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Die Wahrheit · 1921-12-08 · Heft 24 (8.12.1921) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 24 (8.12.1921)
Date
1921-12-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. S4 ■ ., Die Wahrtzeiß Seite S bank -unib erreichten an «totem und demselben Tage den Doktorgrad. Sie vertieften sich sogleich in die Zeitungslektüre. Plötzlich blickte ider eiine von ihnen ans und sagte ziemlich laut, so daß es Schreiber d-veses hören mußte: „Du hör' einmal, is was d'ran an diesen Ritualmordgeschichten, du mußt es doch wissen?" Der Angesprvchene sah ihn einen Augenblick erstaunt au, dann sprach er bitter: „Also auch du bist deiner Sache nicht gewiß? Glaubst du denn, daß ich noch heute Jude sein.würde, wenn nur das Allergeringste daran wahr wäre, ich, der nur seiner Konfession wegen bereits zwei Jahre hindurch «ine öffentliche Anstellung vergebens anstrebt?" „Mein Gott, mein Gott," antwortete der andere tief erschüttert, indem er sich mit der Hand vor die Stirne schlug, frkt hast du ja ganz recht; o, -ihr armen Juden, ihr seid wirklich sehr zu bedauern!" Der Antisemitismus in Frankreich. Auch ldie Franzosen, die sogenannte „Grande Nation'', sind für die Reize des Antisemitismus nicht ganz unempfänglich. Diese Tatsache wirkt im ersten Augenblick -geradezu verblüffend und unwillkürlich fragt man sich, wo denn hier der Beweggrund zu einer solchen Erscheinung liegt. Ist er etwa in der allgemeinen Notlage zu suchen? Nein, denn Frankreich zahlt zu den reichsten Ländern der Erde! Ist es -der jüdische Konkurrent, den man durch den Antisemitismus treffen will? Unmöglich, denn in Frankreich bilden die Juden einen verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung, das Verhältnis dürfte sich ungefähr wie eins zu tauserd gestalten. Ist vielleicht der Panamaschwmdel daran schuD tragend? Auch der nicht, denn die „lUbre Parole" zählte schon eine große Anzahl Anhänger, /bevor es noch einen Panamaskandal gab, auch die Affäre Dreysus, -die sich doch noch spater ereignete, kann die anti" semitische Bewegung nicht hvrvorgevufen haben. Im Panamaansschuß saßen überdies mit Ausnahme eines Judenftammlings ausschließlich unverfälschte Arier und unter den bezahlten Abgeordneten waren wieder, von dAn einen Judenstämmling abgesehen, alle arischer Abkunft. Gehen wir aber der Sache etwas näher auf den Grund, indem wir in die Vergangenheit dieses Volkes ein wenig hi'neinleuchten, so finden wir 'das ganze'Rätsel gelöst. Schlagen wir die Geschichte Frankreichs, speziell jene während der Regierungszeit Philipp II., August, Ludwig des Heiligen, Philipp IV., Karl VI. und Ludwig XII. auf. so werden wir uns sogleich überzeugen, daß auch die große Nation in der Verfolgung und Abschlachtung oer Juden tatsächlich Großes leistete. Wir haben -es also auch hier mit einer erblichen Belastung zu tun. Es bedurfte demnach nur des geringsten Anreizes — den lieferten Zeitungsberichte aus Deutschland und Oesterreich in Massen — und die Krankheit mußte zum Ausbruch kommen. Es darf weiters nicht, vergessen werden, daß Frankreich seit undenklichen Zeiten nur von den Klerikalen beherrscht wurde, ja, daß «das gesamte Schulwesen in den Händen dieser Partei lag und daß noch heute der größte Teil des Offizierskorps zu ihren Anhängern zahlt. Auch die große Revolution, die zwar trotz ihrer Schreckensherrschaft und all ihrer anderen Auswüchse völkerbefreiend wirkte, zeigt uns deutlich, daß das französische Volk, weil es eben so lange geknechtet war, die plötzlich erlangte