Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 24 (8.12.1921)
- Date
- 1921-12-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der Schosar ist das Symbol der nationalen Freiheit, das Fest selber, als wir uns noch einer staatlich politischen Selbjrändigksiit erfreuten, ein wa-yrhast völkisch-nationales. Eine echt hebräische, palästinensische, bodenständige Feier. ' Das Fest und der SchosarK'ang sind ein Ausdruck der natiorvailen Freiheit. Außerdem ist das Rasch Haschanah auch eine religiöse Feier, die die religiöse Bestimmung des Judentums, die Gottesmission, verkündet. Eine Mission, die erst in ferner Zukunft ganz erfüllt sein wird. Me Völker schlaget ein. „Werbet Teruah Huldigung Gott", Heißt es im 47. Psalm, dem Liede der Kovachiden. Schosar die nationale Fanfare, aber auch Symbol des Weckrufes', der einst vom heilumleuchbenden jüdischen Mittelpunkt rufend und schmetternd in den Vö'lkerkreis der Menschheit dringen wird. Ebenso ist Jom-Kippur das Fest der Menschen und VöWerversöh nungen. Dieses alles halben wir stets gewußt. Auf eiumall er- Mrt einer der Adepten einer neuen Wissenschaft, Herr Pros. Reik, daß Rosch Haschanah und Jom-Kippur und die aus diese sich bezichende Dinim und Minhagitr nichts Mcheres als die Totenzeremonien der Wilden seien. Lauter Fetischismus, so wie bei den Indianern, so will-es Herr Reik, der Vertreter der hypermodernen Wissenschaft, höben. In einem Buche, betitelt „Probleme der Religionspsychotogie" (internationaler Psychoanalytischer Verlag*) wagt er sich mit dem Seziermess-er in pietätloser Weise an die Mische Religion heran. Rosch Haschanah und Jom-Kippur, die wir Me verehren, sind ftir ihm nichts anderes als ein gemeiner Jndmnevkultus. Woraus es bei -der Anwendung d>er Psychoanalysis aus die Geisteswissenschaften in erster Linie ankommt, ist, daß die Erscheinungen im Geistesleben, vorwiegend religiöse Borstellmigen der primitiven Völker, als neurothische Aeußerungen erklärt werden. Diese Methode sucht auch ReÜ auf -die Erforschung der jüdischen Feste urä) Riten zu übertragen. Ich wU in Mer Mrze mich damit begnügen, aus einiges aus dem Reikischen Buche hier einzugchen. „Anr Vortage des Festes, das heißt, also wenige Stunden vor dem Kolnidre-Gebete, fndet nach strengem Ritus eine Zeremonie statt, die -einen seltsamen Rest des alten Opserkultus darstellt. Es wird nämlich für männliche Personen ein Hahn, für weibliche ein Huhn als Sühnopfer genommen. Das Tier wird an den Beinen gefesselt und unter Aussprechung einer Formel dreimal um den Kops des Entsühnenden geschwungen. Die Worte muten fast wie eine BesHoorungsformel an. Der Hahn vertritt die Stelle des früheren viersüßigen Opfers., Nach Schlachtung des Opfers wird dasselbe im Familienkreise verzehrt. Wir dürfen also sagen, vor Beginn des Bersöhnnngstages zu tmer Einlsittmg wird ganz nach allen Gebrauch die oternmahlzeit gehalten. Dann kommt die nochmalige Ausführung des Urverbpechens. Diesmal in Gedanken als Zwangsneurose. An Stelle des Totem als Opfer tritt das Totem -der Auflösung des Bundes mit dem Vatergott in der Form des Hersagens der K. N.