Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 23 (24.11.1921)
- Date
- 1921-11-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Antisemitismus - eine erbliche Belastung. (Fortsetzung.) Der Hnti.semitis.rmrs ist-nvchts anderes als eine im Laufe der Jahrhunderte ererbte Abneigung gegen die Juden, die sich aus religiöser Unduldsamkeit herausgebiDer hat.^ Viele Christen sind sich dieser. Abneigung mehr oder weniger bewußt und wollen sie mit einem angeblich Wgeboreuen R a s s e n h a ß erklären. Freilich wirft sich dann die Frage von selbst aus, warum z. B. der Italiener diesen Rassenhaß nicht kennt? Auch würde dann die Tatsache, daß der Araber, dieser semitische religiöse Fanatiker, den Juden nicht weniger als den C h r i st e n haßt, der Aufklärung bedüvsen.Ja, aber Religionshaß riecht nach Mittelalter, Rassenhaß hingegen ist deutschradikal, daher diese etymologischen Anstrengungen. Der junge Arier sangtDtatsächlich seit 2000 Jahren das antisemitische Gift schon nrit der Muttermilch ein und die häusliche Erziehung wird, wie aus dem Gesagten gefolgert werden muß, diesem häßlichen Keime noch Nahrung zuführen. Wir wollen nun an Hand der Geschichte untersuchen, welches Volk diese ÜebUng (Antisetnitrsmus) am meisten gepflegt* hat. Und was sehen wir auf den ersten Blick? Spanier Und Deutsche ragen iU der Verfolgung, Ausräubung und Abschlachtnug der Juden' wie Titanen über alle anderen Völker Europas hervor. Spanien und tue hl. Inquisition — zwei unzertrennliche Begriffe. Tovquem-ada! — Mmenez! — Arbues! — wen ersaßt Mit Grauen bei der bloßen Namensnennmrg dieser Frommen? Wer sieht nicht allsogleich Hunderttausende von Menschen v-rbrennen oder unter anderen gräßlichen Qualen zur hohen Ehre Gottes den Geist ausgeben? In diesem uuglückVchen Lande hat die erbliche Belastung, Andersgläubige zu unterdrücken, auszusaugen und zu zerfleischen, namenloses Unheil angerichtet. Das einst so stolze, mächtige und gefürchtete Spanien gleicht heute, finanziell zerüüiet, nach außen kraft- und machtlos, im Innern in feindliche, sich befehdende Parteien zerklüftet, nur einem Schakten nnter den europäischen Staaten. Spanien ist auch feilt mehr als 400 Jahren judemein und nagt am Hungertuche! — Diese Tatsache bildet den sprechendsten Beweis, wie frsch erlogen die Behauptung der Antisemiten ist, daß di>e Juden es sind,, die die Völker aussaugen. . Und nun wollen wir unser Augenmerk den Juden unter den Deutschen zuwenden. Nach Deutschland -dürften die Juden schon im 3. Jahrhundert nach Christi emgewaud'ert seiin, demr, wie geschichtlich erwiesen ist, Bestand bereits im 4. Jahrhmrdert nach Christi, eine große jüdische Gömeiinide zu Köln. Ms zum Beginn der Kreuzzüge ist uns über das Schicksal der Juden in Deutschland wenig bekannt, aber so viel steht fest, daß sie mit den alten, sröiheitsMbenden Germanen, weil selbe als Heiden den Antisemitismus gar nicht kannten, auf ganz freundschaft- .lichem Fuße lebten und nach jeder Richtung hin unbchelligt blieben.. Kaum hatte aber das Christentum in Deutschland festen Fuß gefaßt, als auch die seitens, des fanatischen' Priestertums verbreiteten falschen Beschuldigungen, ferner religiöse Unduldsamkeit und Sucht nach jüdischem Besitz Veranlassung gaben, 'die Jgden zu peinigen und zu quälen. Soweit die deutsche