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Die Wahrheit · 1921-12-08 · Heft 24 (8.12.1921) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 24 (8.12.1921)
Date
1921-12-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 8 spannen Keß. Wie die Justiz in Frmrkrvich aussieht, lehrt uns wieder der Panamaskandal, den die jeweilige Regierung immer nur zu ihrem Vorteil ausnützte. Und mm gar die Dreysusaffäre — eine unübersehbare Reihe von Niederträchtigkeiten und Rechtsbeugungen, wie sie nur ein mit Antisemitismus schwer belastetes Gehirn ersinnen kann. Ist es dann ein Wunder, wenn auch auf Frankreichs Boden der Antisemitismus üppig in die Halme schießt? Wenn schließlich auch inRußland der Autiiemitismus auflodert und einen blutroten Schein weithin verbrsitet, so werden gewiß solche Schandtaten nie den befremden, 'der die asiatischen Zustände dieses Reiches kennt. Fanatische Priester, religiöse Unduldsamkeit, grenzenlose Korruption der Bureaukratie, das ungewöhnlich tiefe BiUnn^smveau und das große Elend des Volkes müssen solche traurige Erscheinungen im Gefolge haben. Das, was für Rußland gilt, gilt zum größten Teile auch für die anderen östlichen Länder Europas. Unsere Ausgabe wäre aber nur halb gelöst, wollten wir es unterlassen, auch die Tatsache, daß in einigen wenigen Staaten Europas, wie zum Beispiel in Italien mrd in den Niederlanden keine antisemitische Bewegung besteht, als Beweis für unsere Behauptung — Der Antisemitismus, eine erbliche Belastung — heranzuziehen SelbstrÄrend müssen wir zu diesem Behuse wieder die Geschichte dieser Länder einer näheren Betrachtung unterwerstn. (Schluß folgt.) mitte! weniger gegen die Noblesse oblige und soll deGalb der OeiffenTichkeit nicht worench-alten werden. Es war im Spätwinter. In der Judengemeinde rüstete man sich zum Pnrim-(Faschings-Mall und . der Schalk trifft das schöne Fräulein Sälchen vor ihrer Eltern HmMtür stehen. ,.Gvüß' Gott, saubere Tochter Evas!" ru.ft ihr Herr Ästig zu, „haben Äe die Lackstiefelchen für den Ball schon fertig?—- Ihr Freier wird doch dabei svzufaWn die erste Geige spielen!" „Leider, leider, mein lieber Herr Lustig, diesmal mutz ich «mfach zu Hause bleiben! Ich hcibe nämlich auf der rechten Zehe ein Hühnerauge bekommen, was mir nicht nur das Tgnzen, sonderir auch das Gchen immöglich macht", gab Schön-Salchen weinerlich zurück. , Dem wäre doch abzuhelsen!" meinte der Schalk mit erheucheltem Ernst, „ein Busserl, und ich bring' Ihnen im Handumdrehen das Hühneraug' weg!" Sie: „Man kennt ja Ihre Witze!" ... Er: „Wollen Sie 's probieren? Ich bin bereit, mit Ihnen ins Zimmer zb gchen und die Operation an Ort itnb Stelle vorzunehmen. — Eins, zwei ist es weg; und das Honorar — ist es gar so groß?" ... Das Geschäft wurde perfekt! — Lustig hieß den Strumpf abziehen, maß mit beiden HäUden den Umifang ihrer Wade, dann 'entzündete er ein Streichholz, ließ es bis zur Hälfte brennen und löschte es ab. „Nur nicht fürchten!" sprach er ihr Mut zu. Und nun nahm er das vMohlte Hölzchen und zeichnete einen Kreis um das Hühnerauge. „Sehen Sie, schönes Kind!" sprach er mit einer Siegermiene, „jetzt haben Sie kern Hnhneraug' mehr, soichern.ein Gämeaug'l" ... Nr. 24 Wiener Sanierunyskromitee. Die wirtschaftliche Not ist das Verhängnis.der großen Städte, ist es besonders nach dem Kriege geworden. -In Sieger-, wie.in Besiegtenstaaten. Sie hat die