Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 23 (24.11.1921)
- Date
- 1921-11-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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MaWnMeHeWrssl für »VnVUI / Lssi« / 42-31« REDAKTJOM vAOMINISTö^TIOH Mir« 2., K»irustratze LS XXXvu. Jahrgang Me«, 24. November 1931 Nummer 23 Me Masken fallen. Rauher Novemberstnrm knickt die sozialdemokratischen Blütenträume und mancher der führenden Männer, der von den letzten Reserven d!es Vertrauens zehrt, variiert den ullbekalnnten Heurigenpöeten: Es wird aWahl sein und wir werden -nimmer sein! Solche trübe Ahnungen niederkämpfend muß man sich bei der großen stimmberechtigten Menge „einhaun". Ein ebenso -billiges als erfolgreiches Mittel scheint die Stellungnahme gegen die Juden. Und - es bedarf außerdem keiner großen Ueberwiudnng. Die Sozialdemokraten haben aus ihrem Herzen nie eine Mör- . devgrube gemacht, ausgenommen bei Wühlen in den National- oder Gemeinderat. Da haben sie ihren jüdischen Mitbürgern den Himmel auf Erden verspro chen, die Phrase Gleichheit "und Brüderlichkeit frisch auf den Glanz hergerichtet, anderseits die Hölle'für den Fall heiß gewacht, wenn die Antisemiten zur Macht gelangen sollten. Aufrichtig gesagt, das Wiener Judentum hat sich von Rot so wenig wie von Schwarz versprochen, und die Folge hat dieser Auffassung recht gegeben. Die Partei hat nichts ängstlicher gescheut, als ist der Verdacht einer Judeuschutztrnppe zu kommen. . Das zu verhindern, tvar ihr jede Gelegenheit willkommen, Geschmack und Takt wurde bedenkenlos zurückgestellt. Die Bolkszeitung meldete unwidersprochen -anläßlich des Masel-Jubiläums, der. gratulierende Bürgermeister von Wien habe den alten Masel auch dazu beglückwünscht, daß er, obgleich-, seit vielen-Jahren in der Leopoldstadt wohnhaft, noch immer nicht jüdle. Dr. Renner apostrophierte die Christlichsozialen von der Parlamentstribüne mit dem ebseno geistvollen Witz: „Dr. Weiskirchuer sagt, daß Ihre Devise Dr. Lueger heißt, aber richtig heißt Ihre -De. ist Dr. Rosenbevg!" Man entschuldige derartige Mätzchen nicht damit, daß sie den Beifall der Galerie anstreben. Die Judenabneignng . der Sozialdemokraten wird bei viel wüsteren Anlässen Manifest. In der Frage der Vertretung der Wiener Juden im Landesschulrat haben die Genossen ihre großen Kanonen ausfahren. lassen. Kein geringerer als der ehemalige Bundestzräsident, jetzt nur gewöhnlicher Nationalrat Seitz war.es, der sich mit Händen imb Füßen, «der Kopf war nicht dabei, gegen den Einzug des Rabbiners in den LandesschuHat wehrte, weil er die Kinder mit jüdischem Geiste vergifte. Welch' hohe, aber ganz falsche Meinung muß Seitz von der Macht des Judentums haben, wenn er bedenkenlos ausspricht, daß der eine jüdische Vertreter die ganze Körperschaft -in seinem Sinn kapazitieren könne. Seitz ist aber im sonstigen ein viel zu kluger Mann, als daß er mit solchen Worten der eigenen Ueberzeugung Ausdruck geben wollte. Wir möchten.ihn aber auch bei der Parole ferner Partei fassen, daß Religion Privatsache sei; wäre dem so, weshalb macht er sie zu einem Politikum. Doch lassen wir uns nicht täuschen. Hier handelt es sich weniger um Politik als niedriges Parteigezänke. Der Mgeordnete Kunschak war für den „Rabbiner", also mutzte Seitz logischerweise gegen ihn sein, ohne zu bedenken, daß durch den Rollentausch des Antisemiten und Sozialdemokraten dieser die noch schwankenden jüdischen Mitläufer zur Umkehr veranlasse. Aus der merkwürdigen Judendebatte tönt als Nachwort eine Lobespauke der „Morgenzeitung" für ihren Gottsoberften Stricker. Sie beklagt fein Fehlen in den Rechen der Abgeordneten. Sicher, meint das Blatt, wäre manches anders geworden, wenn dieser Rufer im Streit seine kräftige Stimme hätte vernehmen lassen. Wir müssen schon die Meinung vertreten, daß dem Herrn Stricker das nicht gelungen wäre, was dem viel einflußreicheren ChristlichsozWen Knnschak nicht gelungen ist, obgleich es eine Zeit gab, wo dem Genossen ein Zusammengehen mit den Zionisten von Fall zu Fall opportun war. Aber die Zeiten ändern sich und die Abgeordneten mit chnen. Es kommt auch vor, und Herr Stricker ist lebender Zeuge, dafür, daß Mgeordnete durch chre eigenen Irrtümer in die Versenkung geraten, aus der sie weder eigenes 'Bemühen, noch die Anstrengung der Parteifreunde emporbringen können. Manchen sozialdemokratischen Hirtenknaben wird man ans gleichen Ursachen noch das Zügenglöcklein läuten. v