basis dieser Gemeinde: Die Thorapflege, der öffentliche Gottesdienst und die soziale Fürsonge. Sie bilden die Obliegenheiten des Rabbiners^ Er hat die Gemeinde mit den Lehren des Judentums und seiner Geschichte vertrant zu machen, den Gottesdienst zu überwachen und durch zu Herzen gehendes Wort zu vergeistigen, den Gemeindemitgliedern in allen ihren Nöten mit Rat und- Tat zur Seite zu stehen. Die Ueberhandnahme darin diese Bezirke entfallenden Pflichten, wie sie eine Großgemeinde naturgemäß mit sich bringt, führte mit Notwendigkeit zu einer Teilung der Arbeit. Der Religions¬ Mchr war von dem Kinde nicht zu erfahren, denn es war in tiefen Schlaf gefallen. Die Mutter kam nicht, aber andern Tages zur frühen Morgenstunde kam 'der Direktor des Rothschild-Spitals, Dr. Bernhard Wölsler, Kurator des Blnrden-Jnstitnts. „Gestern Nacht haben Sie ein fremdes, blindes Kind im Hause gefunden! Ich bitte, führen Sie mich zu ihm!" redete er mich in schmerzlicher Bewegung an. Dr. W ö l f l e r, ein Wohltäter der Menschheit, dessen reiches Silberhcmr sein mildes Antlitz wie ein Strahlenkranz der Herzensgute umgab, stand lange vor dem Bettchen, in welchem das arme, blinde Kind noch immer fest und'ruhig schlief. „Dü armes, armes Kind, hast keine Mutter mehr!" sprach er feuchten Auges, wie zu sich selber und nach einer Weile zu mir: „Gestern Nacht kam in tiefer Erschöpfung ein Weib zu uns ins Spital. Mühsam erzählte sie, daß sie ihr blindes Kind hierher gebracht; sie nannte dessen Namen und den ihren, dann sank sie um und erhob sich nicht wieder!"- Das blindeMädchen ist f ü r i m m e r e i n K i n d unseres Hauses geworden. Jahve waren dahingegangen. Der Frühling war wiedergekommen und goß seine sonnige Verklärung aus über die ganze Wellt, auch über das Haus, in welchem die Kinder mit dem erstorbenen Blick in tiefer, ewiger Dunkelunterricht nimmt besondere Kräfte in Anspruch, die soziale Fürsorge bedarf zahlreicher Mitarbeiter. Hiezu tritt die Sovge^ um die Erhaltung der religiösen, kulturellen und humanitären Institute und der Angestellten. Ein weitverzweigter Verwaltungsappavat ist unentbehrlich, demgemäß eine wachsende Steuerbelaftuug. Und diese wiederum wird beim besten Willen mir erträglich, wenn die Leistungen der Gemeinde in allen genannten Richtungen 'befriedigen. Ein großer Komplex von Aufgaben und Pflichten, die mit dem umfassenden Titel „Jüdische Kultur" bezeichnet werden können. Erscheint hierfür die Bezeichnung „Knltusgemeimde" zu eng, so dient die historische Entwicklung, als Erklärung. ..Man könnte statt dessen „Jüdische Gemeinde" sagen oder aber, um präziser sich anszudrücken, „jüdische Kulturgemsinde". Jedenfalls würde mit dieser Bezeichnung betont, daß das religiöse Moment in der Umgrenzung des Pskichtenkreises einer jüdischen Gemeinde im Vordergründe stehen muß. An di^'em Grundsatz ist unbedingt feftzuhalten. Mit ihm steht und fallt die jüdische Gemeinde, wie wir sie bisher verstanden haben und verstehen wollen. Daß zu diesem Pflichtenkreise auch,die Arbeit für das heilige Land gehört, braucht nicht erst gesagt zu werden. So war es von jcher und so soll es auch bleiben. Welcher politischen Richtung das eine oder das andere Gemeindemitglied huldigt, kann und muß für die Gemeinde und die Zusammensetzung ihres Vorstandes belanglos bleiben. In ihrer Leitung ist nur Raum für die spezifisch jüdischen, d. h. jüdisch-kulturellen Interessen. Jnerhalb einer politischen Partei gibt es in manchen Ländern jüdische Gruppen. In einem sogar einen jüdischen Klub der kommunistischen Fraktion, nicht zu verwechseln mit den „Poale Zion" oder einer anderen besonderen jüdisch-nationalen Parteigruppierung. So kann es auch in einem Gemeindevorstand einzelne Gruppen geben, die bald ans diese, bald aus jene Funktion das Schwergewicht legen, alles aber im Rahmen 'der gemeinsamen Fürsorge für die heit emporstreben nach dem Heil des Lebens. Im Vorgarten der Anstalt standen die Fl-iederbüsche in reicher Blüte, sangen die Amseln Hoch oben auf den Bäumen. Ein Glockenzeichen ward gegeben und in ihren Arbeitskitteln, Hand in Hand, oder paarweise umschlungen, kamen die Zöglinge in den Vorgarten. Mit geöffneten Lippen hoben einige das Angesicht empor, als wollten sie des Himmels Sonnenwärme, des Frühlings Duft in die Seele saugen, andere streckten die Hände dem Quell des Lichts entgegen und fuhren sich dann über das Angesicht, als wollten sie es beloben, und wieder andere hatten sich ganz dem Vogelfang 'dahingegeben. Da kam der Gärtner mit Leiter und Schere daher und rief fröhlich: „Kinder, wer will Meder hüben!" Es ist kaum glaublich, daß eine frohbewegte Kinderschar im hellen Aufruhr mit dem kleinen Worte „ich!" einen solchen Spektakel vollführen konnte, so daß die Vorübergehenden auf der Straße stehen blieben und lächelnden Angesichts wohlgefällig durch das Gitter das Treiben beobachteten. „Stellt Euch daher!" kommandierte 'der Gärtner, „haltet Eure Kittel auf und gebt acht, ich werfe jedem einen Strauß hinein!" Jauchzend empfingen die Kinder die Wütenzweige; nur einer derselben verfehlte fein Ziel und traf ins Angesicht eines Weibes, das mühselig die Eingangstreppe em-

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