Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 2 (12.1.1922)
- Date
- 1922-01-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Dir Saßrj-rß Nr. 2 Serie 11 Wesenheit der Gemeindeältesten den? Bannfluch (Eherem) über seinen Sohn ausgesprochen. Dieses furchtbarste \ jüdische Strafgericht wird Trotzki wenig anfechten, denn als Haupt der Bolschewiken hat er sich, gleich allen feinen Genossen, schon langst von der jündischen Gemeinschaft losgesagt und wird schwerlich! je wieder zu Hr heimsiuden. lieber das erschütternd Dramatische des Herganges bei der Exkommunikation Trotz As meldet der „Daily Expreß": In der kleinen Synagoge vor: Jekaterinoslaw versanrmelte sich die dortige jüdische Gemeinde. Ein alter, wieißhaariger, blinder Mann, bekleidet mit d!em Kaftan, nähertetzjich rmch Schluß des Gottesdienstes dem Altar und rief mit lauter zitternder Stimme'. „Ich llage an Löw B r o n st e i n fTrotzki), Mitglied dieser Gemeinschaft!" „Wessen klagst Du ihn an?" erwiderte der Rabbiner. Des Vaters Stimme festigte sich: „Ich klage ihn an, gegen das Gesetz seiner Väter verstoßen zu haben. Ich klage ihn an, ein Feind der Juden und ein Feind der Menschheit geworden zu sein!" „Das sind schwere Anklagen!" lautete die Erwiderung. „Bringe Beweise." Laut erschallte des Vaters Stimme durch den Raum: „Jedes Mitglied dieser Gemeinde ist mein Zeuge. Ganz Rußland, die ganze Welt!" Tiefe Stille trat ein. Dann sprach der Rabbiner: „Der Beweis ist geliefert. Welche Pflicht obliegt mir?" Moses Broustein hob die Hand über seinem Haupte und sprach in der Haltung eines Propheten des Alten Testaments langsam die Worte: „Löw Broustein soll ausgestoßen sein ans der Gemeinschaft der Juden. Er soll verdammt fein und unstet init den Unsteten, mit allen Feinden Gottes, für die es keine Erlösung gibt weder auf Erden noch in der Hölle noch im Himmel!" Im Chor wiederholt die Gemeinde: „Er soll ansgestoßen, verdammt und unstet fein!" Ein anderer Rabbiner trat nun an den Altar und rief in alle Richtungen: „Höre, Israel, höre, dies ist der Name Deines Feindes!" Sieben Gebete wurden sodann gesprochen, - Gebete der Verdammung, und sieben Kerzen wurden gelöscht als Symbol dafür, daß der Abtrünnige ausgelöscht sein soll aus dem Gedächtnis der Lebenden. Dann wandte sich der Rabbiner an den Vater. „Moses Broustein," sagte er, „Löw Broustein ist ausgestoßen aus der Gemeinschaft. Du verlangtest eine noch härtere Strass. Das Gesetz gebietet mir, Dich zu fragen: Soll er verdammt sein für alle Ewigkeit?" Die Erregung in der Gemeinde wuchs ungeheuer an. Aber kein Wort fiel. Alle Augen wandten sich dem unglücklichen Vater zu, der, in die Knie gesunken, schweigend im Gebet verharrte. Mit ungeheurer Energie richtete er sich dann empor und sprach: „Er soll verdammt sein in alle Ewigkeit!" Bei diesen Worten gellte ein Schrei durch die Luft. Eine alte Frau sank in Ohnmacht — Trotzkis Mutter. Gerechtigkeit. Die ungar-ländischen Sparkassen und Bankinstitute haben kollektiv den Betrag von z e h n M i llionen Kronen zu gunsten der Aktion der Hauptstadt für die Buadpefter Armen gespendet. Diese hochherzige Tat berechtigt zu der Erwartung, daß diese Millionen ohne Ansehen der Person, bzw. der Konfession, lediglich nach dem Grad der Bedürftigkeit, zur Verteilung gelangen, wie überhaupt gegeniiber dem Elend das 'Religionsbekenntnis keine Rolle spielen darf. Vorbildlich für diesen Wahrhaft menschenfreundlichen Grundsatz war das Pester israelitische Krankenhaus, das, ungeachtet seines Titels, laut statistischem Ausweise im ersten Halbjahre 1921 34263 jüdischen und 40358 christlichen Kranken