Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 22 (10.11.1921)
- Date
- 1921-11-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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<gm< 6 Sk, rr 1 fen Psalm gedacht, als er fernen Men. Priester Grau sage» Läßt, daß ein einziger Psalm Salomons — so drückt er sich aus (Der Tor. II. Teil) — unsere ganze moderne Kultur austmegt. Hier sind Menschen in Engel verwandelt, alle Gefühle in einen einzigen Tranenstrom aufgelöst, wir beten für das Heil der Welt, für alle Nationen und Konfeffionen: „Auf chr Völker alle und vernehmet es!" so heißt es in diesem Psalm. Aber der Gehörsinn und das Empfindungsvermögen der Völker ist noch nicht genug entwickelt, um eine solche Sprache zu verstehen. Wir Juden haben der Welt Religion, wir haben chr Moral und Echik gegeben, Kunst und Wissenschaft, Industrie und Handel vermittelt und ernten dafür unausgesetzt Undank, Haß,. Verfolgung und Verleumdung. Die Gesamtheit des Judentums kennt nicht das Gefühl des Hasses noch der Vergeltung; der einzelne aber erhebt seine Stimme anklagend vor dem Forum des Weltgerichtes. Nun ertönt die Posaune, das primitive Horn des Widders, und der Bann der Beklemmung ist gebrochen. Die Glaubenstreue allein ist es, die uns stets alle Widerwärtigkeiten hat überwinden lasten. Durch wahre Religiosität erklimmen wir die höchste sittliche Stufe. „Sittlichkeit und Religion führen zur Heiligung, und diese zur Gottähnlichkeit" sagt der Philosoph Kaut. Wohlan, das Judentum strebe dem nach! N. Chamaides. Antisemitismus-eine erbliche Belastung. Die nachstehenden Ausführungen sind vor mehr als einem Menschenalter erschienen und haben damals eine begeisterte Aufnahme in Men Kreisen des Judentums gefunden. Obwohl manche dieser Zeilen das Gepräge ihrer Zeit und Lokalverhältmsse haben, ist der Grundgedanke heute noch immer von lebendiger Wahrheit und dürste auch der historisch-wissenschaftliche Teil dieses Artikels und die philosophische Auffassung des Autors interessieren. lieber die Ursacyen des Anttsemursmus, der seit mehr als einem halben Jahrhundert in einigen Staaten Europas grassiert, herrschen im großen und ganzen dreierlei Ansichten. Die eine derselben gcht dahin, der Antisemitismus entspringe der allgemeinen Notlage, die andere führt aus, er sei das Produkt gewissenloser Hetzer, und die letzte behauptet, er lasse sich nur durch die Unmoral der Juden erklären. Wir jedoch sind vollkommen überzeugt, daß keine dieser Anschauungen, am allerwenigsten aber die zuletzt erwähnte, den Tatsachen entspricht und wollen dies nachstehend an Hand der Geschichte unser aller Lehrmeisterin, klar legen. Mit dem Tage, an dem das Christentnm das Licht der Welt erblickte, trat auch der Antisemitismus seine Laufbahn an und je größer und mächtiger sich das Christentum gestaltete, umso kräftiger und gewalttätiger ertönte auch das schauerliche Gekrächze des Antisemitismus. Wie läßt sich aber diese Erscheinung erklären, nachdem doch die eine Religion aus der anderen hervorgegangen ist und eine nicht zu leugnende Verwandtschaft zwischen beiden besteht? Antwort: Das war das Werk religiöser Unduldsamkeit, das Werk fanatischer Priester! Hier einzig und allein ist, wie wir sogleich sehen werden, der Ursprung alles Unheils, all der gräßlichen Leiden, die das jüdische Volk seit 2000 Jahren zu erdulden hat, zu suchen. Nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer «n Jichre 70 n. Ch. zerstreuten sich die Juden im ganzen Römischen Reiche und dieser Umstand