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Die Wahrheit · 1922-01-12 · Heft 2 (12.1.1922) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 2 (12.1.1922)
Date
1922-01-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wayrherr Seite 7 Nr. 2 schwergeprüfte Nation opferte am Hüttenfeste 70 Farren zum Mochte iber Völker (Sukkah 55). — Und als bte Aegypter in den Fluten des Meeres versanken, stimmten die Israeliten ein Loblied an. Ihr singet, sprach Gott, and meiner Hände Wert versinkt im Meere. — (Megillah 10). — Gott sprach zu Moses: Glaubet nicht, daß ich einen Unterschied mache zwischen Juden und Fremden, wer sme gute Tat ausübt, den belohne ich nach Gebühr und Verdienst (Jilkut). Möge Beschränktheit und Unwissenheit, Menschen, welche Israels ReWon, Sprache, Geschichte, Schriften, Bräuche und Gefühle nicht kennen oder nicht kennen wollen, die Behauptung verbreiten, daß es außerhalb Palästinas fremd sei, wir aber werden nie die Hoffnung anfgeben, daß der Gottesgeist unseres Gesetzes „Liebet alle Menschen" dereinst auch alle mit Liebe erfüllen möge. Sind wir denn Fremde? Denn wo die Wiege unserer Väter stand, und wo ihre Gebeine ruhen, sind wir beheimatet. Haben wir nicht unser Heimatrecht mit den Tränen unserer Mütter und Frauen, mit dem ■ Blute unserer Söhne und Männer auf dein Felde der Ehre teuer erkauft! — Wer mir der: Anspruch auf mein Vaterland bestreitet, der bestreitet mir das Recht auf meine Gedanken und Gefühle, auf die «Sprache, die ich rede, auf die Luft, die ich atme. Dann muß ich mich gegen chn wehren, wie gegen einen Mörder. (Gabr. Rießer). Wir sind nicht eingewandert, wir sind eingeboren, und weil wir es sind haben wir keinen Anspruch anderswo auf eine Heimat; entweder wir find-gleichberechtigt oder wir sind heimatlos (Gabr. Rießer). So möge für uns bald der Tag anbrechen, wo Lieb und Toleranz die Menschen untereinander verbinden wird. Gedanken über Gott und Gottesglaube. Nach dem Frazösifchen des Victor H u g o. Den Willen des Unendlichen, das heißt Gottes, kann mau nur leugnen, wenn mau das Unendliche selbst leugnet. Das Leugnen des Unendlichen führt geradezu zum Nihilismus. Alles wird ein Begriff des ^Geistes. Mit diesem ist eine Erörterung, ein Streit nicht möglich, denn der logische Nihilismus bezweifelt, ob fein Gegner existiert, und weiß nicht sicher, ob er selbst existiert. Von seinem Standpunkt ist es möglich, daß er selbst für sich nur ein Begriff seines Geistes ist. Auf das Nein gibt es keine andere Antwort als das Ja. *• Gott überliefert den Menschen seine sichtbaren Willensentschküste in den Ereignissen. Es ist ein schwer verständlicher Text in einer geheimnisvollen Sprache. Die Menschen bemühen sich, diese Sprache zu übersetzen. Diese Uebersetznngen sind übereilt, unrichtig, voller Fehler, Lücken und Widersprüche. Aus jeder Uebersetzung geht eine Partei hervor, aus jedem Widerspruch eine Rotte, und jede Partei glaubt, den echten Text zu haben, wie jede Rotte das Licht zu besitzen glaubt. In den Revolutionen gibt es auch Schwimmer gegen 'den Strorn, das sind die alten Parteien. * Der Geist Gottes verbreitet gleich der Sonne sein ganzes Licht. Der Geist der Menschen gleicht bem blassen Monde, der seine besonderen Phasen hat, sein Verschwinden, seine Wiederkehr, seine Helle und seine Flecke, seine volle Gestalt und seine Abnahme, der sein ganzes Licht von den Strahlen der Sonne erhält und es dennoch wagt, sie zu gewissen Zeiten der Erde zu entziehen. Das Licht Gottes erleuchtet die Herzen, die dem Grabe nahe sind, und zeigt ihnen die Wahrheit. * Gott hat die Felsen gemacht, der Mensch macht den Baustein. In früheren Zeiten lebte noch religiöser Glaube un Herzen des Volkes. Im letzten Augenblick konnte der fromme Hauch, der durch die Brust des Menschen wehte, auch das härteste Gemüt noch erweichen. Ein urmer Sünder war zugleich ein Reuiger. Die Religion öffnete ihm eine bessere Welt in dem Augenblicke, wo die Gesellschaft sich ihm verschloß. Das Schafott war nichts als eine Brücke znm Himmel. Aber welche Hoffnung könnt ihr heutzutage dem Verbrecher mitgeben, da der große Glaube keinen Glauben mehr hat? Wir verbeugen uns vor jedem, der betet. Ein Glaube ist für die Menschen das Notwendige. Wehe ihm, wenn er nicht glaubt! Die gefalteten Hände tun etwas. Der Blick zum Himmel ist auch ein Werk. Was heißt zu Gott beten? Durch deu Gedanken das Unendliche hier unten mit dem Unendlichen oben in Verbindung bringen. Je mehr die Menschheit an Größe zunimmt, um so mehr muß sie glauben. Je mehr sie sich Gott nähert, desto klarer wird sie Gott schauen. Es gibt ein verhängnisvolles Hebel unserer Zeit, ich möchte beinahe sagen, das einzige wahre Uebel: das Streben, alles nach dem Leben des Diesseits zu begründen. Unterbringung von jüdischen Waisenkindern aus der Ukraine und aus Polen. Von Flora Ruffo, Wien. Eine neue, segensreiche Tat, die den unglücklichsten aller Pvgromopfer — kleinen, verwaisten Judenkindern — zugute kommt, dringt an unser Ohr! Hundert junge Geschöpfe, deren Eltern und Geschwister in der Hemmt erschlagen wurden oder eines elenden Hungertodes starben, fanden in den zwei Kinderasylen der israelitischen Kolonie in Buenos-Aires Aufnahme, wo sie liebevolle Pflege und Schutz genießen sollten, solange sie deren ans ihrem weiteren Lebensweg bedürfen. Sie werden zu guten Menschetl und zur Arbeit erzogen und wird in diesem fernen Lande an ihnen das gutgemacht werden, was in ihrer Heimat an ihnen verbrochen wurde. Jedes einzelne jener hilflosen Waisenkinder hat ein tragisches Schicksal hinter sich; es sind Schicksale, an denen Erwachsene zugrunde gegangen, unter deren schweren Last sie znsammengöbrochen wären. Dank der Elastizität der kindlichen Seele «blieben sie erhalten und werden zu um so tüchtigeren Menschen heranwachsen, je schwerer sie an der Erinnerung, die ihre Kindertage umdüftert, tragen. Im gastlichen und wohltätigen Argentinien, dem Rasten- und Religio nsuuterschrede total fremde Begriffe sind, werden diese hundert Waisen sicherlich Sonne finden nicht nur am immer blauen Himmel, sondern auch in ihren Herzen und es ist der heißeste Wunsch des gesamten Judentums, daß diese bedauernswerten Wesen einem frohen Leben entgegengehen mögen, daß ihnen nun ein glücklicheres Dasein vergönnt sei, und mit ihnen eine freie, gesunde und tüchtige Generation heranwachse. Die Qanldung der kleinen Reifenden im Hafen von Buenos-Aires vollzog sich am 22. November 1921 unter

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