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Die Wahrheit · 1922-01-01 · Heft 1 (1.1.1922) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 1 (1.1.1922)
Date
1922-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ftettb der arme Hausierer und zündet pin erstes Ehanukalichtlein an. Seine gebeugte Gestalt dchnt und. reckt sich in biic Höhe und aus dem vergrämten Gesichte strahlt heule ein Siogesbewußtsein. Er lächelte das LiWlüm an, das auch sein Siegesfener darstellte. Schwer war der Kamps, aus dem er als Steiger Herrin kam: Er war schwerer, als der bittere Kamps um das tägliche Brot, in dem er sein ganzes Leiben lang stand. Jahrzehntelang geht er jeden Sonntag vom Hause weg, geht von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf. Er itzt nicht, er schläft nicht. Er keucht unter der Last seines Bündels, das bis zum nächsten Freitag nur um weniges kleiner wind. Er keucht unter der Last der Mißgunst, der Feindschaft und des Spottes — und er keucht sein Leben lang. Da führte ihm der Zufall ein Geschäft zu, das ihn für die ganze Vergangenheit, entschädigt und ihm für die Zukunft ein ruhiges Dasein gesichert hätte. Doch — das Geschäft war kein ehrliches! Und die Versuchung, der große Feind der Menschen stürmte auf ihn ein. Er brachte seine besten Feldherrn mit, die da waren: Versorgung, Geld, Ehre, Ansehen, Kleider, Essen u. a. m. Diese stürmten und schlugen Bresche an Bresche in die alte, morsche Festungsmauer. Doch als der Sieg des Feindes nahe war, da zog er das Schwert, auf dem der Name „Ehrlichkeit" stand, das mit einem Streiche den vielköpfigen Feind schlug. ... . . . Urrd der Sieget saug mit seiner Familie das ,Moaus zur jeschoussi". ... Ein eiskalter Abend. Ein Schneegestöber verwehte die j Fußstege. Die Leute hüllten sich in warme Kleider und. eilten ihrem Ziele zu. Abereine kam daher, die keine j warmen Kleider hatte. Sie kam von weithjeir, von ihrer! Arbeit, und lies nach Hause 501 ihrem Kinde und ihrer alten Mutter. So war es an jedem Menid, seit dem Tode ihres Mannles. Doch so schwer wie heute schien ihr nie -b€r lange Weg gewesen zu sein. Die große Kälte, der hohe Schnee und die Erinnerung an den toten Mann, der vor einem Jahre noch an diesem Menid' das' Ehanukalicht augezündet hat, lähmten die Füße der armen, jungen Frau, die erschöpft sich au die Mauer lehnte, um Atem zu Holm. Der Schnee umhüllte die zarte Gestalt und das Licht der naher: Bogenlampe erhellte grell ihr abgehärmtes, doch schönes und jugendliches Gesicht. Da kam ein Mann in schönem Pelzrocke daher und erblickte die Frau an der Wand. Mitleid zeigt sein erster Blick, doch der zweite schon Verlangen! Er sprach sie an und fragte sie.'. . . Sie gab Antwort. . . . Sie standen eine Zeitilang nebeneinander. . . . ... Es stürmte der Feind und schlug Bresche um Bresche in die schwache Festung. Und als der Sieg des Feindes fast sicher war, da sauste das Schwert, das „Frauenehre" heißt, und schlug ihn. . . . Und sie sang ihr „Moaus zur". . . Die schwere Krise der Wiener Kullusgemeinde. Den leitenden Artikel unserer vorigen Nummer schlossen wir mit den Worten: „Wir werden leider Gelegenheit haben, uns mit diesem traurigen Kapitel noch weiter beschäftigen zu müssen." Die Notwendigkeit ist eine verj schärfte, denn die Lage ist trostloser geworden,' als die! schlimmsten Erwartungen ahnen konnten. Der Unmöglichfeit, alle Forderungen der Beamtenschaft restlos bewilligen! zu können, wird die Unmöglichkeit entgegengestellt, daß die SM8 B8BB Das jüdische Familienleben. Von Wolf R a p a p 0 r t (Przemysl). Unlängst hat eine jüdische Zeitung des Auslandes über die mißlichen Verhältnisse im gegenwärtigen jüdischen Familienleben berichtet, auch die „Morgenzeitung" hat vor einiger Zeit die Leichtfertigkeit des Ehelebens, wie es sich derzeit bei den sogenannten Modernen unseres Volkes kundgibt, besprochen. Die Folge hievon ist ein sehr kurzes Eheleben und ein Sichhäufen von Ehesch>eidungen, die viel persönliches und Familienunglück mit sich bringen. Es verlohnt sich deswegen auf das Eheleben im alten Israel, bei dem die Innigkeit der Familie so stark ausgeprägt war, einzugehen. -Das Höchste, das ein Volk augeht, ich die Frage nach seinem Familienleben. Denn in diesem liegt der hauptsächlichste Wertmeffer der nationalen Ethik. — Es liegt ein großer Schatten aus dem so schön begabten und herrlich entwickelten griechischen Volke, daß bei ihm die Weihe des ehelichen Lebens so wenig in den Vordergrund tritt; es ist dejr Wert des Wckibes seinem wahren Wesen nach im Gri»eck;entume nicht nach Gebühr hervorgehoben worden. Wie anders ist dies im Judentnme! Von vornehereirr tritt der Gedanke uns entgegen: Es verläßt der Mann seinen Vater und seine Mutter und verbindet sich mit einem WÄbe. und' sie werden zu einem Fleische, zu einer wesentlichen Einheit. Die Ehrerbietung gegen die Eltern so tief eMgepflanzt, so innig genährt und gepflegt, tritt zurück gegen die Jrrnigktit, die im Hause Mann /und Weib miteinander verbinden soll. Das Weib soll dem Manne folgen: nach ihm ist Dein Begehr und er soll über Dich! herrschen, aber dennoch in voller Ebenbürtigkeit; er verbinbct sich seinem Weibe, sie werden zu einem Wesen. Und welche Me Franengestalten treten uns innerhalb des jüdischen Schrifttums entgegen! Die Erzmültier stehen fast auf derselben Stufe wie die Erzväter; ans sie schaut die spätere Zeit zurück wie auf die Patriarchen. Und welch ein Leben begegnet uns da, wenn wir zum Beispiel Hinschauen ans Rebekka, wie sie zuerst erscheint in unbefangener Jungfräulichkeit, freundlich und wohlwollend auch dem fremden Manne gegenüber, aus seine Bitte büvMwillig für ihn schöpft und auch für die Kamele sorgt! Sie tritt mit ihm in das Haus der Ihrigen und siehe da! Er ist hergesendet von den hochgeachteten Verwandten ans der Ferne, er soll um die Tochter freien. Man fragt Rebekka, sie hat die volle Wähl: Willst <kni ziehen? Doch es zieht sie dorthin, das Herz sagt ihr, dort sei die Stätte, wo sie zum gedeihlichem Entfalten gelangen werde, und sie spricht: „Ja ich gehe!" Sie tritt die Reise an, unbefangen, schaut sie sich überall um, da tritt der ihr entgegen, dem sie bestimmt ist, ihn das Leben hindurch zu begleiten, und sie fragt: „Wer ist der Manu?" Der Knecht erwidert: „Das ist der Sohn meines Herrn Isaak, der Dir Dein Lebensgefährte seiU soll." Züchtige Röte umzieht ihre Wangen und sie bedeckt sich nrit dem Schleier. Er führt sie in das Zelt der Mutter und er liebte sie. — l Und Jakob führt sein Weib Rahel heim, denn er liebte sie,

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