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Die Wahrheit · 1922-01-26 · Heft 3 (26.1.1922) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 3 (26.1.1922)
Date
1922-01-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Herte iÖ Die W w)in Standpunkt, der -durch unsere Religion der Humanität gefordert wird, ist unbedingt nicht nur „menschliches Mitgefühl", sondern auch Betätigung desselben zu fordern. Diesen nationalistischen Deutschen fehlt aber — wir wiederholen es — das erstere und somit kann man von ihnen auch keine Betätigung des Mitleidsgefühls erwarten. Beispiele brauchen Herrn Dr. Max Naumann doch wohl nicht gegeben werden, in seiner Vaterstadt sind doch die Oftjudenhetzen der Deutschnationalen ebenso auf der Tagesordnung wie in unserem lieben Wien, das sogar eine Leuchte auf diesem Gebiete besitzt, den famosen Waber, besten Tage nun doch gezählt sind. Jüdische Frechheit. Trotz des Wiederauflebens des Liberalismus oder vielleicht gerade.deshalb gibt es in der ungarischen Nationalversammlung noch immer solche Verblendete, die der Meinung sind, Ungar:: brauche zu seiner Gesundung den Pogrom und eine „entschiedene reaktionärchristliche Richtung". Zu diesen Leuten gehört auch der Wgeordnete Georg H e g e d ü s, der eiferte, daß es eine Annäherung an die Arbeiterschaft nur im Zeichen des Kreuzes geben könne und nur, wenn sie endlich einmal ihre jüdischen Führer, von denen sie politisch in die Irre geführt worden sei, abschüttle. Denn Ungarn sei dem Judengesindel immer feindselig gewesen, habe es doch in Tyrnau in jener schönen Zeit sogar Judenverbrennungen gegeben. Daß das im fernen Mittelalter und Ungarn eines der ersten Länder war, an denen die Ideen der Aufklärung mit ihrer Anerkennung -der Religionsfreiheit in glänzender Weise durchdrangen, scheint dieser famose Kenner der ungarischen Geschichte nicht zu wisten. Aber er sollte nicht ungchindert seine Pogromhetze vom Stapel lasten, der Präsident B o t t l i k erklärte ihm, daß Reden gegen'eine Religionsgemeinschaft unstatthaft seien. Eine solche Verwahrung zählte -bisher in der ungarischen Nationalversammlung zu den Seltenheiten, und dies betonte auch in einem launigen Zwischenruf der Sprecher der Opposition, der Demokrat D r o z d y, der überhaupt diesmal einen guten Tag. hatte, denn er ging mit den: Redner scharf ins Zeug. Als dieser von der Frechheit, die die jüdische Preste sich anmaßte, sprach, kam er mit einer Retourkutsche; er konstatierte die — sagen wir — Mangelhaftigkeit der Preste, die eine „entschickene christlich-reaktionäre Riäüung" hat. Und da wir einmal bei dem Kapitel „Ungarn und die jüdische Preste" halten, wollen wir folgenden Erwägungen Raum geben: Die jüdische Korrespondenz aus Ungarn" begleitet ihren Eintritt in den fünften Jahrgang mit einem Appell an alle jüdischen Blätter, sich dieser ungarischen, verläßlichen Nachrichtenquelle zur Verbreitung der Wahrheit über die ungarischjüdischen Verhaltniste zu bedienen. Sicher geschieht es von allen jüdischen Blättern, denen nicht Parteistaudpunckt das Wichtigste ist, und soweit es an uns liegt, haben wir diesem Wunsche genug oft entsprochen. Es würde der Sache aber wesentlich mehr gedient, könnten die jüdischen"Zeitungen auch in Magyar ieu Eingang und Verbreitung finden. Diese Möglichkeit wird jedoch durch die Prohibitivmaßnahmen der ungaris hm Negierung verhindert. Auch unser Blatt steht wie so manchem andere auf der Proskriptionsliste. Diese Konstatierung soll von einen» Hegedüs absolut nicht wieder als jüdische Frechheit aufgefaßt werden, nur wissen wir nicht, wie dieser dazu kommt, von einer solchen zu sprechen, wenn die jüdischen Blätter überhaupt nicht sprechen dürfen. O. H. Zionistenführer aus Reisen. Das scheint jetzt wieder in -der Mode zu sein. W e i z m a n n wurde in Berlin von Wirth, in Wien von Schober empfangen, I. C. B. berichtet, daß Ho