Aufnahme gewährte. Einweihung einer Gedenktafel im großen Leopoldstädter Tempel. Die Anregung des Aktionskomitees für den Wiederaufbau des Leopoldftädter Tempels, zürn Anderrken Verstorbener Votivtafeln für den Tempel zu widmen, ist auf fruchtbarem Boden gefallen. Herr Franz Graf aus New-Pork, ein gebürtiger Wiener, hat dem Tempelbaufonds einen sehr namhaften Beitrag gespendet und im Verein mit feinen Geschwistern seinen verstorbenen Eltern, Herrn Gerson Löb und seiner Gattin Johanna Graf, zu Ehren eine von der bekannten Steinmetzfirma M. Sonne n schei n rrach einem künstlerischen Entwurf des Architekten Jacques Löb mit vollendeter Kunst hergestellte Gedenktafel gestiftet, deren feierliche Einweihung Sonntag, den 8. d. M., abends 7 Uhr, in Anwesenheit der Hinterbliebenen des genannten Ehepaares, der Familien Kommerzialrat Baß, Winterstein, Reichner, Heller, Kobler, Toch und Graf im festlich beleuchteten Gotteshause stattfand. Nach rituellen, von Oberkantor Morgenstern und dem Synagogenchor mit Harmoniumbegleitung weihevoll vorgetragenen Gesängen, hielt Rabbiner Doktor- Max Grnnwald eine Ansprache, in der er an das Wort des Weisen anknüpste, daß man bei der Hawdoloh Licht und Gewürzbüchse aus denr Besitze Verstorbener verwenden dürfe, weil wir, die Lebenden, dank dem Verdienst der Toten, bestehen. Wir schöpfen ans solchem Licht und Duft am Sabbatausgang Trost uns Seelenstärke für die kommende Arbeitswoche, indem das Vorbild der edlen Verstorbenen uns aufrichtet und mit Mut und ausdauernder Kraft erfüllt. So waren wir in der Arbeit für den Tenlpel bereits verzagt, als wir die Opserfrendigkeit weiter Kreise erlahmen sahen. Wie die Weihe des Sabbates bei der Hawdoloh, drohte die Begeisterung für unser Werk zu schwinden. Da kamen uns diese beiden hier gefeierten Toten zu Hilfe, die hochherzige Spende ihrer Kinder gab uns neuen Mut. Die verklärten Geister derer, die einst sich in diesem Hanse erbaut, Helsen uns jetzt das zerstörte Hans erbauen. Mit dem Wunsche, daß das Beispiel der Edlen Nacheiferung finde, wurde die Tafel enthüllt. Hierauf nahm im Namen des Kultnsgemeinde Kultnsvorfteher Isidor Schwarz das Geschenk entgegen und versicherte die Familie des Dankes der Gemeinde. Diese werde der herrlichen Gedenktafel für ewige Zeiten Schutz angedeihen lasten. Ein ergreifendes „El mole rachamim" sowie ein religiöser Schlußgesang bildeten den Ansklaug der würdigen, eindrucksvollen Feier. Wir wünschen, daß diese sinnige Art, das Werk des TempelbaireS zu fordern, estrige Nachahmung finde. Die Notlage des Rekonvaleszentenheims „Philanthropia". Das Rekonvaleszenten- und Erholungsheim „Philcmthropia" in Wien, 13. Bezirk, Lainzerftraße 172, steht infolge der enormen Verteuerung des Betriebes vor der Gefahr gänzlicher Schließung. Nur eine großzügige Hilfe von außen vermag dieses einzige jüdische, zweckmäßig eingerichtete Rekonvaleszentenheim vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Der gerühmte Sinn unseres Volkes für Hilfeleistung in der Not soll sich auch diesmal bewähren. Darum gebe jeder rasch und reichlich und trete auch dem gleichnamigen Vereine mit einem zeitgemäßen Jahresbeitrag dauernd als Mitglied bei. Jnsbesonders an die Frauen ergeht der Ruf, einander zn übertrefsen an Opfersinn und Nächstenliebe um das einzige österreichische Erholungsheim für arme jüdische Frauen und Mädchen zu retten. Die Administration dieses Blattes ist gerne bereit, Spenden für diesen wohltätigen Zweck entgegenzunehmen und auszuweifen. Auch können Spenden sowie Naturalien und Mitgliedsanmeldnngen vom Rekonvalesenztenheim direkt übermittelt werden. ' I. H.