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Die Wahrheit · 1922-01-26 · Heft 3 (26.1.1922) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 3 (26.1.1922)
Date
1922-01-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite S Die Wahrheit Nr. s dieser Last zusammen. Eines Morgens wurde der unglückliche Mann von einer schweren Ohnmacht befallen, aus der er nicht mehr erwachen sollte. Einige Stunden Gäter war er eine Leiche — ein Opfer grausamen Hungertodes! Noch mchr Tragik stürmte auf die Hinterbliebenen ein. Zwei Tage später erhielt die durch unsagbare Entbehrungen total erschöpfte Witwe die Nachricht von der meuchlerischen Ermordung ihres älteren Sohnes. Diesem schweren, seelischem Leid konnte die Aermste nicht mehr standhalteu,, auch sie brach zusammen und gab kurze Zeit daraus ihren Geist auf. Mit anderen Kindern, die -auch den Tod ihrer Eltern zu beklagen hatten, flüchtete nun Najmen, weil sie wußten, daß man ihrer habhaft werden wollte, um sie einem grausamen Tode auszuliesern. Sie legten zu Fuß 85 Kilometer zurück, bis sie eine Zuftuchtstätte in der Stadt Lvroshu fanden. Aber nur kurze Zeit war den gehetzten Kleinen bestimmt, bald mußten sie weiter, sie kamen noch durch manche Dörfer und Städte, bis sie des Glückes teilhaftig wurden, von einer amerikanischen Hilfsstation protegiert zu werden. Diese bestirnrrrte die kleinen Flüchtlinge für die Auswanderung nach Argentinien. Esther Grinstem, ein zwölfjähriges, sympathisches, etwas schüchternes Kind, stammt aus einen: kleinen Dörfchen in der Nahe Kiews, und weiß von ihren: tragischen Schicksal folgendes zu erzählen: „Im September 1919 wurde das kleine. Landgut, in welchem ich mit meinen Angehörigen lebte, während einer Nacht von Räubern überfallen; meine Eltern und kleinen Geschwister wurden ermordet, nur mir gelang es, mich zu verstecken, und als ich jede Gefahr beseitigt glaubte, ergrift ich die Flucht, bis ich ein schützendes Obdach fand, wo man mich nronatelang bcherbergte." D^artige, mit größter Schlichtheit erzählte Erlebnisse konnte man von allen diesen bejammernswerten -Kindern hören. Die erlitten Qualen spotten jeder Beschreibung und ist ein wahrhaft kulturelles Werk, diesen verlasienen Geschöpfen, auf deren Lebensweg nun kein erwärmender Sonnenstrahl elterlicher Liebe mchr fällt, in so warmherziger Weise eine neue Heimat zu bieten. Diese jungen Menschenpflanzen wären ohne diese in ihrer Großzügigkeit einzig dastehende Hilfsaktion schonungslos der Vernichtung preisgegeben gewesen. Nicht nur der Dank dieser schwergeprüften, nun geretteten Kinder, sondern auch der Dank des gesamten Judentums, dem das Schicksal dieser Waisen nicht gleichgültig sein kann, sei hremit dem gastlichen Lande Argentinien, aber auch der israelitischen Gemeinde in Buenos-Aires gezollt, die diese verlasienen Kinder nun in ihre dauernde Obhut genommen haben. Mein Bekenntnis. Von Markus Ozarkesseff. Ueber dreizehn 'Jahre wage ich eine:: Gedanken in mir. Zur Zeit, als ich ihn saßte und auch einige Jahre nachher galt er für mich als größtes Geheimnis meines Lebens, welches Geheimnis ich auch mit ins Grab nehmen wollte; .und wenn ich jetzt, wenn -auch hinter einem Pseudonym gedeckt, meine innersten Herzensgefühle entblöße, so tue ich es mit einem furchtbar niederdrückenden Gefühl von Schamhaftigkeit, in der Ueberzeugung, nicht länger schweigen zu dürfen. Ein Zurücktreter: meiner Person hinter diesen Gedanken ist unmöglich, denn nur durch die Existenz eines Trägers desselben gewinnt er Leben und Inhalt. Ergriffen vom Leid der