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Die Wahrheit · 1922-01-12 · Heft 2 (12.1.1922) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 2 (12.1.1922)
Date
1922-01-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 J-- •' W. ’• -Ai Die Wahrheik r hämische dldbm, giftige Angriffe, -die sie nicht nur von ihr'n Mitschülern, sondern leider allzu oft von ihren Lehrern zu erdulden hoben; da sehen wir sie verstimmt und traurig über Kränkungen und Zurücksetzungen!, die sie um ihres Glaubens willen erleiden müssen. Es bedarf all der Beredsamkeit, all der Ueberzeugungskrast, ibtereit eine echte Mutter fähig ist, um Erbitterung und Verbitterung -aus den jungen Herzen zu entfernen. Immer wieder muß mau ihnen vor Augen führen, daß sie als deutsche Knaben und Mädchen j ü d i s ch e n Glaubens die g l e ii ch e n Rechte haben wie jene Verleumder, die sie ihnen als „Fremdrassige und Fremdblutige" zu rauben versuchen, die sie in wohlüberlegter Persidie entwurzeln nwchten. Wir jüdischen Frauen haben von jeher die Ausü b u n g der Wohltätigkeit, gleichgültig, ob sie unter christlicher -oder jüdischer Führung wiMe, als unsere ureigenste Donräue betrachtet. Heute müssen wir auch hier — wie in vielen anderem — abseits stehen, weil auch auf diesem Gebiete der deutsch-völkische Geist sich Bahn bricht und die Mitarbeit der Jüdin schroff zurückweist. Hier sind oft die Geistlichen die Rufer im Streite, die sogar aus charitativem Felde, wo doch Glaubensunterschiede schweigen sollten, die Jüdinnen ausgeschaltet wissen wollen. Unsere jüdischen Mitschwestern, die, aus eigenen Füßen sichend, sich Brot und Erwerb suchen, sie setzen sich tausend Demütigungen und Kränkungen aus, wenn sie an Aemter und Firnrein gelanaen, die grundsätzlich keine Juden anstellen. Die besten Kenntnisse und Fähigkeiten, glänzende Zeugnisse, sie versagen vor dem Dolgma: Wir nehmen keine Jüdinnen ans. Gar viele unter uns haben den begreiflichen Wunsch, sich in sozialer Arbeit, sei es -als Beruf, sei es ehrenamtlich, zu betätigen; sie kommen ansgestattet mit gediegenen Kenntnissen, mit guter Vorbildung, beseelt von dem besten Willen, ihre Kräfte dem Vaterland zur Verfügung zu stellen, ihm zu Helsen, in einer Epoche, wo Hilfe von allen Seiten erbeten und von Nöten ist: auch hier abwesende Mienen, svöttisches Achselzucken, oft derbe Zurückweisung, der Jüdin ist Mithilfe, Aufbauarbeit vers a g t, sie gilt in weitverhetzten Bolkskreisen als m inderwertig und ün brauch bar. Was hilft da der heißeste Wmffch, mittzuwirken anr Wiederaufbatn des Vaterlandes, der ernste Wille, neue Werte mitzuschafsen, einen Ausweg suchen zu hÄfen -aus Not und Verelendung, wenn Religion, werm Konfession unüberbrückbare Hindernisse bilden? So sch:rer derartige Vorkommnisse die Einzelnen treffen!, so erbitternd sie wirken müssen, sie treten weit zurück, wenn wir an die Unglücklichsten unserer Wwubensgenossimren denken, an jene, denen der Krieg teure Angehörige, Gatten, Brüder und vor allem Söhne, oft den einzigen, zwei, .mehrere geraubt hat. Was mag -in der Seele solcher Frauen Vorgehen, die wund sind von dem Leid, das sie traf, nenn ihnen die wüsten Beschuldigungen unserer Gegner in die Ohren gellen: „Die Juden sind -allesamt Drückeberger, keiner lag im Schützengräben, nur -in Etappe und Heimat waren sie zu finden!" Wie muß es einer solchen Dulderin zu Mute sein, die mit dem Gatten, dem Sohne auch den Ernährer verlor, die in kümmerlichen Verhältnissen dahin lebt, wenn sie auf knallroten