Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 4 (9.2.1922)
- Date
- 1922-02-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die W ahrheik';dbc Brust gesenkt!" O Kultur und wÄtgeschichtliche Größe! nutz »rächst du zuschanden die Prophezeinng des Jesala! (H, 4.) „Man wird schmieden die Schwerter zu Sensen, die Speere zu Winzermefser und nicht mchr HM Volk gegen VE das Schwert und nicht lernen sie 'fürder Krieg", wenn heute, fast 1900 Jahre nach dem Auftreten der Person Jesu ganz Europa in Waffen starrt und Bruder gegen Bruder kampfgerüstet zum Blutvergießen bereit ist! Trotz der Freimütigkeit und Scharfe, womit Dr. Rieß seinen Standpunkt «als begeisterter Jude vertrat, vielleicht gerade deshalb, bewahrte Hm sein berühmter Gegner die wärmste Sympathie und Verehrung, die sich einige Monate spater, nachdem der Briefwechsel ohne Sieger oder Besiegte geendet hatte, in einer höchst schmeichelhaften Weise äußerten. Professor Delitzsch widmete nämlich am 14. Juni 1887 sein Werk „Ein Tag in Kapernaum" Herrn Dr. Hermann Rieß mit den Worten: „Herrn Dr. meid. Rieß mit der Bitte, dieses Büchlein als Abschluß unseres brieflichen Gedankenaustausches anzunchmen. Franz Delitzsch, Leipzig, Juni 1887." Dr. Meß beantwortete dieses, den Spender wie den Empfänger gleicherweise ehrende Zeichen geistiger Hochkultur mit einem gebührenden Schreiben, desien Schlußzeilen noch jetzt Hren Eindruck nicht verfehlen können: „Und nun gewahren Sie mir, hochgeehrter Herr Professor, folgende Bitte: Wenn die grauen Nebel der Unwissenheit und der Bosheit, welche über unfern Häuptern sder Juden nümMch) schwckben Au einem dränerchen Gewalke sich verdichten, und wenn aus dem Meere mittelalterlicher Finsternis die in dessen Tiefen ruhenden schauerlichen UngHeuer des Glaubens- und Rassenhasses «an die Oberfläche getrieben werden, dann mögende, hochgeehrter Herr Professor, angetan mit dem Kleide der Wcchrheit und Gerechtigkeit und nmgürtet mit dem Gurte der Liebe, aus Hrer Studierstube in die Oeffentlichkeit himmstreten und -die Finsternis verscheuchen, das Gewölle zerteilen und Nr. 4 Licht und wieder Licht ausstvahlen und aussttöMen lassen kraft Ihres Zauberwortes der Wahrheit und der Liebe!" So Dr. Rieß an Delitzsch, den Vater. Delitzsch, der Sohn, hat es allerdings für gut 'befunden, die Manen jenes beleidigend, ein Schmähwerk gegen die Juden zu verfassen. Und so gestaltet sich der obenerwähntie Briefwechsel auch zn einer Anklage gegen den Autor der „Großen Täuschung". Die Kultuswahlen. Von einem genauen Kenner der Wiener Kuiltusverhältnisse erhalten wir den nachstehenden Artikel, der viele beachtenswerte Anregungen enthält. Manche der zum Ausdruck gebrachten Ideen werden vieMcht auf Widerspruch stoßen, der, in sachlicher und würdiger Form geäußert, in der „Wahrheit", die jede Partei Mm Wort kommen läßt, Raum sinden wird. Unter allen. Umständen erscheint es, wie auch der Verfasser in seiner Zuschrift an uns richtig betont, ratsam und notwendig, daß die nächsten Kultuswahlen die Gemeindemitglieder -nicht unvorbereitet finden, «daß sie sich auf ein -lebensfähiges, die Forderungen der Zen beachtendes Programm einigen und sestlegen, und diesem Ziele dient der folgende Artikel. „Wer wagt es, Rittersmann ober Knapp?" Wer hat den Mut, in 'diesem kritischen Moment in die Leibung ucksorer Kultusgemeinde einzutreten? „Reine. Hände und lauteres Herz", wie sie der Psalmist für den Aufstieg zur Leitung des Kultus fordert, genügen in diesen stürmischen Zeitläuften nicht. Die Hände müssen auch energisch durchgreifen können lind bas Herz muß dreifach gepanzert sein. Aber das wichtigste ist ein Programm! Dieses Programm, sollte man meinen, ist für einen Kultus Vorstand von selbst gegeben. Er hat den Kultus zu pflegen und den auf ihn vorbereitenden Religionsunterricht zn regeln. Hiezu tritt für den Wiener Kultusyorstand noch eine politische Aufgabe: die Angelegenheiten der jüdischen Religionsgemeinschaft vor den Behörden zuvertreten. »SS Feuilleton Uw« Bilder aus dem Israelitischen Dlinden- Institute. Bvrr DirMor S. Heller. (1. Fortsetzung.) Dem Auge unsichtbar, aber fühlbar jedem guten Herzen leuchten über der Anstalt die Worte: „Go ttv ertr auen! Menschenliebe! Arbeitsfreude! In diesen heiligen Zeichen wird jedes blinde Kind von seinem Eintritt bis zum letzten Tage seiner Ausbildung geleitet. Von seinem Eintritte? Nicht in jedem Falle kann von einem -solchen in wörtlicher Bedeutung die Rede sein, denn nicht selten werden die Kinder in körperlicher und geistiger Verwahrlosung auf den Armen der Mutter in die Anstalt getragen, weil sie auch bis zum 8. Lebensjahre zu gehen nicht erlernt haben. Aufopfernde, nie -ermüdende Liebe überwindet diese wie andere Schwierigkeiten, rüstet auch diese Kinder mit Selbständigkeit und Erwerbsfähigkeit für das Leben aus.g Die Schmerzensgestalt einer Mutter, welche ihr blindes Kind in die Anstalt auf den .Armen getragen und die ich nie gesehen, steht im geistigen Bilde vor mir. Es war in einer finstern Novembernacht. Ich saß vor »deiner Studierlampe, um in einem Buche zu lesen; alle Gedanken aber zerriß der wilde Herbstfturm, der draußen, heulte, stöhnte, weinte. D o ch w a s w a r d a s? Nicht vor dem Fenster, vor der nächsten Türe weinte es! — Erschrocken sprang ich ans und folgte den Schmerzenslanten. Da fand ich auf einer der Stufen im Vestibüle zusammen gekauert, das mit einem Tuch verhüllte Haupt an die Wand gelehnt, -ein fremdes, kleines, blindes Mädchen im dürftigsten Gewände. Ich faßte seine eiskalte Hand, um es in die Stube zu führen, das Kind sank aber immer wieder zusammen; es konnte offenbar nicht gehen. Da trug ich -es, von seinen Aermchen fest umklammert, zu meiner Frau; wir labten es mit warmer Milch, die es unter Schluchzen gierig trank. „Um Gottes Willen, Kind, wer hat dich bmn hergebracht?" .rief ich endlich das Mädchen an. „Meine Mutter", war die Antwort. „Und wo ist deine Mutter?" „Sie ist fortaegangen; sie kommt bald wieder!" war die Auskunft. 5343118451