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Die Wahrheit · 1921-11-10 · Heft 22 (10.11.1921) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 22 (10.11.1921)
Date
1921-11-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Rr. 2! Sette 11 Ein ungeduldiger Pogromist. Der Antisemitenbund tat Sonntag, den 6. November, wiedsr seine Pflicht: Er versammelte sich zu einer Kundgebung gegen die Juden und forderte von der Regierung, daß sie gegen Schieber und Wucherer tatkräftig vorgehe. Der Obmann der Technischen Union, der Wannte HLnge-Wvber, wurde apostrophiert, daß'er endlich sein Versprechen, die L a t e r n e n amSchottenring mit a u f g e h ä n g t e n B ö rsanern zu schmücken, einlöse. Von der entsprechenden Behandlung der biederen Landsleute, der Ehrenmänner mit den Kartoffeln um sechzig Kronen, war natürlich keine Rede. Ja, Bauer, das ist was anderes! Es sprachen auch die unvermeidlichen Frontkämpfer, die ihren Heldenmut jetzt an den Juden bewähren möchten. Daß der Antisemitenbund seiner Regierung ein Tadels- Votum aussprach, damit spottete er seiner selbst und wußte nicht wie. Daß die Herrschaften nach Schluß der Versammlung ein wenig aus den Straßen dmonstrisren und exzedieren wollten und verstimmt waren, als ihnen die ausgerückte Polizeimaimschaft diesen Sport nicht erlaubte, gehört zur Tagesordnung jeder Antisemitenversammlung. Deutsche Helden. Eine Hakenkreuzlerausschreitung gegen jüdische Passanten bildete den Ausgangspunkt einer Anklage wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, die kürzlich den Studenten Walter Krotoschiner vor das Charlottenburger Schöffengericht führte. — Am 25. Februar d. I. hatten Hakenkreuzjünglinge gelegentlich eines „Sonntagsbummels" Exzesse mit antisemitischen Einschlag veranstaltet, die mit einem Sturm auf die Schillingsche Konditorei endeten. Als der Angeklagte den Kurfürstendamm entlang kam, stieß er auf eine Ansammlung von etwa 300 Menschen, aus der antisemitische Schimpfworts herausklängen. Plötzlich sei ein großgewachsener junger Mann von hinten auf" ihn losgekommen und habe ihm 'das Wort „Judenjunge" zugernfen. Als er sich umdrehte, habe der junge Mann, den er mit seinem Spazierstock von sich stieß, das Wort wiederholt; einige Hakenkreuzler seien auf ihn eingestürmt, und als er ssdnen Stock erheben wollte, um sich zu wehren, sei ein Mann in Zivil, der sich nachher als Krimumlbeamter entpuppte, auf ihn losgekommen, und habe Hm erklärt, daß er ihm zur Wache folgen solle. Entgegen der Bekundung des Kriminalbeamten und eines zweiten h-mzugekommenen Kameraden desselben behauptete der Angeklagte, daß Hm die Erkennungsmarke erst vorgezeigt worden sei, als er sich weigerte, dem Zivilisten, der Hn am Arm gepackt hatte, zu folgen. Wenn er sich losgerissen und mit den Füßen gegen den Erdboden gestemmt habe, so sei dies vor dem Augenblick geschehen, als sich der Kriminalbeamte als solcher legitimiert habe. Sein Verlangen, daß auch sein Angreifer mit zur Wache^ müsse, habe der Beamte ignoriert, ebenso das Verlangen mehrerer jüdischer Augenzeugen, die auf der Wache vernommen zu werden verlangten. Wie dem Angeklagten von mehreren Seiten, unter anderem auch von einem durch den Kriminalbeamten mittels Notpfeife herbeizitierten uniformierten Polizeibeamten bestätigt wurde, hat er auf dem Wege zur Wache keinen Widerstand geleistet. Der große junge Mann, der den Angeklagten beleidigt hatte, war übrigens von den Polizeibeamten nicht mehr aufzufinden. — In der mehrere Stunden währenden Verhandlung machten die Zeugen einander in vielen Punkten sich widersprechende Aussagen. Der Amtsanwalt hielt einen Widerstand für erwiesen und beantragte gegen den Beklagten 150 Mark