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Die Wahrheit · 1922-02-09 · Heft 4 (9.2.1922) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 4 (9.2.1922)
Date
1922-02-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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MManMeHeWrffk für Fernruf c 42-Ä-JT RE DA KTiOfl u-ADMlN fSTRAT?Oii Wir» 2., Keinestratze 13 XXXVUl. Jahrgang Wien, 9. Februar 1922 Nummer 4 Eine Anklage. Die Kunst -des stilvollendeten BriöfschreDens, wie sie im 18. Jahrhundert zur hohen Blüte und Pflege gelangte undim kostbaren Besitzstand der Literatur ein Unvergängliches bildet, gehört Zu den überwundenen Erscheinungen. Um so «angenehmer berührt ein aus dem Jahre 1888 stammender, der Vergessenheit entrissener „Briefwechsel Mischen Professor Franz Delitzsch und Dr. Hermann Rieß, praktischer Arzt in A u s p i tz" als Sonderabdruck einer Korrespondenz, die seinerzeit in der gleichfalls der heutigen Generation unbekannten Mischen Wochenschrift ..D i e N euz e it" erschien. Die Veranlassung zu diesem damals vielbesprochenen Gedankenaustausch war eine sehr leidige. Der Bezirksrabbrner von Tapio-S-zele, ein Herr I. Lichtenstein, hatte eines Tages sein Herz für das Chrfftentunr entdeckt und seiner Ueberzeugung schriftlichen Ausdruck gegeben. Pros. Delitzsch, der berühmte Gelehrte, der «auch in dem bekannten Rohling—Bloch-Prozeß durch seine Verteidigung der Juden und des Talmuds eine Rolle spielte, konnte nicht umhin, «als begeisterter Christ an den ungarischen Rabbiner ein «anerkennendes und ermunterndes Schreiben sn richten, gegen welches Dr. Rietz mit einem offenen Schreiben in der „Neuzeit" Stellung nahm. Der weltbekannte Gelehrte, den Dr. Rieß als „Heros der hebräischen Literatur" ansprach, und der schlichte Landarzt in wissenschaftlichen Kontroversen, das schien ein Duell zwischen ungleichen Kämpsern. Es zeigte sich aber im Verlaufe «der gegenseitigen Korrespondenz, daß auch Dr. Rieß wacker seinen Mann stellte, im Talmud und allgemein jüdischen Wißen wohl beschlagen war, jeden Hieb geschickt Parierte und in Verteidigung wie Angriff hervorragend war. Es war, csls ob zwei seine Toledaner- Ni-ng-en aufeinander trafen, Schlag aus Schlag stoben die hellen Geistesfunken, und trotzdem wurde der Kamps mit jener Höflichkeit des Herzens, mit jener Eleganz geführt, die unseren Polemikern gänzlich abhanden gekommen ist. Aus einer Stelle der Briefe Dr. Metz' geht hervor, daß der Judenchrist Lichtenstein seine religiöse Schwenkung durchaus nicht aus innerem Drange vollzog, sondern praktischen Beweggründen folate. Zum Verständnis dieser Beschuldigung muß man wißen, daß in den Siebzigerjcchren in England die „Gesellschaft zur Verbreitung des Ehristentums unter den Juden", die ,Jewifh Mißion", eine außerordentlich rege Tätigkeit sowohl im englischen Heimatslande als auch anderwärts entfaltete. Sie verfügte über ein für damalige Verhältnisse riesiges Vermögen von sieben Millionen Pfund und hätte den Prinzen von Wales, späteren König Eduard VII., zum Protektor. Ihr Seelensang beschränkte sich nicht nur auf die armen polnischen Juden des East-End, sondern sie warb auch in besseren JntelligenzkreiM. Ihre reisenden Mißionäre waren fast-durchwegs galizffche Proselyten, die «für ihr Geschäft in einem besonderen Londoner Institut -ausgebildet wurden. Schreiber dieses hatte im Wsltausstellungsjahre das problematische Vergnügen, solch einen Seligmacher kennen zu lernen. Es ist immerhin möglich, daß Rabbiner Lichtenstern den Lockungen eines solchen Apostels unterlag. Dem fei nun «wie ihm wolle, Tatsache ist, daß der Fall Lichtenstern, im Judentum das größte Aufsehen und Aergernis erregte, besonders nach dem Eintreten des berühmten Profeßor Delitzsch. Da war es mm Dr. Hermann M-eß in Auspitz, der den hingeworfenen Handschrch aufucchm und für das Judentum in die Schranken trat. Die Frage der Gottmenschlichkeit, die in dem Briefwechsel kontrovers wurde, soll natürlich hier unberührt bleiben, dagegen wird man noch heute mit lebhaftem Jntereße lesen, was Dr. Rieß betreffs der kulturgeschichtlichen Auswirkungen, die von der Person Jesus «ausgegangen fern sollen, Profeßor Delitzsch erwiderte und sich wie eine flammende Anklage «gegen jene Knltrrrauswrrkungen formulierte: „Sind nicht die Menschen jeden Zeitalters, jeder Generation feit dem Erscheinen Jesus aus der Bühne der Geschichte ärger als die Bestien gewesen? Weiß das heidnische Altertum soviel «und von solchen mörderischen Szenen zu erzählen, wie sie das Mittelalter und die neue Geschichte bis auf die Gegenwart, diese mitinbegriffen, dargedoten hat und darbietet? Habe ich es nötig, Ihnen, hochgeehrter Herr Profeßor die Rohheiten des Raubrittertums, die Greueltaten der Kreuzzüge, die langwierigen Kriege der Resormationsperiode vor Augen zu führen? Die kulturgeschichtliche . Entwicklung ist wohl langsam, aber stetig, oft unter Rückfällen, jedoch ohne Zusammenhang mit dem Auftreten der Person Jesu vor sich gegangen; ja ich halte es sogar für sündhaft, christlicherseits, die fiilturgeschichtlichen Wirkungen mit der Person Jesu in dire«?ten Zusammenhang zu bringen; denn Jesu, welcher die Liebe und nur die Liebe stets im Munde führte und sie auch zeitlebens betätigt hat, würde gewiß den Christen einer jeden Zeitperiode zugeruien haben: „Eure Hände sind voll von Blut; waschet euch, reinigt euch, leget euren bösemWandel ab." sJes. l, 15—16). „Ich mag mit euch keiüd Gemeinschaft haben denn ihr habt die Liebe in Haß, das Heil in Gift, das Wohl in Wehe verwandelt! Ihr habt Hekatomben meiner Glaubensgenossen, meiner Brüder und Schwestern, durch Folter und Marter, durch'Feuer und Wasser, durch Dolch und Schwert, durch Gift und Galle getötet, gequält und vernichtet! Ihr habt den ganzen Erdball zu einem Rauchaltar gemacht, in eine Brandstätte umgewandelt; ihr habt unsägliches Elend in jede Hütte gebracht, schreckliches Unglück auf jede Familie gehäuft, unendlichen Schmerz in

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