Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1921-10-27 · Heft 21 (27.10.1921) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 21 (27.10.1921)
Date
1921-10-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/3062972-3063903-3063924--11486-3078892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9 I Seite 10 Dir Äirtzrhtzit Är. -1 de« erkürzlich an die Adresse aller abgewiesenerr Optrons- Wecker gegeben. Das Minfftevinm laßt sie glÄt dUrchfallen/ doch abseits von -der geschloffenen Tür des Mrmsterhums i!st. dos offene Neibentürchen des Wiener Rdthauses^ wer dort das Heimatsdüvgervecht erlangt, erlangt durch die Gemeinde Wien-Land Landesbnvgerrecht und automatisch die Bunbesbürgerfchaft. Jeder Ostjude könnte Ms diesen Aushilfsdrch stolz sein. Der Referent der Gemeinde Wien, für Heimatsrechtsangelegenheiten mag entscheiden, wie-es.^ ihm gut dünkt und ans jedem polnischen Juden einen; LWexreicher machen, der raffeustrengd Minister wäscht - 'ferne Härü>e in Unschuld. Aber anderseits will er zeigen, daß er ein Herz im Leibe hat — und man weiß nie, wieman Mensen, die Juden sind, einst noch wird 'bvauchen können —, deshalb schickt er die angewiesenen Kunden ins Rathaus. „Haben -Sie keine Angst! Ich bin kein Löwe. - Ich bin Zettel, der Weber!" (Hoffentlich macht der SetzkastenLobold nicht aus dem Weber einen Wecker!) Der ' Herr Minister des Innern kann >aüch -den Gemütsmenschen' hevauskehren und das wollen wir gelten lassen. Aber^ weniger einverstanden wird man mit Waber. dem Erzieher der Beamtenschaft sein, wenn er (nach einem Bericht dss „Morgen") die Notwendigkeit der Judenaibweisung damit begründen will, daß, wenn auch „nur e i n Jude im Option bewilligt erhielte, alle Beamten des Ministeriums.: korrumpiert würden". Ob die Herren Beamten sich gegen " diese Pauschalverdächtigung zur Wöhr setzen werden^ das. ist ihre Sache, -aber es nmß entschieden zurückgewiesen, wer--, de«,'daß in einer günstigen Optionserledigurvg eine Kor-- ruptronsassaire stecke; durchschnittlich ist das Gegenteil der Fall. , Das gemütliche Reu-Grohwien. Am Jomkippur, dem Tage, für den ein phantasievoller Notizler Judenpogrome angemeldet hatte, ereignete sich in früher Morgenstunde das schwere Unglück einer nicht gewollten Explosion von 300 Handgranaten nächst dem Praterstern, wobei Mann, Roß und Wagen in Stücke gerissen wurden. Die weithin" vernommene Detonation verbreitete besonders iw der- Leopoldstadt Panikstimmung. .Scharenweise strömten die' Leute an den Schauplatz der Katastrophe, der.sofort dort' der herbeigeeilten Wachmannschaft abgeriegelt wucke, so daß die Sensationslust dev: Menge unbefriedigt blieb. ' Unter diesen befanden sich auch, wie uns berichtetwiüd,L ein Trupp Schulbuben, die sich für den Entgang des gräßlichen Anblickes durch Jntonierung eineB antisemiti-- scheu Gaffenhauers schadlos hielten. Sie sangen nach der Melodie des 'bekannten Kinderliedes: „Ah, ah, ah/ der' Muter ist schon da": E, e, e, die Mutter macht an Tee, - ' ' Wett sie kan Kaffee kann kaufen * Und die Milch die Juden saufen, - E, e, e, die Mutter macht an Tee! r / I, i, i, wir san schon alle hi(n), - - ' Wett dfe Juden alles fveffen . Und die Weaner ganz vergeffen, - - - '- I, i, i, wir sau schon alle M! - - Uebrigens zwitschern -die Jungen nur, wie die Alten jungen, denn auf dem Wege in die Hauptallse des Parkers scch unser Gewährsmann auch zwei ehrsame, feäjte“ Meneninnen eilenden Schrittes vorüberziehen und - er-- lauschte den Ausruf des goldenen Wiener - Herzens; „Huden hwt's aber doch n-öt troffen!" Und da wundert" man . sich, in