Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 3 (26.1.1922)
- Date
- 1922-01-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite L Nr. s Partei die Niederlage Deutschlands gewünscht hätte. Er erinnert sich nicht daran, daß vor dem Krieg.ein ans angesehenen christlichen Männern des deutschen Volkes zusammengesetztes Kommitee , Pro Palästina" 'bestanden hat, das durchaus die Errichtung einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte für die Juden in Palästina als ein in jeder Beziehung vom -deutschen Standpunkt aus zu förderndes Unternehmen behandelt hat.*) Ludendorss b-raucht nur die diesbezüglichen Hefte durchzulesen, und -danach wird er wohl nicht den Wahrheitsbeweis anzutreten wagen, daß die zionistische Parteileitung in dem Sieg der Entente jemals den Sieg des zionistischen Gedankens eMickt hat. Ünter allen Umständen muß Herr Luden» do r ss.ab e r w issen, d aß d i e zionistische Ausfas s u n g v o n.d emweitaus größtenTeilder jüdischen Deutschen ad gelehnt wird. Das religiöse Zion, das Zion der Psalmisten ist einem jeden Juden heilige Erde. Worum es sich aber für die meisten deutschen Juden handelt, ist die Tatsache, daß sie sich durch Kultur, durch Geschichte und Sprache als vollberechtigte Glieder des deutschen Volkes fühlen, und daß dieses Deutschsein innerlich verbunden ist mit unserem Judensein." Die Tagung des Zentrabvereines war ein Geschehen von weit über die Gemarkungen der deutschen Juden hinausreichender Bedeutung denn die bei diesem Anläße gegebenen Anregungen und gefaßten Beschlüsse werden auch den anders staatlichen Inden die Wege und Ziele vor Angen führen, die zu -beobachten sind. Vor allem die Einigkeit in den rein jüdischen Reorganisations- und Existenzfragen. Dann aber auch die Ausschaltung der persönlichen Eitelkeiten, die jede erlösende Tat verhindern. Die jüdische Frau als Koffnung des Judentums. Schon feit längerer Zeit wird überall, wo jüdische Gemeinwesen sind, der Niedergang des religiösen Lebens beklagt und mannigfache Ursachen für diese- Erscheinung ins Treffen geführt. Als eine dieser Ursachen wird ferner -der stark vernachlässigte Unterricht angegeben. Wenn es auch *) Vlnm. Es sei nur daran erinu vt, t>vß ein s > bekann er nationalliberaler Mann wie Tr. Jung mit an der Spitze gestanden h-?t nicht zu bestreiten ist, daß in diesem Punkte vieles im Argen biegt und durchgreifende Reformen vorgenommen werden müssen, -so wird man bei genauer Prüfung der Verhältnisse zur Erkenntnis gelangen, das Uebeb sitze viel tiefer, und zwar in der demoralisierten Familie, in dem Mangel an der guten alten Moral, die einst der größte Ruhm des jüdischen Hauses war, nicht nur in den beschränkten Sphären ländlicher Khilles, sondern auch in den Zentren hochentwickelten Geistes- und Kulturlebens. Wir erinnern nur an das Wiener Gefellschaftsleben anfangs des vorigen Jahrhunderts, wo die Salons der Arnstein, Eskeles, Rothschild, Königswarter, Wertheimstem und anderer nicht nur den Repräsentanten des Erb- und Geiftesadvls offen standen, sondern die Pflege der jüdischen Nächstenliebe und jüdischen Sitte Heimstätten fand. Wie ganz anders heutzutage, wo die Mode und 'die Modernität auch in den Häusern und Palästen der Juden den neuen Kurs beherrscht. Der erwerbende Hausvater muß hinaus ius feindliche Leben, und ach, wie gar feindlich gestaltet es sich in dieser schweren Zeit! Indes soll die Mutter — das schöne Bild Schillers weiter entfaltend — herrschen, weise im häuslichen Kreise, die Mädchen lehrend, den Knaben wehrend. Wenn dem so wäre, dann stände es wahrlich bester um das Judentum; leider muß gesagt werden, daß sich gerade die besseren jüdischen Frauen dem Jdeabberufe der- Erziehung und Leitung ihrer Kinder nur ausnahmsweise widmen. . Die Pflichten der Repräsentanz, die öden Jours und ähnliche Vereinigungen, höchstens von dem shoping unterbrochen, füllen die Tage und Abende der Frau, entfremden sie dem eigenen Hause und geben das Kostbarste, die Heranwachsende Jugend, den Einflüssen fremder, meist verderblicher Elemente preis. Böse Saat -bringt böse Ernte und an den Früchten des geschilderten Systems erkennt man seine Schädlichkeit. Diese Erkenntnis allein genügt aber nicht, einen Weg der Besserung zu schaffen. Es muß auch die Entschlußfreudigkeit der Tat vorhanden sein. In Deutschland hat man bereits mit dem dort überwiegenden scharfen Verstand die Richtigkeit der Frau für die Erinnerung des Mischen Lebens erkannt und erst jüngst auf der Tagung des Form beantwortet: „Sie werden eiuschen, daß wir das religiöse Bedürfnis jüdischer Kinder nicht zu 'befriedigen vermögen, und es völlig unberücksichtigt zu lasten, -könnten wir nicht verantworten." Wer -ist es jüdischen-blinden Kindern gestattet, an dem Schulunterricht teilzunchmen? Die Sorge für die Unterbringung in der Nähe des Instituts und ffir ihre religiöse Erziehung übernehme ich!" „Diesem Ansuchen dürste sich kein besonderes Hindernis entgegenstellen", war die Antwort. Mit jenem idealen Schwung und jener unbeugsamen Tatkraft, welche alle Handlungen des seltenen Mannes auszeichneten, warb Dr. Frankl Freunde für sein philan> tropisches Unternehmen, das allgemein mit freudiger Zustimmung ausgenommen wurde. t In Tausenden von Herzen entzündete Frankl j heilige Opferslammen, die den jüdischen blinden Kin-! dern ihren finsteren Lebensweg erhellen sollten. Tausende ‘ mit Opfergaben erfüllte Hände 'streckten sich dem edlen Blindenfreunde entgegen, besten Seele nun immer mächtiger von dem Wunsch bewegt wurde, .de« mu» geduldeten jüdischen blinden Kindern eine eigene und dauernde Heim- und Bildungsstätte zu schaffen. Dieser erlösenden Idee ein Haus zu erbauen, beschloß der hochgesinnte Baron Jonas von Königswarter in der frommen Absicht, ein Heiligtum Gottes wufzurichten, und als er vor besten Vollendung in die Ewigkeit aibberufen wurde, vollbrachte sein würdiger Sohn Baron Moritz von Königswarter, dieser Fürst der Wohltätigkeit, in der vornchmsten Weise das erhabene Werk, welches durch alle Zeiten als ein Denkmal für den Ruhm seiner edlen Familie auf Hoher Warte emporragt. So ist d a s israelitische Blindeninstitut vor nahezu 50 Jahren entstanden und nun ist es vo m materiellen Unter gange bedroht. R-asch wechseln in der Gegenwart die Ueberzeugungen und Situationen; kann in der Zukunft nicht die Zeit wiederkehren, da jüdische blinde Kinder sehnsuchtsvoll, aber vergebens. an das Tor einer Blindenbildungsansta-lt klopfen und keinen Einlaß erhalten aus religiösen Gründen? (Fortsetzung folgt.)