Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 1 (1.1.1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063949-3063950--11551-3078960- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gerte 6 Die Wahrheit Nr. 1 Antisemitismus-eine erbliche Belastung. (Schluß.-, In Italien konnte der Jude immer unbehelligt seiner täglichen Beschäftigung nachgehen. Unter den Ostgoten, unter den Longobarden, auch unter den fränkischen Herrschern .genossen die'Juden in Italien vollkommene Freiheit. Kaiser Ferdinand I. und König Robert von Neapel bewahrten ihnen eine besondere Zuneigung; selbst die Päpste, mit Ausnahme Gregok VII. und Innozenz III. ließen ihnen eine milde Behandlung zuteil werden. Doch auch in Italien waltete, wie überall,- die Inquisition ihres Amtes, auch m Italien wurden die Juden der Hostienschändung beschuldigt, also auch hier waren die Bedauernswerten nicht gerade auf Rosen gebettet, aber zu Judenoerfolgungen, zu Judenverfolgungen mit blutigem Ausgang kam es nie! Italien war also nicht der Boden, aus dem -der Antisemitismus die nötige Nahrrrng fand und ist es bis heute nicht. Erst in neuerer Zeit hat sich dieser freiheitsliebende Geist des italienischen Volkes wieder aufs glänzendste bewährt. Als die ganze Nation in Angst und Sorge um das Leben ihrer Söhne atemtlos aus die Vorgänge in Tripolis hinhorchte, als ihr mich das Kriegsglück den Rücken zu kehren schien, da fehlte es nicht von gewisser Seite an Bemühungen, den Juden die Schuld an -dem ganzen Unglück zuzuschieben. Doch die Italiener wiesen die Bersnchmrgen der Verläumder weit von sich, sie waren trotz der größten Not für den Antisemitismus nicht zu haben. In den Niederlanden finden wir bereits um die AWte des 4. Jahrhunderts Juden. Mit dem Fortschreiten öex. Ehristianisierung verschlimmerte sich auch hier ihre Lage. Doch können wir in den Niederlanden, und zwar in Brüssel, nur zwei Judenverfolgungen verzeichnen; beide fallen die Zeit der Kreuzzüge. Die erste Judenverfolgung fand um das Jahr 1348—1349 statr und wurde durch die „Geefelcvers" heDvorgierufen. Diese Mönche hatten aus ihrer Wanderung durch Deutschland über zahllose jüdische Gemeinden viel Unheil gebrachr. Sie kamen nach den Niederlanden, um dieses Land von der Pestkrankheit zu befreien, indem sie zur Versöhnung des erzürnten Gottes die Vernichtung aller Juden empfohlen. Im Jahve 1370 fand die zweite Judenverfolgung statt. Die Geistlichkeit beschuldigte die Juden des Kirchenraubes und der Hvstienschändung und unter ihrer Anführung wurde an die Ausrottung der Juden geschritten. Die irregeleitete Bevölkerung war aber nichts weniger als judenseindlich gesinnt. Für diese Annahme spricht die Tatsache, daß die (1492) aus Spanien vertriebenen Juden, trotz der um diese Zeit in vielen Staaten Europas gegen sie veranstalteten Treibjagden, in den Niederlanden und in Italien freundliche Aufnahme fanden. Wir sehen also, daß in den zwei einzigen Staaten Europas, in denen kein Antisemitismus besteht, die Bevölkerung seit jeher den Juden gewogen war, ein Umstand, der für die Richtigkeit unserer Behauptung eine sehr bereb-te Sprache spricht. Der Antisemitismus hock eine noch nie dagewesene Verrohung der Jugend herbeigesiührt, so Daß mau, so es gilt, einen Vergleich zwischen Arden und Antisemiten.aufzustellen. mit Recht sagen kann: „Die.Juden gaben der Menschheit das Christentum, -die Antisemiten die Blütezeit der — Plattenbrüder und