Bezirkskonferenzen über die entsetzlich zu-- nchmende Entartung und Verwilderung der Wiener Schub-;; fügend! : Von Nah «nd Fern Eiruveihungdes Leopoldstädter-Tempels. Drogvaimmgömäß vollzog sich am 1. Oktober dieses von der Wiener, speziell aber von dev Leopoldstädter Judenschaft se!Michst''erwartet!e Ereignis. Wenn auch das Äußere BW mcht den Eindruck des Fertiigsoins machte und manche Stellen des Gotteshauses einen ebenso notdürftigen ulP pWvisorischenAnblick bvten, so war es doch ein ergebendes Bewußtsein, daß nach Jahren an dieser geheiligten Stätte wieder gebetet; werben kann. Die Einweihung de^ ünvollendetenTempvls soll jedoch, wie Dr. Max D r u n wa l'd in seiner gedankenreichen Rede betont^ eine Mahnung für das Wiener Judentum sein, mit er- Höhttm Eifer und' OpforfreMgLett^ d^ rührigen Baukomvtee, dem Dr.' E. T h a l er *an der Spitze steht, die alte würdige Ausgestaltung des Tempels zu 'ermöglichen. Zur Weih^eier httten sich Vevtteter des Staates, der ^Siadt und zcchlveicher-bsi^ürcher Körperschaften eingestmden.' Der Vorstmtd «der Kuttusgemeinde war beinahe vollzählig Mit dem Präsidenten Pvos. Dr. A. Pick und Vizepräsidenten G l'ü ck au der Spitze erschienen. Der Bsthausvorstand mit Obmann A. Beck an der Spitze, Repräsentanten -fter' 'Bethausvereme, humanitärer M- .stÄteU, kürz mM bemerkte so ziemlich/alles, was in der Wrenev jüdischen Oeffenttichkeit Rang und Namen hat. Die'Mentze der Erschienen macht das Nennen einer vollkommenen Präsenzliste unmöglich. Die Feier begann um 7 Uhr ürit' dem Einholen der Thoravollen, wobei die vereinigten Chöre der TMpel „Innere Stadt" und,Keopvidstadt" das Sulzerische „Hallüllrjah" ainslimmten. Es war eni-ürweigeßlicher-MMick/ als der Zag der Gesetzesrollen mntekBorÄntrÄtWes Rabbiner Dr. GtunwaId der Bundeslade zuschritt, der die einzige Thorarolle trug^ die -als Erinnerung an das furchtbare Unglück Brandfpuren aufwerst'. Dem Rickbmer foLgbeN. die Herren: Präsident DoLtor A. Pick, Bäurat Kempler, Oderkantor Morgenst e r n, .Bethauspräsident Beck, A. L a n d e s b e r g e r, Dr: Tha l e r, Bitzchräsident G l ü ck, Rektor Doktor Schw a rKimtor I.« rb erg ex, Bochaus- Vorsteher Dr.- M ü n z, Gemeliindevat Dr. P l a s ch k e s, Architekt - O ber lÄ nd e r, Bechausvorstcher' B l u-m.. MÄichzÄtig"schjM -Obevtabbi-n^ Dr: Eh ajes, umgeben von den Bsihausvorftänden, von einem anderen Seiten? gange vor/ nur das chettige Licht zu entzünden, wobei er W diese heilige Handlung einige tiefsinnige Worte knüpfte. Dberkantor I. Morgenstern' sang nun das herrliche ',,Ma touwuh ohalecha", worauf das Einheben der Thorarollen erfo^be. Hieran- 'schloß sich die bereits erwähnte Wech«?ede^^ ^Max Grundwalds. Er sprach zu- Aächst von se-mör' nnd der Gemeindeangchörigen durchlebten-ftekfcheu Leiden wahrend der Uebergangszeiti, vott ^den -unAaübkchen Schwierigkeiten bis zur Herstellung des jetzigen Provisoriums,' von der Opferwilligkeit einzelner, die das unmöglich erschienen« nröglich machten. Er denkte pöt allem' 'der Kultusgememde, insbesondere Herren Baurat - 'Kultustwrftcher Ke mpk e r. Herrn Ingenieur Lindnev/'sowie der Brmsirma Korn, dem rührigen BüukMMee und gedachbelauch wehmütig jener, die diesen Äööihetag Äicht erlebt hoben: Nunmehr legte der Redner den Anwesenden und der gesamten Wiener Judenschast nahef sich .die würdige Ausgestältung des Gotteshauses aw gelegen 'fein zu! taffen.7- Nach dem „Won Olaum"' des kOberkantors I. Morgensterns, das er ebenso trefflich ÄS vorher das „Uwvnucho Jomcrr" rezitierte, schloß die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.