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Die Wahrheit · 1922-01-01 · Heft 1 (1.1.1922) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 1 (1.1.1922)
Date
1922-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite S Die Wahrheit Nr. 1 Auch der Kohanimscgcu mirld in di eie Fornc der modernen Forschung von ihm mit hinein bezogen. Beim' Prieftersegen ahmen die Kohanim durch das Fingerspreizen die Husspalten des Totem (Widder) nach." Diesem Unsinn ist leicht zu begegnen, indem es im Talmud noch zwerselhast ist, in welcher Form das Segnen mit den Härchen geschah. Nach einer Ansicht wurden die Hände erhoben und die Handflächen segnend auf die Andächtigen hinübevgöbeugt, nach der anderen Auffassung wurden die Finger geteilt. Die Kabbala erklärt die Fingerteilung durch mystische Auslegung und gibt eine wunderbare mystisch-poetische Darstellung dieser und jo ft selbe die Buchstabengeftalt des Namens I. H. V. H. darstellen. Dann behängtet Herr Reik, daß der Talles, der aus toeißer Wolle hergesvellte Gebetmaptel, einen Ersatz des Widderselles beim Totemkultus darstellt. Vor allem war der Dalles im Orient überhaupt nur als Kleid im allgemeinen betrachtet, als so eine Art landesübliche Kleidung. Das syrische Wort Talles stammt ethymologisch von zadol — bedecken. Er hat also ursprünglich mit einer Pviesterkleidunig oder Kultusgewand nichts gemeinschaftliches, wie es auch selbstverständlich ist, daß die Priester im Tempel in Jerusalem keinen Talles über hatten. Wenn zur psycho-analitischen Erforschung der religiösen Vorstellungen prinritiver Völker als Vorbereitung die Kenntnis der Ethnographie, der Völkerpsychologie und der Theorien eines Bwchofen, Lütbeck, Tylor, gehören, so sollte sich Herr Reik auch mit den nötigen Kenntnissen der jüdischen Wissenschaft' ausrüsten, bevor er sich anschickt, kritische Erklärungen über jüdische Feste und Gebräuche zu machen und darüber widie-rsinnige Behauptnngeu aufzustellen. Um die jüdischen Feste und Zeremonien zu beurteilen, ist die Kenn Kris der Te'schuwvth und Poskim sehr notwendig. Dem Herrn Reik sowie seinem Gewährsmann Herrn Dr. Abraham sollte man die Worte zurufen: „Hände weg vom Judentum!" Blau-Weiß. Der Mische Wanderbund. Von Joses Kurz t hal. Wir werden um Veröffentlichung des folgenden Artikels ersucht und geben den Erörterungen nmfo bereitwilliger Raum, als es - sich ausnahmsweise um eine unpolitische jüdische-Jugendbewegung handeln soll, an welcher cs leider angesichts der nationalMschen Jugendorganisationen in unserer Zeit vollkommen fehlt. Wie wir erfahren, entspricht der „Blau- Weiß" etwa einem jüdischen Pfad find erb und. Aus Wanderung, Heimabend, in Werkstätte und . beim Sport werden die jüdischen Jungen und Mädchen körperlich und geistig ertüchtigt. Die Führer sind zumeist Akademiker, die ihre ganze Zeit diesem Ideale widmen. Nähere Auskünfte werden im Zentralheim, IX., Währingerstraße Nr. 15, erteilt. ' In dem lebhaften Vereinsleben der letzten Jahre haben sich auch in jüdischen Kreisen eine Unzahl von Organisationen gebildet, unter welchen sich auch eine nicht geringe Anzahl von Jugendgrnppen befand, welche,, mit m-chr oder minder großem Lärm gegründet, nach einiger Zeit infolge des fühlbaren Mangels aneinem greifbaren Ziel zusaurnienschrumpften und zugrunde gingen. Nur eine einzige Organisation blieb in dieser Flucht der Ephemeriden: der „Blau-Weiß". Noch vor dem Kriege gegründet, hat er ihn liberdauert rmd erlebt nun das neunte Jahr