Plakaten an den Litfaßsäulen ließt: „Während der Deutsche sein Blut im Felde vergoß, bereicherte sich der Jade in der Heimat. Kein Jude tat seine Pflicht im Kriege." Und sie denkt an ihren Gefallenen, der mit Begeisterung als Kriegsfreiwilliger ins Feld zoig, und nun. in fremder Erde ruhend, noch im Grabe von den eigenen Volksgenossen beschimpft und geschmäht wird. Da gehört ein Heroismus sondergleichen, ein tieswnrzelndes HeiNratsgesühl, ein starker Glaube au das Vaterland und den Sieg der Gerechtigkeit dazu, um hier nicht zus-ammentznbrechen unter der Last des grausam erlittenen und unverdienten Unrechts. Aber die Jüdin, die schon seit Urvaterzeiten bewies., daß sie sich nicht unterkriegen läßt, daß sie in Not und Tod die tapfere Gefährtin des Mannes ist, sie hat diese Eigenschaften auch heute noch nicht verloren. Und so geloben wir Ihnen, daß Sie an uns jüd is chen Frau>en treue und unermüdliche Helferinnen in dem uns WM,' IJBUKPI Jllii, Hiiniiil!1 iillllli" Aeittlleion ^.aiiiHi! hlniiiir.iiHlllt! Das jüdische Familienleben. Bon Wolf Rapapor t (Przemysl.) (Schluß.) Wir gehen weiter in die Zeff hinein, die eine trübe, verwirrte Heroenzeit zu sein schien, in die Zeit der Richter, wo die Gesamtheit sich ausgelöst und dem Anschein nach zerbröckelte. Bald hier, bald dort trat ein Richter auf, ward ein Lichtlein angezüudet; da tritt uns wieder eine schöne Gestalt entgegen, Doborah, eine Prophetin und Richterin, ein mutiges, kühnes Weib, eine begeisterte Anführerin, aber dennoch mit dem vollen Bewußtsein des Weibes. Sie will nicht amazonenmäßig in den Krieg ziehen, ste sagt es dem Barak: „Es wird dein Ruhm nicht sein, daß durch die Hand eines Weibes Gott den Sieg verschafft". Doch wie er den Kampf ohne sie nicht unternchmen will, dann, nur dann zieht sie mit und gewinnt den Sieg und mir begeisterten Worten verkündet sie es dünn strafend, lobend, als echte Gottesprophetin. Und später, als diese Zeit um war und ruhigere Verhältnisse sich gestalten wollten, an der SchwÄle dieser Epoche, begegnet uns wieder ein Weib, vor der wir in Ehrerbietung stehen. Es ist Hannah, die Mutter Samuels. Mit der ganzen weiblichen Sehnsucht beklagt sie es, daß ihr Kinder versagt seien und sie fleht in Innigkeit nNd betet aus der Tiefe des Herzens: „Denn ich bin ein Weib beschwerten Gemütes". Und Elkana, ihr Mann, tröstet ste: „Hannah, warum weinst du und warum ist dein Hertz fo betrübt? Bin ich dir nicht mehr wert wie zehn Kinder?" Welch ein tiefes Seelenleiden drückt sich in diesen lkurzeN schlichten Worten aus. Urch Ruth, welch eine liebvolle Gestalt! Es ist dm Judäer hwgezogen in die Fremde und dort schließen sich seinen beiden Söhnen zwei Schwiegertöchter -M; Mer der Mann stirbt, die Söhne sterben und kein Kind bleibt ihnen. Äie Mutter Naomi kehrt zurück und die zweite Schwiegertochter — die eine, Orsah, ist zu sehr Mvalbiterin, «als daß sie mit ihr ginge, sie verläßt sie, als sie fortzicht — Ruth schließt sich an Naomi an: „Nerv, wo du übernachtest, da übernachte auch ich, dein Volk ist das meine, dein Gott mein Gott!" Und sie folgt ihr als -ein gehorsames -Kind, bleibt ihre Tochter, sorgt freundlich für ihr Alter, ist ihre liebevolle Begleiterin; ist ste nicht würdig, die Ahnmutter des David zu seiu? Dies alles Wird so kiardlich ohne Prunk dargestellt, weil es fo tief in der Natur Israels liegt; es muß hervortreten und oft erfahren wir es bloß «als unscheinbaren Nebenzug. ■- / mV*". 77

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