Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 24 (8.12.1921)
- Date
- 1921-12-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite iS Dir Wahrh eir Nr. 24 Der Schreckensmann. Wien ist am 1. Dezember mit einem blauen Auge davongekommen. Es wurde nur wenige Stunden geraubt und geplündert. Ümgebracht wurde niemand, niemandem der Rode Hahn aufs Dach gesetzt. Nach den bisherigen Erhebungen sollen Auslagenfenster im Werte von zirka einer Milliarde Kronen zertrümmert, Waren in ungefähr gleichem Werte verschleppt worden sein. Nachdem' Geld jetzt kerne Rolle spielt, beruhigte sich Wien, überzeugt, daß es sich um einen Denkzettel, um ein klirrendes Mene tekel gehandelt habe. Am vorigen Montag gab es jedoch wieder einen neuen Schrecken. In der Volkshalle des Rathauses versammelte sich die Liga der Wohnungslosen und ihr Häuptling, ein gewisser Landes, forderte stürmisch, die Ostjuden müssen hinaus, womit sich auch die bodenständigen Juden einverstanden erklären würden. Diese Kapitulation verfängt bei keinem Bodenständigen. Bei einem aber doch. Herr Carl Colbert schrieb noch am selben Abend in seinem Kommunistenblatte, dasselbe werde die Forderung der Wohnungslosvnliga kräftigst unterstützen, also für die Vertreibung der Ostjuden sein. Herr Colbert ist bekanntlich stets ,Z)o es Starke gibt, immer aus Seite der Schwachen!" Und sicherlich gibt es jetzt nichts Stärkeres als die Ostjuden. Wer's nicht glaubt, schaue sich deren Kellerwohnung in der Brigittenau und Zwischenbrücken an. Herr CoMrt ist ein schneidiger Wohnungsanforderer, wenn man nicht fatalerweise seine eigene VÄlabehausung anfordert. Das Verhängnis kann schon manchmal so ironisch sein. Mer daß ausgerechnet Herr CoWert, dessen Familienname mit der Geschästsdevise feines braven Vaters: „Gottes Segen bei Cohn!" unlösbar verbunden bleibt, sich als Ostjudenbekämpser aufspielt, ist wohl die höchste Ironie. An unsere Leser! Im Herbst de? Jahres 1918, bald nach dem Zusammenbruch, begannen die großen Teuerungswellen das wirtschaftliche Leben in iÄnen Grundfesten erschütternd zu überfluten. Von diesem Geschehen würbe auch die periodische Presse nicht verschont. Mit einer gewissen Pünktlichkeit stellte sich in kurzen Intervallen die Springflut der Preiserhöhung für Papier und Druck ein. Heuer im August glaubten die Zeitungs-unternshmer den Kulminationspunkt verzeichnen zu dürfen, als die bereits unmäßig gestiegenen Preise eine »Eitere Mprozentige Erhöhung erfuhren. Aber der September setzte abermals mit dem Zuschlag von 40 Prozent ein. „Höher kann es nicht mehr gehen!" trösteten sich die bereits erschöpften Herausgeber Sie rechneten eben nicht mit den unbegrenzten Möglichkeiten der Entwertung unserer Krone und der biedurch automaMch erfolgenden Warenverteuerung und Lohnsieigerung. Im November wurde uns die Katastrophe einer siebzig prozentigen weiteren Steigerung zur erschütternden Tatsache. Me Tagespresse parierte diese schweren Schläge durch entsprechende Maßnahmen in den Bezugsbedingungen. Wir wollen dies an einem Beispiele erläutern: Bis zum Kriegsausbruch kostete ein Eremplar des „Tägblattes" 8 Heller, nunmehr 16 Kronen, also daL Zweihundertfache des Friedenspreises. Damals war da- Jahresabonnement der „Wahrheit" ganzjährig . K 20.—, fetzt gaiyjährig K 200.—. Vom wöchentlichen auf das jetzt 14tägige Erscheinen umgerechnet, ergibt dies eine bloß 20sacke Erhöhung der Bezugsbedingung. Die traurige Tatsache 'ber 70prozentigen Steigerung bringt uns beider in die Zwangslage, das Abonneme»t, einigermaßen den trostlosen Verhältnissen anpassend, ianf K 800.