Geldstrafe. — Rechtsanwalt Dr. Weil sprach seine Verwunderung darüber aus, daß « reinem der vorher-Mngenen Exzeße ein Srafverfahren eirrgeleitet worden sei und nur hier, in der verhältnismäßig harmlosen Sach«, sei eine Anklage gegen einen Juden, -der beleidigt sei, erhoben worden. Der Angeklagte müsse freigesprochen werden, da dieser nicht im Bewußtem war, Widerstand gegen die Staatsgewalt zu leisten. — Das Gepicht erkannte ans Freisprechung, weil der Tatbestand nicht genügend zu klären war. D're Kantoreusrage in der Kuktusgemeinde. Wi«e zu dem Wiederaufbau des Leopoldstädter Tempels können wir den Kultusvorstand auch zu einer anderen Leistung neuesten Datums beglückwünschen. Wir meinen dre Vorstellung zweier gleichwertiger Kräfte als Kantoren im Tempel der Inneren Stadt. Endlich ist hier mit dem Prinzip gebrochen worden, den Besuch des Tempels von der Person des zufällig fungierenden Kantors abhängig zu machen. Wir wünschen dringend, daß dieses Beispiel der Seiteuftättengasse auch aus den schon durch seine weit überragenden Raumverhältnisse auf hervorragende gesangliche Leistungen, eingestellten Leopoldstädter Tempel Anwerbung finde. Statt des nunmehr in Pension gehenden allgemein geehrten Herrn Kairtors Jurberger ist noch bis zur Stunde kein ständiger Vorderer neben dem Oberkantor bestellt. Eine jederzeit für sämtliche Gemeindetempel zur Verfügung stehende Käst, sie mag an. sich noch so schätzenswert fr.n, kann doch mchr für einen Tempel, wie den in der Tempelgasse, in Betracht kommen. Erst neulich war ein Borstadttempel durch Erkrankung deS dortigen Kantors in Verlegenheit, und die Lwpoldstadt wäre ohne Kantor dagestanden und wieder aus einen Tempeldiener als Aushilfskanior angewiesen gewesen, wenn nicht Herr Jurberger als Retter in der Not eingesprungen wäre. Die Klagen im Publikum über diesen Uebelstand mehren sich von Tag zu Tag. Nicht minder, gerechtfertigt find die allgemein hörbaren Beschwerden^ über die stiefmütterliche Behandlung des Leopoldftadter Tempelchors. Zwei — sage und schreibe — zwei Herren und zwei (t) Knaben stellten am vergangenen Sabbat den Chor dar. Falls der Schulbesuch bei den Knaben Schwierigkeiten bereitet, sollte ein Herren-Doppelquartett die gesamte Chorleistung bestreiten. Wer mit von anderen Tempeln abgelegten Garnituren wird man den Tempel gewiß nicht füllen. Und das sollte doch im eigensten Interesse -das Ziel der Kultusgemeinde sein, die es unter Hrer Würde halten müßte, allen, auch den kleinsten Beremstempeln, in so wichtigen Belangen nachzuftehen. Ein Tempel besuche r. Eine jüdische Universität in Ungarn. Die Anerkennung darf den Juden Ungarns nicht versagt werden, daß sie mannhaft und entschlossen und 'deshalb hoffentlich erfolgreich gegen das herbe Schicksal kämpfen, das ihnen von den Führern des christlichen Kurses zugedacht wird. Kaum ist der raunerus clausus für jüdische Studenten zur Durchführung gelangt, begann die Abwehraktion in Form einer bald zu errichtenden jüdischen Universität im Horthy-Lande. Das Organ -des ungarischen Judentums „Egyenlöseg" bringt in einer seiner jüngsten Nummern einen Artikel aus der Feder des bekannten Vorkämpfers des Ungartums und des ungarischen Judentums Dr. Albert Szekely aus Satoraljaujhely, -der die Frage der ungarischen jüdischen Universität von einer neuen Seite beleuchtet. Der Artikelschreiber weist zunächst darauf hin, daß in Epochen großer Gefahren stets nur die Schule daS Judentum für die Menschheit gerettet hat und fährt dann fort: ,Jn unserem kleinen Lande wurden über 3000 wissensdurstige, begeisterte jüdische Jünglinge -aus den Universitäten ausgeschlossen und wer weG, wrsiel

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