-Formel." ° In Mer Mrze ist daraus zu erwidern, daß erstens die Zeremonie mtt dem Hahn ganz jüngsten Datums ist und mit dem biblischen Judentum und dem Dempelkullus in gar keinem Zusammenhänge steht, denn gerade auf diese *) Besprochen von Karl Abraham in der Psychoanalytischen Zeitschrift.Zmago". Zeit kommt es ja hauptsächlich bei'dieser Art von Forschung an. (Fortsetzung folgt.) Das Keimatsrechl der deutschen Juden. Unter dieser Aufschrift lesen wir in der Nummer 23 der „Wahrheit" vom 24. November 1921 folgende ergveifende Worte des Landesrabbiner Doktor R i e g e r, Braunschweig, aus einer diesen Gegenstand behandelnden Schrift: „Werm einer in Deutschland geboren ist, aus einer Familie stammt, die nachweisbar Jahrhundertelang in deutscher Erde wurzelt und ihre Toten in deutscher Erde bettet, wenn einer in deutscher Sprache denkt, in deutscher Kultur lebt und'schafft, die Schicksale deutscher Mitmenschen teilt, seiner Kinder heiliges Blut oder -das eigene für Deutschllands Ehre vergossen, so daß -er deutsche Schmach als. seine Schmach, Deutschlands Ehre als seine Ehre empfindet, so besitzt er deutsches Nationalgefühl und muß mit Fug und Recht als V o l ld e u tscher anerkannt werden." Diese Anschauungen über Deutschtum finden Stütze und Bekräftigung in einer bemerkenswerten Rede, die einer der größten deutschen Schriftsteller und Dichter der Gegenwart, Gerhart Haupt mann, am 11. November d. I. unter dem Titel „Deutsche Wiedergeburt" in -der Wiener Universität gehalten hat. Darin sagt er unter anderem: „Im Bekenntnis zu Goethe liegt unter anderem die Absage gegen den Mißbrauch des Wortes Deutsch". - Entweder man ist deutsch oder man ist -es nicht. Und jemand, der es nicht äst, wird es nicht dadurch, daß er die Worte national und deutsch immerwährend im Vttrnde führt . Aus Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Aus deutscher Muttererde bist -du genommen, zu deutscher Muttererde sollst du . werden. Dies Wort gilt auch im Geistigen. Und deutsches Wesen heißt nichts als deutsche Geistigkeit. Deutsches Wesen heißt unter anderem auch, sich der zahllosen Emanationen deutschen Wesens bewußt w^den. Alles stirbt, soweit es nicht in sich fortzeugend ist. Sofern es nicht Pflege erhält, wird es dahinsiechen. Darum heißt es, alle Hinweise Goethes, Wielands, Herders und vieler anderer Großer benutzen, Erwin von Sternbachs, des Münsters in Straßburg so wenig vergessen als des Sebaldus' Grab, Dürers so wenig als Schopenhauers. Das Feld ist weit. Der Schatz, Gottseidank, unerschöpflich groß: in der Architektur, in «der bildenden Kunst, der Dichtkunst und eine besondere Unendlichkeit aller köstlichsten deutscher, Art in der Musik. Endlich in der Philosophie und Wissenschaft." Nach dieser Auffasiung sind auch die Juden, -die aus deutscher Erde geboren wurden und deren Muttersprache das Deutsche ist, berechtigt, sich als Deutsche zu fühlen. Denn sie haben sich auf all den aufgezählten Gebieten des Geistes als Schiller, Lehrer und Meister betätigt und sind daher mit dem deutschen Geistesleben -innig verwachsen. Und dieses ist für die Zugehörigkeit des Einzelnen zu einer großen Gemeinschaft in erster Linie entscheidend. Daher ist die Anschauung der judenseindlichen Deutschnationa-len und ihrer Nachahmer in vielen Richtungen, der Jüdischnationalen, unrichtig. Beide kennen für die Zugehörigkeit des einzelnen zur Volksgemeinschaft nur ein Merkmal, die Abstammung, während sie augenfällige Tatsachen wie den geistigen Zusammenhang der deutschen Juden 'mit den Deutschen unbevchbä lallen oder vergDblich in Abrede stellen. Dr.E. W.