Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1921-12-08 · Heft 24 (8.12.1921) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 24 (8.12.1921)
Date
1921-12-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3062972-3063903-3063927--11531-3078940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

hailten aller in Vorstandssttzuntzen wäre vielleicht die Katastrophe zu vermeiden gewesen, denn eine Katastrophe muß es genannt werden, -wenn man die etwa 700 Beamten der Kultusgemeinde, deren rechtzeitiger Abbau versäumt wurde, jetzt plötzlich -ins Elend stürzen müßte, weil das finanzielle Können der Kultusgemeinde «hinter den berechtigten Forderungen aller Angestellten znrückbleiben muß, nachdem die weitestgehende Gchaltsregnlierung dem herrschenden Preiswahnsinn auf allen Gebieten nicht gewachsen ist. Bei einem präliminierten Budget von 60 Millionen Steuereinkünften ist kauift die Hälfte eingegangen und von diesen kärglichen 30 Millionen sollen weit über 100 Millionen allein der Beamtenschaft zug-swendet; wer-' den. Aber dieses mächematische Problem, das kein Leibender lösen ikanin, haben nur die Toten gelöst, dann nur die Eingänge aus dem Friedhofamt haben bisher halbwegs beigetragen, um die -lausenden Ausgalben für die Beamtenschaft leisten zu können. Nachdem die Ausg>alben mit Naturnockvendigkeit ins Uferlose wachsen und durch den Mangel -an Eintracht in der Gemeindestube keine gedeihlichen Beschlüsse gefaßt werden können und keine rettende Idee zum Durchbruch kommen kann, ist ein Ende mit -Schrecken für alle nur eine Frage kurzer Zeit. Wir werden leider Gelegenheit haben, uns mit diesem traurigen Kapitel noch weiter beschäftigen zu muffen. Antisemitismus - eine erbliche Belastung. (Fortsetzung.) Ein Ritualmvrd, wenn schon ein solcher als möglich angenommen wird, ist doch unzweifelhaft eine Tat, an der sich zumeist mehrere Personen beteiligen müßten, ein Um¬ Bsas^asB Geschichten aus einer mährischen Kultusgemeinde. Nacherzähl von Armin W i l k o w i ts ch, Eger. I. Ein Mißverständnis. Ein Stündchen Fußweges von der mährischen Staatsbahnftation Brünn—Wien entfernt liegt, im Tale, von Hängen, dichtem Tann und hohen Felsen umschlossen, die altehrwürdiige Stadt Eibenschitz, in deren Schoße sich <m sechstausend ehrsame Bürger in Freud und Leid regen. Seit einigen Jahren dehnen sich die Eiseltbahnschienen bis zum Herzen der Stadt und' ein heimisch Züglein bringt mit fröhlichem Gepfiff Paffagierie und Waren aus Nah und Fern. Obwohl die Ghettomauern län«gst gefallen waren, galten immer noch Stadt und Judenviertel als -gesonderte politische Gemeindenmit -zweierlei Gtadtvertretun-gen, samt dem hiezu erforderlichen Personal. Erft die neue Republik entzog der Judengemeinde das alte undverbriefte Recht der Selbstverwaltung — Gott weiß aus welchem Grunde? — und gliederte sie samt kunäus instructus der Stadtgemeinde an. So geschah es auch den anderen Judengemeinden. Vor nahezu einem halben SäkUlum stand im Dienste jener Kultusgemeinde Herr Sawel Ellenbogen, ein Großonkel des sozialistischen Abgeordneten gleichen Familiennamens in Wien. Man rühmt jenem Funktionär viele ausgezeichnete Eigenschaften nach, unter anderem, daß er stand, der entschieden geeignet erscheint, den Behörden vielfache Handhaben zur Feststellung eines solchen Verbrechens zu bieten. Wie läßt es sich aber erklären, daß seit dem Bestände