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Die Wahrheit · 1922-01-26 · Heft 3 (26.1.1922) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 3 (26.1.1922)
Date
1922-01-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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icnib belustigt überall bfie Leute. Und ijo bekommt er, auf den der tiailmudrsche Spruch anzuwenden ist: „Au drei Dingen ist der Mensch zu erkennen: an seinem Becher, seinem Zorn und seiner Dusche, manche sagen: auch an seinen: Lachen", hier und da etwas zu essen und zu trinken. Man könnte ihn demnach für einen Schmarotzer halten. Der Umstand aber, daß die „Choiseks" trotzdem vom Volk geachtet werden und daß ihre Anzahl ziemlich bedeutend ist, beweist zur Genüge, daß ihre gesellschaftliche Stellung anders auszusassen ist. Sie erinnern einigermaßen an die orientalischen, besonders in den Kaukasnsländeri: und in Indien heimischen Volkserzähler. Die „Choiseks" ziehen alljährlich zu gewissen Zeiten von Dorf zu Dorf; wenn sie in einer Hütte Halt machen, finden sie zugleich eine Zuhörerschaft, die während einiger Tage beständig wächst,' erzählen allerlei Märchen und Schwänke, bekommen einigen Lohn und verlassen -sodann das Dorf, um ein anderes, benachbartes, zu besuchen. Eine vornehmere Spezies ist der sogenannte „Badchen", Volksdichter und Hochzeitshumorift. In früheren Zeiten war es einfach undenkbar, eine Hochzeit ohne „Badchen" zu feiern, und die reichen und vornehmen Inden in Litauen und Polen setzten ihren Stolz darein, einen berühmten „Badchen" aus Wilna oder soustwoher zu ihren Feierlichkeiten eingeladen zu haben. Einer der bedeutendsten unter ihnen ist Eljokim-Badchen (Wilna), dessen Lieder in ganz Rußland •gefun-gen werden. In den „Choiseks" und „Badchonim" können wir unzweifelhaft die Autoren mancher Schwanke nnd Anekdoten sehen, welche Gemeingut des Volkes gesvorden find. In den letzten Jahren sind größere Sammlungen von Anekdoten veröffentlicht worden. (Chaim Bloch, Ostindischer Humor, Dr. Immanuel Olsvanger, Rvsinkeß Mit Mandlen.) Die Ostjnden hatten viele melancholischwitzige Männer gehabt. Einer von ihnen heißt Freim von G r e i b i ti g. Ob und wann er geleibt hak, ist einstweilen nicht sicher sestgestellt worden. Allerlei Witze reihen sich um diese Gestalt. Ihre weitaus größte Zahl trägt ein lebemännisches Gepräge oder wenigstens alltäglichen Charakter. Viel bissiger erscheint der Humor bei einem anderen Choisek — H i r s ch a l e O st r o p o l e r. (Vergl. das Buch von Chaim Bloch: „Hirsch von Ostropole, ein jüdischer Till Enlenjpiegel des 18. Jahrhunderts".) Von diesem weiß man, daß er einige Zeit Schlächter war. Ein dritter Volkswrtzbold ist Mot k a C h ab a t,- dessen Schwänke in der Regel flüchtige und oberflächliche „Bonmots" sind, die manchmal an die Witze der „Fliegenden Blätter" erinnern. Weiters bekannt, jedoch von geringerer Bedeutung sind Nehemje von Kulikow, Simche Machte nnd Schaje Feifer. An den Proben, die die Sammler der Anekdoten Mitteilen, ist man imstande, die Mannigfaltigkeit der Charaktere und Temperamente zu beurteilen: der genußfrohe Froim, der satirische Hirsch und der mittelmäßige Motka bilden jeder für sich einen besonderen Typus. Während man sich bis jetzt beinahe gar nicht mit der Persönlichkeit der die Märchen nnd Schwänke erzählenden oder die Volkslieder vorsingenden Leute beschäftigte, scheint das oben zitierte Buch unseres Mitarbeiters Chaim Bloch (Hirsch Ostropoler) einen vielversprechenden Anfang zu machen, dem man nur eine baldige Fortsetzung wünschen möchte. Denn diese Witzbolde sind eigens geartete Individuen mit mehr oder weniger dichterischer oder schwärmerischer Anlage, in denen manchmal viel Jntelligeirz