trug sehr viel zur Verbreitung des Christentums durch die Judenchristen bei. Die Judenchristen, welche damals großen Verfolgungen ausgesetzt waren, unterhielten einen regen und äußerst freundschaftlichen Verkehr mit d§n Juden im Römischen Reiche. Letztere boten ihnen jederzeit, insoweit dies ihr Einfluß gestattete, Schutz und Hilfe und die Synagoge bildete den Mittelpunkt ihrer Zusammenkünfte. Es gab damals im Römischen Reiche auch kleine Gemeinden der Heidenchristen, doch alle Christen nannten sich Brüder, keiner hatte vor dem anderen einen Vorrang, ihre Pflichten, wie ihre Rechte waren vollkommen gleich. Destenungeachtet bestanden in ihren religiösen Anschauungen große Unterschiede. Die Heidenchristen beteten Jesu als Sohn Gottes an, die Judenchriften hingegen verehrten in ihm bloß den kommenden Messias. Das erzeugte natürlich eine große Verwirrung in den Lehren der christlichen Kirche und um derselben ein Ende zu machen und festzustellen, wer sich Christ nennen dürfe und wer nicht, berief Kaiser Konstantin im Jahre 325 n. Ch. eine Kirchenversammlung nach Nikäa. Hier stritten 318 Bischöfe gewissermaßen um einen Buchstaben. Die Judenchristen, denen sich viele Heidenchristen anschlosien, standen unter der Anführung Artus, Presbyters und Priesters an der Baukalis-Kirche in Alexandrien. Sie wollten für Jesus das Wort (Homoiusioe) „im Wesen ähnlich" zugeben, seine Gegner aber bestanden auf (Homousios) „im Wesen gleich" und wollten dem Arms „kein Jota nachgeben", woher denn auch diese bekannte Redensart stammt. Das Konzil endete mit einem Siege der Letzteren. Doch der Streit hatte mir dieser Abstimmung keineswegs sein Ende erreicht, er gewann vielmehr an Ausdehnung und Erbitterung. Die Anhänger der „Gottgleichheit" und „Gottähnlichkeit" gerieten in offenen Krieg und in der Hauptkirche zu Konstantinopel fielen die ergrimmten Gegner über einander her und lieferten sich eine Schlacht, in der gegen 3000 Menschen erschlagen wurden. Der Kampf dauerte noch weitere sechzig Jahre und endete 381 n. Ch. auf der Synode zu Konstantmopel mit dem vollständigen Siege der Gegner des unterdessen verstorbenen Arius. Bon nun an betrachtete es die katholische Geistlichkeit als ihre wichtigste Lebensaufgabe, das so teuer erkaufte Gut „die heilige Dreifaltigkeit" für alle Zeiten zu sichern. Dieses Ziel konnte sie aber nur dann erreichen, wenn es chr gelang, zwischen .Juden und Judenchristen und überhaupt zwischen den Bekennern des „einig-einzigen" und jenen des „dreieinigen" Gottes einen unüberwindlichen Haß, eine unüberbrückbare Kluft zu schaffen. Durch den unermüdlichen Hinweis auf die Kreuzigung des Gottessohnes und auf die gräßlichen Folterqualen, die er durch die Juden zu erdulden hatte, gelang ihr dies aufs vortrefflichste. Was früher aus Berechnung geschah, geschah später aus Gewohnheit und die Gewohnheit wurde schließlich zur zweiten Natur. Dieser Schluß ist durchaus kein gewagter, wenn man bedenkt, daß nach Ansicht der berühmtesten Naturforscher sogar der Instinkt der Tiere nur auf angeerbte Gewohnheit sich zurückführen laste. Tatsächlich hat auch ein Teil der Geistlichkeit im Gegensätze zu den überaus menschenfreundlichen Lehren des Heilands bis auf den heutigen Tag nicht aufgehört, den Judenhaß sowohl auf der Kanzel wie in der Schule zu predigen. Schreiber dieser Zeilen erinnert sich noch lebhaft, wie der Katechet, dieser Diener. Gottes, seines heiligen Amtes in der Schule waltete, wie er aus allen Kräften bemüht war, den Judenhaß in dafür alles empfängliche