des Christentums noch kein Ritualmord — abgesehen von Geständnissen, die mittels der Folter abgernngen wurden — als klar erwiesen verzeichnet werden kann, während es im Gegenteil eine geschichtliche Tatsache ist, daß Antisemiten christliche Kinder, ja selbst eigene Kinder gemordet haben (!), um hiedurch eine Judenverfolgung ins Leben zu rufen und sich bei dieser Gelegenheit ans Kosten der Inden zu bereichern. Wie wollen endlich jene Herren die Tatsache erklären, daß dieses arme Judenvolk trotz der unermeßlichen, beispiellosen Leiden, die es zu erdulden hat, an einer Religion, welche eine solche Niedertracht vorschreibt, mit allen Fasern des Herzens festhält? Oder ist es etwa gar so verlockend, ein Jude zu fein? — Sollten wir nicht vielmehr ausrusen: Wie erhaben muß eine Religion sein, für die ein solch kluges Volk, wie -die Juden es sind-, alle erdenklichen Drangsale geduldig erträgt und stets -bereit ist, selbst sein Leben einzusetzen! Sind das etwa die habsüchtigen Juden, die nur das goldene Kalb anbeten und sonst keiner edlen Regung fähig sind. Wahrhaftig, diese gräßliche, die ganze europäische Kultur schändende Beschuldigung einzig und alleiin ist schon geeignet, für Me immense krankhafte Belastung der Antisemiten zu sprechen. Unwillkürlich fühlt sich der Verfasser gedrängt, hier noch eine Reminiszenz aufzufvischen: Es war um die Zeit des Hilsnerprozeffes, er faß im Caf6 „Heinrichshof", als zwei ihm sehr gut bekannte Herren sich am Nachbartische nioderließen. Beide waren in demselben Orte geboren, saßen in der Volks- und Mittelschule auf derselben Schulkunstvoll das ThovaschreibMr verstand. Er selbst Pflegte von sich zu sagen: „Niemals mchr wird Eibenschitz Men- Sawel besitzen! Höchstens einen Sewel!" (Kehrichthaufen.) Allein ihm hastete ei!n winziger Schönheitsfehler -an: Eine Pupille war mit oiniem Häutchen umflort (lat. macula). Noch Mer zweiten Kvast im Solde der Kultusgemeinde mangelte ein Iota zur körperlichen Vollkommenheit. Es war dies der Nachtwächter Pospffchyl, zu dessen Ungunsten dem himmlischen Meßamte beim Verteilen der Beine sin Lapsus unterlausen war. Er hinkte. Spötter nannten ihn eine ausfallende Person. Allein auch er versah gewissenhaft und tadellos seinen Dienst. Es war am Voraibenld eines Versöhnungstages. Die fromme Gemeinde war restlos im Tempel versammelt. Feierliche Stille hielt sie im Banne. Da begann Herr Sawel Ellenbogen, nachdem ihm zur Ausübung des Vorb-eteramtes vom Rabbiniate (Beth-Äin) d>as Recht in Anwefenheit der gesamten Gemeinde mit lauten Worten erteilt wurde, b;tte Formel „Kol ni!dr6". Erst mit sanfter und leiser Stimme, dann immer mchr anschwellend.... Pospischyl, dem Paiut Dieststvertrag an diesem Menlde die Wartung der großen Seelenlichter oblag, bemerkte beim Jnfpizieruingsgange, daß vor dem Altäre eine Kerze übermäßige Zähren vergieße. Im Diensteifer beeilte er sich, dem überschwänglichen Dochte Aiujftichtung zu gewähren. Als er dem Borbeter gögsnüberstand, sang jmer just das vierte Wort der Gelübrenlösungsformel: wach' romej (Bannlegung). Wenn! man nun bedenkt, daß in- PospWyls Vblitterspvache chromsj — Hinkender bedeutet, so wird! Mandessen Erregung bei Nennung dieses ihm verpönten Wortes menschlich vollkommen ^begreiflich, fistden. „So Me Frechheit!"-dachte er bei sich, „mich vor der gesamten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.