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Die Wahrheit · 1922-01-12 · Heft 2 (12.1.1922) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 2 (12.1.1922)
Date
1922-01-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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6 Nr. L Dis Aahrhsik den Angestellten hätte gesprochen werden müssen. Me wir uns zur Beamtenfchast der Kultusgemeinde stellen und wie es uns ferne liegt, die braven, altgedienten Stützen des Kultusvorstandes ans die Straße gesetzt zu schen, ist so bekannt, daß es hierüber keiner Erörterung H-edars. Aus dem Inhalt unseres vorigen Artikels ging dies auch klar hervor. Dies vorausg-eschpckt, ist nun zu bemerken, daß ein „Abbau", wie wir von kompetenter Stelle erfahren, heute aus Humanitären und sozialen Gründen sehr schwer durchzusühren ist. Wir erfahren ferner, daß seit dem Jahre 1614 ein solcher allmählich erfolgte, so daß der gegenwärtige Status der im Gehalts- oder Lohnverhältnis Stehend-en nicht mehr 700, sondern zirka 5OO beträgt und sich folgendermaßen zufammenstellt: 8 Rabbiner, 13 Kantoren, 32 Chorsänger, 41 definitive Religionslehrer, 32 exmittierte Religionslchrer, 60 -Beamte, 28 Beamtinnen (einschließlich der Beamten in den Vorortekanzleien, Spital, Versorgungsanstalt und den Friedhöfen), 42 Friedhofs-, Kanzlei- und Tempeldiener, 4 Aushikfsleichenträger, 4 Skontisten und Rechercheure, 6 Schmiramänner und -Frauen, 6 Ehewramänner und -Frauen, 24 Schächter und Maschgichim, 10 Portiere, 2 Aufseher, 4 Badebedienungspersonen, 24 Aushilfsmachgichim, zusammen 310 Angestellte. Versorgungshaus: 3 Aorzte, 66 Angestellte im Lohnoertrage. Spital: 15 Aerzte, 85 Angestellte im Lohnvertrage. Mau könnte Vorbringen, daß selbst diese herabgesetzte Zahl den gegenwärtigen trostlosen Finanzverhältnissen der Kultusgemeinde nicht entsprechend ist, und eine weitere Herabmindernng fordern. Im Prinzip ist dies, wie man* uns versichert, unbestreitbar, aber das Prinzip bleibt gegenüber den Tatsachen stets im Unrecht, so auch leider hier. Die gegebenen Tatsachen liegen im vorliegenden Falle so, daß die festesten Ersparungsabsichten an dem Machtwillen der Organisationen scheitern, und organisiert sind bekanntlich alle Arbeitnehmer in allen Betrieben. Das haben ja die wiederholten Streiks and rohung en der Kultusbedienfteten gelehrt. Selbst wenn diese, mit Hinsicht auf die verzweifelte Lage der Kultusgemeinde Opfer bringen wollten, verböten es die Befehle der Gewerkschaft. Die soziale Gesellschaftsordnung verlangt eine zur Lebensführung hinreichende Entlohnung, weswegen kein recht und billig Denkender etwas einwenden wird. Ein schlimmeres Postulat aber ist, daß, speziell in den Wohlfahrtsanftalten, bei vermehrtem Lohn verminderte Arbeit zu leisten ist. Dadurch ergibt sich bei kontinuierlichen Betrieben, wo ehemals zwei Schichten genügten, jetzt die Einlegung -einer dritten Arbeitsschicht, also eine allzu hindernde Tendenz. Es ist demnach ausgeschlossen, daß — namentlich in den Wohlfahrtsanstalten — Ersparnisse, bzw. Entlassungen, platzgreisen können. Bei der Beamtenschaft ließe sich vielleicht, (auch hier ist das Fragezeichen angebracht) ein Viodus finden. Unser geehrter Einsender scheint jedoch über einen solchen nicht nachgedacht zu haben. Wir wären ihm für -einen diskutablen Vorschlag oder wenigstens vernünftige Anregungen sehr dankbar. Mit den bloßen unablässigen Fordern ohne Bedachtnahme aus die Grenzen des Erreichbaren wird der Kultusgemeinde so wenig, wie ihren Angestellten, ein Ausweg geöffnet. Wie bei dem starren Je sch alten ans der leinen, dem Unzureichenden ans der anderen Seite das Problem zu lösen