Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 2 (12.1.1922)
- Date
- 1922-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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MaWnMeZckiUffl für $tvnvnf 4Ä S16 REDAKTION u ADMINISTRATION Mir» 3., Heinestraßr 13 Wien, 12. Jänner 1932 XXXV1I1. Jahrgang Nnrnmer 2 Vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Dieser höchst ersprießlich wirkende Verein hielt am 20. und 21. November v. I. seine Hanptversanr-rnkrng ab, die sich eines überaus zahlreichen Besuches aus allen Teilen des Reiches erfreute. Aber nicht -dieser Umstand allein, mehr noch der geistige und echische Gehalt, vo-n dem die gehaltenen Reden erfüllt waren, gab der Bersannn-lnng überragenden Wert. Den Vorsitz führte Jnstizrat Dr. Brodnitz, der nach Begrüßung der Erschienenen eine Rückschauauf die Vereinstätigjkeit seit der letzten Versammlung hielt. Als erster Redner sprach LaNdesraMner Dr. R i e g e r - Brannschweig über den Kampf der Inden um ihr deuttsches Vaterland. Es war eine richtige Trntzrede, die in dien Worten ausklang: ,,Wehrt euch, ihr ehrt euch, läßt leuch nicht entrechten!" . - Mit stürmischem Beifall wurden: die Ausführungen des zweiten ReferenterrSy nd Uns Dr. Ludwig Holländer ausgenommen. 'Sie iboten, wie der Vorsitzende in seinem Danke betonte, ein Programm nicht nur für den Augenblick, sondern «für das ganze Leiben. Staatsrat Cohn- Dessau plädierte für unermüdliche Aufklärungsarbeit. Dr. Bro d n i tz - Danzig sprach namens der Danziger Staatsbürger jüdischen Glaubens, die trotz der politischen Ereignisse treu zum Zenträlverein halten. Doktor H a a s e - Berlin, ein Posener, erinnert daran, welche hervorragende Kulturarbeit die Posener Juden für Land mld Reich vollbracht. Dr. U r i a s - Hamburg wandte sich Ul Vertretung des Reichsbundes jüdischer Frontkämpfer aufs schärfste gegen die Verleumdungen der Antisemiten über die jüdischen Soldaten. Lehrer Stern- Kattowitz erklärt, daß die oberschlesischen Juden unter großen Gefahren bei der Organisation zur Abstimmung ihr Bestes eingesetzt, um die Pwvinz für die Deutschen zu retten, aber mit bent schnödesten Undank gelohnt wurden. Dr. Bruno Weil, früher in Straßburg, gibt eine Darstellung der Verhältnisse vor und nach dem Weltkriege; wie die kluge französische Regierung seit jcher die elsässischen Juden durch ein liberales System für sich zu gewinnen wußte, Nach dem ~ Kriege aber die Führer deZ Zentralvereines auswies. Nach dem von Henry Rotschild lichtvoll vorgetragenen Fiuanzreferat sprach Dr. Engen Strauß-Augsburg -über das lebhaft umstrittene Thema „Innere Mission", die sich die sittliche Hebung der Juden als Ziel setzen müsse. Im gleichen Sinne waren die Ausführungen der Frau Fürth- Frankfurt, die sich gegen Putzsucht und üppige Lebensführung unkultivierter Glaubensgenossen wandte. Diesem Uebel müsse durch entsprechende Erziehung der Jugend entgegengearbeitet werden. Ebenso, aber noch energischer -gehalten war die bedeutsame Rede Dr. Jsm-ar F r e u n d s - Berlin, der nicht anstwnd, zu fordern, man müsse die Jugend revoltieren, daß sie nicht mehr mit den Eltern über die Straße gehe, wenn diese sich nicht eures gesitteten Benehmens befleißigen. „Wir brauchen j ü bischen I n h al t, j ü d i s che Weltanschauun g, e i n jüdisches Ideal. Wenn w ir den na t i o n al e n Z i o n i s m n s abl eh n e n, m üfs en wir Ernst machen mit der jüdischer! Erneu e r u n g!" Gegen diese begeisterten und begeisternden Worte mußten die schwachen opportunistischen Ablehnnngsversuche der Herren Jnstizrat Dr. A u erbach - Frankfurt und Geheimvat Dr. Fuchs- Berlin wirkungslos bleiben. Von einer mächtigen Wirkung aus die Versammlung, weil aus dem tiefen Leid und Weh des jüdischen Weibes hervorqnellend, war die glänzende Rede der Frau Jnstizrat D o r m i tz e r. Jedes ihrer Worte verdient Beherzigung. Wir lassen deshalb diese Rede hier folgen: ,.Jn dieser feierlichen Stunde, die die deutschen Juden im Kampf um ihr Recht aufs Vaterland hier vereinigt, soll auch die Stimme der deutschen Jüdin gehört werden. Glauben Sie mir, auch wir j ü d i f ch e n F r a u e n leiden schwer unter der antisemitischen Hochflut, die uns nmbranft; to-ir empfinden es als Schmach sondergleichen, daß man uns zu Menschen zweiter K l a s s e zu stempeln versucht, daß man uns schmäht unid verleumdet, anfeindet und bekämpft, und vor 'allem, daß man uns die Rechte, die wir kraft Geburt, Erziehung, Kultur und Gesinnung zu beanspruchen haben, in unerhörter Weise schmälern will. Wir wir stehen und gehen, aus der Straße und im geschlossenen Raume, in der Heimatstadt und ans der Reise, in kritischen Tagen, die jedem Deutschen als schicksalschwanger und düster erscheinen,'in Zeiten, da wir mut- und hoffnungsvoller in die Zukunft zu blicken glauben, allüberall der gellende Schlachtruf: der Jude wird verbrannt! Wahrlich, wir Juden find im Lause der Jahrtausende vom Schicksal nicht verwöhnt worden, wir können uns ruhig als Prügelknaben der Weltgeschichte betrachten, aber das, was uns jetzt bedroht, was m a n u n s heute and i ch t e t un d an t nt, es ü b er tri f s t die Zeiten s i n st e r st e n Mittelalters. Wenn wir Frauen auch durch unsere mehr an die Häuslichkeit gebundene Stellung nicht so viel in der Oefsentlichkeit wirken und schassen wie dieMänner, wenn unser Dasein sich naturgemäß in ruhigeren Bahnen abspielt — die Wirkung der Judenhetze, sie erreicht uns doch, sie greift tief in unser Leben, das in dieser schweren und hurten Zeit dadurch doppelt schwer und hart wird. Da kommen unsere Kinder ausderSchule nach Hause und klagen Wer