Zunge rövcht, . gilbt es kein Fleckchen Erde, das nicht mit jüdischem Blute getränkt wäre. Dies geschah, trotzdem mehrere Päpste für die Unschuld der Juden eintraten Und viele Bischöfe ihnen Schutz und Hilfe boten. Wir wollen hier aus der Umnasse dex Judenverfolgungen in Deutschland nm die bedeutendsten herausgvöisen: Unter Heinrich II. (1012.) -in Mainz und anderen Städten. Im Jahre 1066 plünderten und 1 mordeten die Deutschen ganze jüdische Gemeinden,. und ' zwar zu Trier, Speier, Woms, Mainz, Köln, Regensiburg, Ml Feuilleton Charlotte Königswarter. Lebensbild einer jüdischen Frau. Am 2. D^ember 1841 wurde iin Men Frau Charlotte Königswarter geboren und deren Eltern Heinrich Wilhelm Edler v. Wörtheimstein, und desien Gemahlin Louise, Tochter des Herrn Michael Lazar Biedermann, gaben ihre die sorgfältigste Erziehung. 38ar doch in dieser ersten jüdischen Emilie Wiens, die von dem seligen Samson Wertheimer, dem Gründer der Meiner Judengemeinde, abstammte, alles geboten, und der Tochter ^dieses Hauses das beste BovbW für eine gesegnete Zukunft zu geben. Der wegen seiner hervorragenden Vorzüge allverehüte Großvater M. L. Biedwmanin war eine stolze Sauls der Wiener Judenschast und der ehrwürdige Prediger I. N. Mannheimer konnte am 26. Mai 1833 bei der Tvauung von desien Tochter Louise im Stadttempel in seiner Ansprache sagen: „Folgen Sitz, Herr Bräutigam, auch darin, wie in so manchem andern, dem Beispiele ihres Schwiegervaters, der dürch eiirr taEräftiges Äben, "durch sömen rastlosen Eifer und sein rMiches Bemühen nicht nur das Glück seines Hauses gegründet, -erhöht, und verherrlicht hat, sondern auch um unsere Gemeinde enr unsterbliches Verdienst sich hat erworben, das selbst der Neid und die SchmähsuM nicht wird schmälern können, und das unsterblich leben wird inr Angedenken unserer Kinder und Kindeskinder,, so lange dieses Haus steht, und ein Zeugnis gibt von fotem Geiste seiner Gründer und Stifter?" Als 1860 Hr-e -eigene Hochzeit mit dem nachmaligen Herrenhausmi-tgliede und dem großzügigen Mensenfreunde Moviz, Sohn des Herrn Jonas Frechervn von Königswarter stattfand, da konnte man wissen, daß der Hevzensadöl dieser FamiNen nur reichlichen Segen für die Menschheit hervorbringen kann. Und so gedieh auch dieser Ehebund zu vollstem Segen. War bleir Baron Wtorrz e-m tüchtiger Bankier und edler Wohltäter, so war desien würdige Gemah-lin die richtige H'MsrepMeutlanti>n,. dve es verstand zu allen Zeiten das Ansehen.. d!er FamKie zu wahren. Man bewarb sich recht bald ikn allen Wiener Kreisen, bei Hof u-Ud in der Gesellschaft, dgirum, dtie junge Frau Baronin zu allen AMonen heranzuzitzhen und so wurde sie M die Präsidien der großen Institutionen und Smk gewählt, und betätiigte sich mit ihrem noch heute gleich gebliebenen guten Herzen für alles Edle-und Schöne, Gute und Erbarmüngswüridiige. Uüd wenngleich Künstler rmd Gelehrte, Finanziers und PoMikör, Priester aller Kofessionen in ihremjödörzöit gastfvönndlichen Hause verkehrten, blieb sie immer in Bescheidenheit die treue Jüdin, -cm hören Tische nichts rituell Verbotenes serviert, dar Sabbat und Jaumtauf hochgehalten wurde. Es dürften noch in Wien Persönlichkeiten sich daran erinnern, wNe weihevoll feierlich die Söderabende gegeben, wid vM Schelanach Monaus am Purim gesendet wurden und Wie