wäre, ist nicht ausdenkbar. Am En.de behalt auch hier der alte, stets praktische Goethe recht: Der Achse wird mancher Stoß versetzt, Sie duldet es und — bricht zuletzt. Liebet den Fremden (Fremdstämmigen). Betrachtung aus der jüdischen Lehre von Lehrer Schloß- Gilgenburg. Angestchts der Rassen- und' Bluthetze der Dentschvöllsifchen (giegert jeden Fremdstämmigen und besonders gegen uns Juden, darf es die Allgemeinheit gewiß interessieren, wie unsere heilige Lehre über fotle Beziehung vom Israeliten zum Fremdstämmigen urteilt: Jeder Haß gegen unsere Nebenmenschen, und gewiß gegen den' Fremden, wird in unserer heilgen Lehre verurteilt. Neuerdings richtet sich der Haß der Deutschvölkischen auch gegen die christliche Lehre, da sie doch ihren Ursprung in der alten jüdischen Bibel findet, also verjudiet sei. Und in dieser Bibel, 5 B. Mose 10/19 ist deutlich^zu lesen: Liebet den Fremden! — Eine solch verjudete Bibel paßt gewiß nicht in den Kram unserer Feinde. Deshalb durchforschte man die altdeutsche Rüstkammer, zog den altheidnisch-gerr/anitschen Götzen Wodan hervor, welcher tatsächlich heute einen Teil unsere Dentschvölkischen als Mittel zum Zweck der Hetze dienen soll- Liebet den Fremden! Fremd war in Israel jeder, welcher einem andern Stamm angehörte. Und diesen Fremden soll der Israelit lieben, soll milde und freundlich gegen ihn sein, soll ihn unterstützen und erhalten, soll ihn erquicken und erfreuen unld jede nationale Leidenschaft, jeden Wahn und jeden Haß gegen ihn aus seiner Brust verbannen. Jeder Mensch, lehrte R. Akiba, wird von Gott geliebt, da durch ein himmlisches Gepräge «ausgezeichnet ist, und darum müssen wir jed«er Nation unsere Liebe zulvenden. Denn Gott schuf in seiner Weisheit die verschiedenen Menschenstämme, nicht daß sie sich verfeinden und bekriegen, sondern daß sie «einander chiilfreich die Hchrde reichen und sich gegenseitig unterstützen sollen. „Wenn Dein Bruder verarmt, so greise ihm unter die Arme, ob Fremdling oder Beisatz, ich bin der Ewige, euer Gott, welcher auch aus -dem Lande Aegypten geführt habe." (Ber. 25. 36/38.) Der Gott, welcher vom Sinai, das flammende Gesetz «in seiner Rechten, liebet «alle Stämme, trägt alle Heiligen in feiner Hand (Deut. 32 2/3). — Bor einem grauen Haupte sollst du aufstchen. Dies bezog sich aus jeden, Menschen, ohne Rücksicht aus seine Abstammung oder Religion. Deshalb stand R. Jochanan, wie der Talmud erzählt, vor jedem Greis, ob Jude oder Heide auf: Nach der tiefen Einsicht unserer Weisen sind den Völkern 7 noachitische Vorschriften erteilt worden, die Götzendienst, Gotteslästerung, Raub, Mord, Unzucht und Roheit verbieten, und deshalb konnte das Judentum, ohne sich selbst untreu zu werden, seinen Bekennern einschärsen: Liebet den Fremden! R. Moses ben Maimon schrieb vor zirka 700 Jahren: Jeder Erdensohn, den Geist, Einsicht und Erkenntnis Gott nähern-, daß er ihm dient, ihn verehrt und anbetet und nach dessen Willen seinen Lebenswandel einrichtet, -ist heilig im höchsten Grade, fein Anteil und Erbe bleibt Gott in alle Ewigkeit. Diese erhabene Anschauung von der segensreichen Mannigfaltigkeit des Völkevlebens war dem nichtjüdischen Altertum fremd. Beschränk war es, voll Vorurteile gegen die Verschiedenheit der Stämme, und die Liebe gegen Fremde, welche es Barbaren nannte, konnte es nicht begreifen, geschweige denn gewähren u«nd erfüllen. Fremde waren die Israeliten in Aegypten. Israel hatte dort nichts als Druck, Lieblosigkeit und Tyrannei erfahren. Und dennoch schwang sich das Judentum mit seinem einzigen Gotte zu der Lehre «auf: Liebet den Fremden! Und disfs

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