Apachen." Die Juden schlagen entsetzt die Hände zusammen, wenn irgend ein Abgeordneter ihre Ehre besudelt. Ein solcher Toibstdchtsansall involviert Mar eine Beleidigung für die betreffende Körperschaft, für die Regierung, für den Staat, niemals aber für die Juden, -deren Aöoval jene ber Antisemiten gewiß überragt. .Es ist ganz ausgeschlossen, Daß Das 'moralische Verhalten der Jude:: irgend welchen Einfluß auf den Antisemitismus ausübt-. Der Anti- ' s e m i t i st m it d e in b e ifc e n Willen auße r Staude, den Juden gerecht zu beurteilen. Die Juden könnten rein wie die -Engel aus Erdenwandeln, den Antisemiten würden sie's doch niemals recht machen. Wer das Gegenteil behauptet, Der leimi.t die Strömung „ nicht; der Jude muß um jeden Preis schlecht sein! Es ist auch .ganz natürlich, daß ein solches . Vorurteil, jahrhuichertelang vererbt, sich zur „fixen Idee" ausbildet. Mau fordere einmal einen solchen Judenfresser..auf, er möge -mir einen Juden aus seiner Umgebung nennen, -den er als erwiesen schlecht hiüftellen kann und wir wetten tausend gegen eins — wir sprechen aus Erfahrung — daß der liebe gute Mann in die größte Verlegenheit gerät; dessenungeachtet wird ihn über nur die eine Sorge Klagen, ob es besser sei, die Juden aufzüknüpfen oder ins Wasser zu werfen. Wenn der Antisemitismus Diesmal -andere Formen als in früheren Jahren.amrimmt, fo darf man nicht vjer- .gessen, Daß auch das 19. und 20. Jahrhundert eine andere Staats form besitzt. Zum großen Teile aber haben es die Juden der in Men zivilisierten Staaten eiugeiführten allgenreinen Schulpflicht zu verdanken, wenn sich heute die Antisemiten zu einer ,geänderten Kampsestveise gezwungen sehen. Die Schule ist es, die das VE selbständig denken lehrt, so daß es sich nicht, und wenn es aintisemitifch erblich noch so stark belastet ist, bis zum Verbrechen verleiten läßt. Der. Antisemitismus -vergiftet die..sozialen ZustäNde, er -schädigt die wirtschaftliche Lage und untergräbt die movailischen Grundfesten des Staates. Ein Staat ohne Modal arbeitet -Mer unaufhaltsam an .seinem Untergänge, denn er bauti m I n n e r u der Anarchie goldene Brücken, während er nach A u ß e n an A ch t n u g u n d B -e r t r a u e n v e r-11 e r t. Es liegt daher im Interesse einer jeden Regierung, der das Wohl des Staates am Herzen liegt, dieser krankhaften Strömung einen Damm zu fetzen. Welche Mittel hier mit Erfolg angewendeit werden, hiefür bietet uns. England, ein Staat, in dem auch seiuerzoit der Antisemitismus furchtbar »vütete, ein lebendes Beispiel: Nur ein Rechts sta--a t im st r e n gst en- S -in n e d es Wo r tes, b er d ie Dur chfü h rung de r G es e tz e r ü ck s i ch t s l o s h >a n d h g b t, der dije' geistige und materielle Hebung des Volkes sich zur Hauptaufgabe stellt und der endlich für Die Heranbildung wahrhaft christl icher Prie fter sorgt, wird den An t isemitismus für immer aus feinem Bereich e banne n. Wie es kam, daß Kenry Ford Antisemit wurde. Ueber diesen Umstand gab Mr. CH an dl er. im Weißen Hause zu Washington ebenso belehrende als ergötzliche Ausschlüsse. Es muß bemerkt werden, daß Senator Ehandler, ein gutgläubiger Christ, nur der eigenen Empfindung folgte, als er, die Schändlichkeit des antisemitischen Treibens beleuchtend, 'den Häuptling Ford unter die Fuchtel nahm und dabei .anssührte: Da es aus dem Erdball ungefähr 1.500,000.000 Menschen und im ganzen ungefähr 14,000.000 Juden gibt, die