kolvw in Washington am 15. Jänner bei dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Harding vorsprach. tzrhel»_ __ Nr, L Ueber Weizmanns Reden in Wien an die mit großer Propaganda aufgebotenen Zichörer berichten wir in: Artikelteil und knüpfen daran ein wenig Kritik, was aber Herrn Weizmann nicht hindern wird, dieselben Reden anderswo zu halten, selbstverständlich mit Berücksichtigung -der lokalen Umstände. Ueber das, was er vor Wirt h und Schob e r, oder was Sokolow vor H a r d i n g gesprochen hat, darüber schweigt die Geschichte, resp. I. C. B. Die Meldungen dieser Parteikorrespondenz über die Audienzen der reisenden Zionistenführer bei den diversen Präsidenten sind einander alle ähnlich, überall wird ein ausführlicher Bericht über ,,die gegenwärtige politische Lage des Zionismus, insbesorrdere über -die Frage des Patästinamandats" erstattet, alle, in die dieser Bericht hineingedroischen wird, zeigen großes Jntereste und sind immer bereit, dem Zionismus bei der Erreichung seiner Zieles eh ifflich zu fein. Daß ein Großteil des Judentums den politischen Zionismus ablehnt, so etwas erwähnt man nicht, das würde ja ein schlechtes Licht -auf den Erfolg der Reisenden werfen. Diejenigen die nicht für den Zionismus sind, sind — nebbich — Arme im Geiste und von solchen muß man nicht oder höchstens mit dem Ausdruck des Bedauerns sprechen; schon gar nicht vor solch hohen Herren! Die mildere Tonart in der ungarischen Judenfrage. Gottgesegnete Optimisten oder Liebediener des ungarischen Ministerpräsidenten Grafen B e t h l e n wollen die Anzeichen des Abschwenkens vom alten schriftlichen Kurs" darin bemerken, daß in der Nationalversammlung nicht mehr so. grimmig gegen die Juden des Landes gedonnert wird, wie es etwa noch vor einem Jahre an der Tagesordnung war, ja daß sogar — man denke — etwaige mutige Fürsprecher der Juden nicht,niedergeschrien werden. Als Belege für diese Tatsachen' wird unter anderem berichtet, daß Graf A p p o n y i in Besprechung des Regierungs- Programms bemerkt hat: „Ich kann mir nicht zu eigen machen, was der Herr Ministerpräsident über unser Verhältnis zum Judentum gesagt hat. Er sagte nämlich, er suche ein herzliches Verhältnis mit dem patriotischen Teile des Judentums. Wir aber brauchen kein herzliches Verhältnis, s o n d e r n d i e politische, m o r alische und juridische Gleichberechtigung. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß diese Gleichberechtigung nicht nur nicht dem positiven Christentum widerspricht, sondern daß das Positive Christentum sie direkt fordert." Graf Apponyi ist ein Aristokrat, dafür kann er nichts, aber er ist auch ein hervorrageuder Staatsmann, und das ist sein eigen Verdienst. Bei einem Staatsmann, der auch den Nachweis des klugen Diplomaten erbracht hat, wird man ans jedes seiner Worte genau achten müssen. Also auch darauf: „Wir brauchen kein herzliches Verhältnis!" Ein klares Zeichen, daß Graf Apponyi und die um ihn für die Juden nicht viel übrig haben. Was auf die Eingangsworte des Redners folgte, war bloß Ausdruck der Opportunität, an die gegenwärtige Staatsno dwendigkeit. In diesem Sinne läßt sich auch die Reverenz werten, die Abgeordneter Ruppe r t den Juden erwiesen: „Wenn das heutige Ungarn ein kühner Vorkämpfer der Menschenrechte geblieben wäre, wie es ja auch bisher eine kleine Insel -der Kultur gewesen, dann hätte die ganze Welt uns geholfen, dann hätte sich anch dasJudentum mit seiner großen Weltpresse und mit seinen Verbindungen an unsere Seite gestellt und wir wären heute bedeutend besser gestellt." Diese Worte beinhalten den Vorwurf eines Fehlers gegen die Regierung, daß sie es unterlasset:, sich der jüdischen Unterstützung zu bedienen. Ruppert wird sogar beleidigend deutlich, wenn er der Regierung vorwirft, «ins Dummheit begangen zu haben. Auch di» Abge-

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