— halbjährig zu erhöhen, wobei wir immer noch an dem Grundsätze der stets beobachteten Kulance festhalten und der Ueberzeugung sind, daß unsere geehrten Freunde dies erkennen und der notgÄrunoenen Maßnahme Folge geben werden. Eie werden sich dabei vor Augen halten, daß sie durch Unterstützung des Blatts den Interessen des Judentums ein Opfer bringen, dem sich in der Zeit seßner mannigfachen Bedrängnis und Verfolgung niemand entziehen "soll, dem sein Wohl am Herzen ileot. Me Redaktion der „Wahrheit". BM metaittv »Eg Gnade und Freiheit, von Felix Weltsch, Kurt Wolffverl a g, München. Ueber diese Grundprobleme der Religion, die schon vor den Kirchenvätern talmndische Weise zu tiefsinnigen Betrachtungen anregten, ohne daß je ein abschließendes Urteil gesprochen werden konnte, verbreitet sich Felix Weltsch in seinem mit bemerkenswertem Fleiß gearbeiteten Buche. Er entscheidet sich für die Freiheit gegen die Gnade, weil letztere «den Gläubigen mannigfach gefährde. Die Uöberzeugung, daß wir alle Sünder sind und aus uns heraus nie besser werden können, kann tiefer in die Sünde hineinsühren, noch mehr ist das der Fall, wenn in den letzten Ausläufern -der Gnadenlchre behauptet wird, gerade in -der Sündhaftigkeit sei erst der richtige Auftrieb zu Gott enthalten, und man käme am besten zu Gott, wenn man nur recht sündige, ferner sind Quietismus und Jndiferentismus sittliche Gefahren der Gnadenlehre, „Wenn keine irdische Tat wertvoll ist, wenn die eine so viel wert ist wie^die andere, so wird schließlich alles gleichgültig. Das Bewußtsein metaphystrscher Ohnmacht führt leicht zu wirklicher Schwache und Untätigkeit." - Biel Scharfsinn und emsige Arbeit sind die Vorzüge dieses lesenswerten Buches, wenn auch die aus den Aposteltagen libernommene Streitfrage, ob der Glaube oder die Werke selig machen, mit alledem keinen Schritt der Lösung näher gebracht wird. G. D. Palästina. Land und Leben. 57, teilsganzseitige Ausnahmen mit Einleitung von Moses Calvary (hebräisch und deutsch) Mk. 25.—, Verlag Ferdinand Ostertag. Wer ein Werk, über Palästina sucht, das mit wenigen Worten die landwirtschaftlichen Reize Erez Israels zeigt, wird das vorliegende, prächtig ausgestattete dankbar begrüßen. Calvarys knappe, aber umso inhaltsreichere Einleitung führt uns «die geographische Lage an Hand der herrlichen Aufnahmen plastisch vor Augen. Juda, die Gebirgswüste, das an Kolonien reiche Galiläa, Samavia, das JordantaflC und all die toten Namen werden uns lebendig. Es wäre zu wünschen, daß der Verlag eine zweite Mappe herausgebe, die vom neuen, werdenden Leben in Erez Israel erzählt. M. C. M. Ob Bismarck ein Judenfeind war? Keine Frage ist so müßig, als daß sie nicht einen Deutschen verleiten könnte, aus ihr ein stattliches Buch heran szuhaspeln. So konnte auch Dr. Otto Jöhlinger nicht der Lockung widerstehen, unter dem Titel „Bismarck und die Juden" bei Dietrich Reimer in Berlin ein Werk zu verlegen, durch welches der M-Reichskanzler gegen den Verdacht in Schutz genommen werden soll, er hätte den.in den Siebzigerjahren aufgekommenen preußischen Antisemitismus geschaffen oder auch nur gefördert. Die Beweisführung Jöhlingers ist für uns nicht überzeugend. Es mag seine Richtigkeit damit haben, daß Bismarck, sich über den Erzjüdenfeind, .Hofprediger Stöcker, beim alten Kaiser Wilhelm beschwerte. Es geschah dies aber erst, als Stöcker mchr Anhang und Volkstümlichkeit gewonnen hatte, als dem in solchen Dingen sehr empfindlichen Rchtskanzler lieb war. Aus mancher seiner Äußerungen, die Jöhlinger anführt, geht hervor, daß Stöcker dem ersten Mann des Reiches nicht unsympatisch war, be- . sonders wegen einzelner wesensverwandter Eigenschaften wie Trotz, Kampf, Lust und leichtentzündeter Losgeherei —it flWijTTTiirarin'fliii'iWi^rr'