seines Bestandes in unverminderter' Frische und Werbekrast. Er hat seinen Hauptsitz in Berlin, Zweilggruppen in fast allen deutschen Städten, in der Tschech'o-Slowakei, in Schweden, England und der Schweiz. In Oeisterrsich bestehen in Wien, Innsbruck, Salzburg, Linz, Graz, AtzgerSdorf, Mödling und Baden Gruppen. Leider mußte man aber die betrübliche Erfahrung rnachen, daß die Judenschaft, zumal hier in Oesterreich, dem Aufschwung dieser Jugendbvivrguug ziemlich gleichgültig zujleht;;a, daß üver Wesen und Ziele des ,^Zlaic- Weiß" die rrrigstell und verkehrtesten Meinungen im Umlauf sind; weswegen oft die ungerechtfertigtesten Anforderungen an ihn gestellt werden, welche mit seinem Programm durchaus unvereinbar sind. Was ist also der „Blau-Weiß"d Ost ist mm jugendlichen Stürmern und Drängern, desgleichen von solchen welche Alter vor Torheit nicht schützt, ^behauptet worden, daß sich das Wesen einer Jugendbewegung nicht dchinieren lasse. Mn ist zwar Jugenderziehung ein so umfassendes Problem, daß zu seiner erschöpfenden Darlegung Eaustn ein Buch hinreicht, sondern erst eine lebendige Praxis wirk-' lichen Einblick darein gewähren kann; doch -muß sich, wenn nichts andjeres als klare Gebauten sie leitet, sehr wohl eine zureichende Information geben lassen; wobei freilich in unserer von Schlagworten dnrchschwirrten Zeit zu befürchten ist, daß mancher, uneingedenik dös alten Wahrwortes, daß Einfachheit der Stempel der Wahrheit seil, das Simple einfältig finden dürste. Der „Blau-Weiß" ist eine jüdische Inge u de r z i e h u n g s g e m e i n s ch a f t. Er strebt danach, junge Menschen zu bewußten Juden und gesunden, selbstbewußten edlen Menschen zu erziehen; was, seiner Uöberzengung nach, keineswegs durch bloßes Einpauken gewisser Lehrsätze in Kursen, noch Mich durch reikord-wahnüvitziges Training in Sportvereinen erreicht werden kann, welche beide Formen die Zweckstreberei in den jungen Menschen fördern, statt sie zu unterdrücken; >am 'allerwenigsten aber kann er es gutheißen, wenn jüdische Jugend gedankenlos die feuchtfröhlichen Bräuche deutscher Bierlümmel, welche „durch eine bunte Kappe vor Nachdenklichkeit geischützt werden", nachäsft und in der Berrohungidie Rückkehr zur jüdischen Kraft erblicken will. Das Ghettotum kann nur ansgerottet werden durch einfaches, natürliches und kanteradschjaWches Z ms a mmenleben in der freien Natur, welches, indeni es den Körper stählt, den Geist durch andächtige Betrachtung von den Schlacken der Geschäftigkeit reinigt. In den traulichen Heimen des WanderbundM betreibt der Führer mit den Wanderern außerdem an regelmäßigen Zugsabenden alles, was jungen Menschjen wissenswert ist: vor allem jüdisches Wissen jeder Art in möglichst kameradsch>asklichem, möglichst wenig -lehrhaftem Ton. Trotzdem wird strengstens aus Disziplin gesehen, ohne militärischen Zwang. So gelingt es, die Wische Jugend viel nachhaltiger zu beeinflussen als durch mechanischen DM. Der Junge fintöet im „Blau-Weiß", was er sonst überall schmerzlich entbehrt: das jüdische Milieu, in welchem er frei leben kann Md wo ihm diaher auch das Erlebnis seines Judentums geradezu eine Selbstverständlichkeit wird. Die jüdischen Feste z. B. bekommen, in jugendlicher Gemeinschaft gefeiert, neue Farbe und Glanz. Der Wanderbund ist durchaus unpolitisch und untersteht keiner Partei, da es ihm als die wichtigste Ausgabe der Jugend erscheint, der jüdischen Renaissance

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