Menschheit und verzweifelnd gn der Möglichkeit einer raschen moralischen Wandlung derselben, bat ich Gott in einem -Moment religiöser Hingabe, alles Leid, das jedem der lobenden Menschen, ohne Ausnahme, und allen künftigen Generationen bevorsteht, i n seiner ganzen Furchtbarkeit mir auiszuwälzen und die Selbstsucht, die Ursache so vielen Menschenleides, durch Gnade verschwinden zu lassen. Aber nicht der Ruhm des "Märtyrers, sondern die Verachtung und der Spott der Menschheit sollte sich an meinen Namen knüpfen und auch die Genugtuung, 'für ein hchres Ziel zu leiden, sollt mir genommen sein; in aller Ewigkeit leiden., stets zutück wollen und nie können. - Mein kühler Menschenverstand brandmarkte zwar nachher diesen Gedanken als gotteslästerlich und—wahnsinnig, wegen der Unlogik des Erlösungsgedankens. Als ob ein gütiger, verzechender Gott nicht über die Kleinlichkeit der Sühne, welche das Leid eines Sühnopfers bilden würde, . erhaben sein müßte! Als ob eine neue Gerechtigkeit sich auf einer Ungerechtigkeit, welche das Leiden eines unschuldigen Sühnopfers bedeuten müßte, anfbauen «könnte! Aber woran glaubt nicht ein Verzweifelnder! Und wie verlockend der Gedanke, daß nur eine r «für alle leiden Würde! Trotz der gotteslästerlichen Natur des Menschen ikonwte ich ihn von mir nicht weisen. Mir schwebte ein Ideal höchster, restloser, absoluter Selbstlosigkeit und Aufopferung vor. UnbeMmmert um die Frage der Möglichkeit einer Verwirklichung desselben: die Tatsache der weitestgchendsten Aufopsernngsfähigkeit ist von Bedeutung. Aber auch im realen Leben soll nicht das Gebot „L r e be d «e i n e n N äch stenw i e Id ii ch s e l b st" als höchstes gelten, sondern ein anderes: „Opfere dich für deinen Nächsten". Nüchtern und kühl erscheinen jene wohlmeinenden Lehren, welche dem lieben Ich in seiner Stellung zur Umwelt vollste Gleichberechtigung oder sogar noch mchr als diese einränmen wollen. Beim Gegensatz der menschlichen Interessen kann überhaupt nur die Hintansetzung . der eigenen Person vor Unrecht gegen andere schützen. Aber abgesehen von der Erhabenheit des Gedankens: Nur die b e!f e u e r n d e uNd mitreiße n d e Selbstlosigkeit, die absolute, «auch dem eingefleischten Egoisten imponierende Anfvpserung kann zum Heil führen. Die durch übertriebenen Altruismus - sich ergebende Schädigung der eigenen und in weiterer Folge der Interessen der Gesamtheit ftcht in keinem Verhältnis zum wohltuenden Einfluß, den er stiftet, speziell «bei der Herm:-. bildung nicht schlecht veranlagter Charaktere. Uöbrigens w«ar der Altruismus selten so wie jetzt ein G e b o t d e r S t u n d e. Der zur menschheitsbedrohenden Erscheinung angeschwollener EgoisnMs «kann nur «durch eine ebenso kräftige, ganz entgegengesetzte Welle weggeschwemmt werden. Alle politischen Umwälzungen unserer Tage, die sich im Zeichen des Menschlichkeitsged'ankens vollzogen, haben höchstens zu eurer Rollenvertauschung laus der politischen Bühne geführt, ohne dem Egoismus irgendwie Abbruch zu tu n. - Der Egoismus kann nicht durch Gesetze und Regeln, sondern «durch G e f ü h 1 e w i r!k s a m bekämpft werden. Jüdische Witzbolde in Polen. Eine der interesiantesten Erscheinungen unter den Juden Polens ist der sogenannte „Choisek" oder Witzbold, Spaßmacher. Dieser betreibt meistens kein Handwerk — und wenn, so geschieht es bloß gelegentlich —, besucht aber gern größere Versammlungen, ist >bei jedem Familienfeste zu sehen, mischt sich unter die Hochzeitsgäste und ergötzt ■■rum

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