innere Struktur der Gesellschaft geändert und zerrissen, sine Erscheinung, «die besonders scharf in Wien konstatiert wird. Es ist falsch zu glauben, daß diese Not alles gleich macht. Wohl zu unterscheiden sind die Kämpfer, die in planvoller Geschlossenheit ihren Willen zum Leben betörten und durchsetzen, von denen, die leiden gelernt haben, ohne zu klagen. Das sind die Alten, die nicht mehr, und die Kinder, die noch nicht wolle^ können. Ihnen war stets die aufmerksame charitative Sorgfalt zugewendet, namentlich bei den Juden. In der guten alten Zeit, es sind noch keine zehn Jahre darüber hingegangen, war es eine Selbstverständlichkeit, daß die Wiener Kultusgemeinde ihre Wohlfahrtsanstalten reichlich versorgte, denn es waren reichliche Mittel vorhanden. Gegenwärtig muß sich .di« Gemeinde bescheiden, will sie ihren Betrieb aufrecht erhalten, in das Danaidenfaß der durch den Druck der.Zeit gesteigerten Ansprüche ihrer Angestellten zu schöpfen. Da erging eines Tages der.Alarmruf: Das jüdische Spital ist bedroht, die Greise des jüdischen Siechenhanses sind in Gefahr, ihre kummervollen Tage vorzeitig beenden zu müssen, die blinden und taubstummen Kinder können nicht mehr erhalten werden! Plötzlich ergoß sich eine Sturzwelle des Erbarmens über diese verelendeten Anstalten, um leider alsbald zu verebben. In Erkenntnis der Gefahr fanden sich jedoch, wo die Not am größten war, hilfsbereite und hilfskräftige Männer zusammen. Plan und Idee ging von einem Freundeskreis Sr. Ehrw. Herrn Rabbiners Dr. M. Grunw äld aus,'hie Ausführung und Vollendung besorgten hochgesinnte Hilfskräfte, die von der richtigen Er Wägung ansgingen, der Prophet müsse zum Berg kommen, um die verboroenen Schätze des Wohltnns zu heben. Und das Wort erging an Männer, wie, um nur einen als Primus Inter pares hervorzuheben, Herrn Julius B e rg e r: „Gehe hin und predige ihnen die Pflichten des Besitzes gegen ihre darbenden Brüder!" Zuversichlich und boffnungsfroh hob das unermüdliche Sammeln an. Die Herzen auf, die Taschen auf! Diesem kategorischen Imperativ Julius Bergers verschloß sich niemand, auch das Ausland wurde alarmiert. Ein von dem sel. Herrn Bezirkssekretär Rübner eingerichteter, Pro gand aapparat setzte mit unermüdlicher Arbeit ein. In kurzer Zeit waren mehrere Millionen gesammelt. Aber Geld allein macht nicht glücklich, man muß es auch in solchen Fällen zu verwenden wissen. Das Sanierungskomitee bestellte deshalb Delegierte in die Kuratorien der bedrohten Institute, um zuverlässig festzustellen, wo und wi!e am dringendsten zu Kelsen sei. Nach dem Bericht der Kuratoren trifft das Komitee seine Beschlüsse und läßt Weisungen zur Jnstvadierung der erforderlichen Gelder und Naturälsvenden ergehen. Aber es muß unablässig gesammelt werden,, damit der Hilfsapparat nicht raste, und roste. . v '■ Was die treibende Kraft Bergers und der mit ibm wetteifernden Herren Kultusvorsteber Döhan; Schwarz und Dr. Tich o, der Herren Adle r st e i n, Denes, Engel, Haas, Haber, Landesber g.er, Dr. S a borsk y, S ch n i tz e r, Weine r, W e i ß, Dr. Werner und anderer geleistet hat und immer wieder neu leistet, ist geeignet, eine Seite im goldenen.Buck« der Wiener Judenschaft zu sichern. Möchte diese sich auch der Pflicht bewußt sein, ein solches Werk der Selbsthilfe. Wt allen Kräfteü zu fördern! - . ” Die Wahrheit

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