steckt. Sie 'bewachen den Schatz der Volksdichtung, sie schaffen Neues, sie passen die Stoffe den Umständen an. Wahrheiten vom Tage Unsere nationaldeutschen Juden, lieber die Schädlichkeit der „nationaldeutschen Inden" für die dentschxüdische Bewegung haben wir bereits des öfteren geschrieben. Es ist nun merkwürdig, daß eine jede nationalistische Richtung im Judentum, ob sie sich nun national-jüdisch oder national-deutsch nennt, von den Andersgläubigen als die einzig kompetente und demgemäß auch als b i e Repräsentantin des Judentums angesehen wird. So ist es nicht verwunderlich, wenn Dr. Otto I ö h l i n g e r, der, wie bereits berichtet, sein Seelenheil darin findet, zu konstatieren, ob Bismarck ein Judenfeind war oder nicht, auf das laute Geschrei der „nationaldeutschen Inden" hineinfällt und sie als die einzigen Vertreter des deutschen Judentums betrachtet. Der — nebenbei bemerkt — genaue Kenner des Kanzlers schreibt in seinem Buche „Bismarck und die Juden" (Verlag Dietrich Reimer-A.-G., Berlin 1921, S. 32): „Vielleicht könnte man bei dem Versuch, Bismarck zu einein Judengegner zu stempeln auf den Gedanken kommen, seine Stellung zn den Ostjnden hevanznziehen. Daß Bismarck eine Einwanderung von -Oftjuden in größeren: Umfange nicht gerne gesehen hat, nehme ich ohne weiteres an... Ich würde es aber für völlig verfehlt halten, wollte man die Beschränkung der Einwanderung der Ostjuden durch Bismarck irgendwie parteipolitisch ausnützen. Man kann durchaus dem deutschen Juden sympathisch gegenüberstehen und braucht deshalb noch lange nicht diese Sympathie ans die kulturell auf einem ganz anderen Niveau stehenden Russen jüdischen Glaubens anzuwenden. Das wird vor: jüdischer Seite übrigens auch zugegeben. Ich brauche hier nur aus einen Aufsatz eines jüdische:: Schriftstellers, Dr. Max Naumann, aus der „Kölnischen Zeitung" („Unsere nationaldeutschen Indens hinzuweiseu. Hier sagt ein Jude selbst: „Die Entwicklung der Ostjnden hat seit Jahrhunderten einen Weg genommen, der weit abführt von den Wegen der deutschen Inden... Dem nationaldeutschen Juden ist der Ostjude fremd, wie der Chinese. Er ist ihm gefühlsfremd, geistesfremd und körperlich fremd. Wenn man hört, daß im europäischer: Osten gegen diese mitleidswerten Geschöpfe Greuel verübt tverden, schlägt das Herz des nationalen deutschen Juden im menschlichen Mitgefühl, wie das jedes menschlich empfindenden Deutschen anderen Stammes auch. Es ist eben dasselbe Mitleidsgefühl, wenn - von Armenier - Metzeleien der Türken oder Negerlynchmorden in Amerika die Rede ist. Deutschland ist zn krank, um den gefährlichen Gästen aus den: Osten Asylrecht gewähren zn können, mögen sie jüdischen oder slawischen Stammes sein. Und der nationaldeutsche Jude ist zr: sehr Deutscher, um zugunsten der Juden, die unter diesen Schädlingen sind, eine Ansnahmebehandlung zu wünschen. Das Ostjudenproblem ist für uns kein jüdisches, sondern ein deutsches Problem." Der dies sagt, ist selbst ein Jude. — Das bestreiten wir, trotz der zweimaligen Betonung durch Jöhlinger, denn Dr. Max Ncaumann, bekanntlich der Begründer des „Verbandes der nationaldeutschen Juden", wie sein ganzer Anhang sind voll ko Minen entjndet, sie sind was sie mit solchem Stolze betonen, wir aber nach unseren Erfahrungen nur bedauern können, nationalistische Deutsche. Und diesen fehlt trotz Nanmann jedes menschliche Empfinden für die durch den Krieg, durch ihre Opfer für das Vaterland, in das ungastliche Deutschland verschlagenen Ostjuden. Die Stellungnahme zum Ostjuden ist kein deutsches Problem, sondern ein allgemein jüdisches. Vom nationaldeutschen Standpunkt hat. Neumann Recht, vom Mischen, daheißt

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