Freiheit nicht vernünftig auszunützen verstand und schließlich, beinahe mitten im Freiheitstäumel, unter Trommelwirbel und TrompetenschM sich m das napoleonische Joch Judengemeinde in der Ausübung meines Dienstes grundlos zu beschimpfen!" .... Er konnte sich nicht mehr halten und wütend schrie er hinaus: „A ty jsi slepy!" -- Und du bist blind. n. Probatum est, oder eine schläferige Geschichte. Zweifellos war der Gemeindeschächter der Frommsten einer! Das bedingt ja sein Amt! Aber die Gottergübenheit des Rabbi Haschele-Schächters war so allgemein anerkannt daß man ihm neidlos das Prädikat „Chassid" — der Fromme — zubilligte. Als ich Rabbi Haschele Chassid zum ersten Male sah, erfreute er sich bereits der Ruhegenüsse der Knldusg^meinde, bezog eine Personalunterstützung vom mährischen Landesmassafonds und durfte mit Bezügen für das Mischna-Lesen und Kadtsch-Sagen an „Jahrzeiten" nach verstorbenen Gemeindemitgliedern rechnen. Summa summarum trug's, daß man mehr aus jenseitige Vergnügungen wie aus diesseitige rechnen durste. Er war ein kleines und schwaches Männlein, glatt barbiert. Nur eine dünne Schicht grauer Barthaare hing ihm — als männliche Zierde — um die Kehle. Die Augen hinter dem' Schirm der Tellermütze, die er für gewöhnlich trug, waren vor Ueberanstrengung im Dalnmdlesen stets entzündet und wimperlos. Und sprach man mit dem alten, braven Manne, so hatte man ständig das Gefühl, ihn übermanne Schwäche und Schläfrigkeit. Vielleicht auch! Man erzählte aus seiner letzten Funktionszeit er wäre von Erbenschitz nach dem benachbarten Oslawan per Schlitten behufs Vornahme einer Schlachtung gefahren und war am Wege «ingeschlasen. Geflechtkkorb samt Passagier waren vom Vehikel geglitten und im hohen Schnee liegen geblvben. Das Gespann aber lies weiter. Erft am Bestimmungsorte angelangt, entdeckte der Kutscher den Verlust und mußte ftante pede umkehren, um nach dem verlorenen Gute zu suchen. Haschele Chassid aber schlief weiter und wußte von der Fahrtunterbrechung noch nichts, bis ihn der Fuhrmann aufrüttelte. / Ging der rilte Mann abends zur Ruhe, so lag stets sin frommes Buch (Möfchnajot) im Bette, woraus er die Weisheit des Tälmüdh solange schöpfte, bis er einschlief. Das Dienstmädchen beobachtete dies mit großem Interesse und dachte sich mancherlei dabei... Als ste einige Nächte in Schlaflosigkeit zubrachte, wartete sie ab, bis der alte Herr einschlief, dann nahm sie Mischnajot und Brille an sich, verriegelte die Küchentnr und tat es dem Herrn nach... In der Antvsuggeftion, daß das Mittel unfehlbar sei, vielleicht -aber auch vor Ermüdung, -schlief der dienstbare Geist bald ein. Nachts erwachte Haschele Chassid, entzündete das Lämpchen und wollte sein Talmudstndium, nach gewohnter Art, fortsetzen. Aber sieh, Buch und Brille -waren verschwunden! Er weckte Frau und Tochter, aber sie wußten über den Verbleib des Folianten lbegreiflicherweiise so wenig Bescheid als er selber. Am -frühen Viorgen legte 'das Dienstmädchen unbemerkt Mischnajot und Brille unter das Kopfkissen Haschele Chaffids, bekreuzigte sich, rief alle Heiligen an und dachte bei sich: „Kein Wunder, daß der alte Mann des Nachts -erwachte, lag doch das ZaubermÄtel unter meinem Kopfe!" * in. Das richtige Mittel zur Beseitigung der Hühnerauge». Der alte Lustig war — txomen est ornesi — Schalk der Gasse. Die Wiedergabe seiner Posten und Streiche jedoch eignen sich wenig für Leute, die dem >guten Tone Rechnung tragen. Hingegen verstößt sein Hühneraugen-Entfernungs-

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