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Die Wahrheit · 1921-09-29 · Heft 20 (29.9.1921) · page 18

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 20 (29.9.1921)
Date
1921-09-29
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Nr. 20 Sette 18 Die Wahrheit MatsÄand. Wobei der Herr kommandierende Oberleutnant rncht vergaß, stch für illleSiefe(^etiftojcbc falbterie Rechnungeit geben zu lassen. Der Kaufmann Kopstein in Neural mußte sein gesamtes Lager ausplündern laßen; er wurde dann in den Wald geführt, um erschossen zu werden. Aber es war nur ein „Scherz". „Wenn wir Sie jetzt umbrrngen, weiß kein Mensch davon," sagte ihm ein Soldat. Er verstand den Hinweis und wurde gegen Abgabe seiner Brieftasche freigelassen. Die Friede und Nächstenliebe predigenden ungarischen Kirchensürsten haben .leider bei den Landpfarrern nicht mehr Autorität als die ungarische Regierung bei den räuberischen Freischärlern. Sie „dichten" weiter. Vor kurzem halben wir den Sänger der „Judensau Rwthenau" mit der ihm ziemenden Würdigung zu Wort kommen lassen. Nun hat ein Bruder in Apoll — von dem nicht einmal gesagt werden kann „Jemach Schema!", weil er seinen Namen verschweigt —, angeregt durch die Verse der „Schwarzwälder Volksmacht", seinen Pegasus mit dem Hakenkreuz so lange bearbeitet, ms er folgendes Poxm fallen ließ: Heil dir im Siegerkranze, Des schmachbefleckten Land's, Genosie dir! Fühl in der RepubM Dein Präsident-englück, Führer des Volks zu sein Mit Israel! Mäste den Vampyr Pkt, Krummer Min ist er; ud Der Republik! Hei! wie die I ud enp est, Schwelend von Oft nach West, Wie Aas und Schwefeldampf Znm Himmel stinkt! So zu lesen gewesen im „Staßsurter Tagblatt", ein Blatt für nationale Interessen. Wenn sie nach solchen Leistungen nicht durchdringen, kann selbst Wotan nichts mehr machen. Innerhalb und außerhalb des Börsenpalastes. So oft man das lehrhafte Gedicht vom „Mann aus Syrierland" lieft, so oft rückt der Sinn der Parabel in neue Beziehungen zu Welt und Leben. Der Mann aus Syrierland führt bekanntlich ein Kamel am Halfterband. Es war für die poetischdidakt-ischen Msichten des Dichters ausnahmsweise ein kluges Tier und meinte in seinem dämmernden Kamelskopf, es wäre endlich genug der maßlosen BÄastung und Bedruckung, es muckte so wütend gegen den Mann aus Syrierland auf, daß er das Halfterband losließ und in einen offenen Brunnen flüchtete. Darin war er aber, wie man sich aus der Lesebuchzeit wohl erinnert nicht geborgen. lieber dem Bvunnenranid drohte das wild aufschnaubende Kamel, in der Tieft lauerte der Drache mit fraßgievig ausgesperrtem Rachen: Zwischen beiden gefahren schwebte der Flüchtling, an einen Brombeeren strauch geklammert, dessen Wurzeln von einem Mäusepaar benagt wurden. Jeden Augenblick konnte der entsetziüye Absturz erfolgen. Was aber tat in solch grauenvoller Lage der Mann aus Syrierland? Er naschte von den Brombeeren, die an dem Strauche wuchsen, - Ganz wie der Mann auf der Börse, als er an dem denkwürdigen 19. September bedroht und belagert wurde. Er „naschte" ebenfalls, wenn auch nicht BromL^eren, aber Mark, Francs, Lei und tschechische Kronen. So war es innerhalb der Börft zugegangen, während draußen Erbitterung brüllte, die Tiefe gefährlich drohte und manche Zeichen Gefahren künden. Es hätte weit schlimmer werden können, trösten sich die Unentwegten, die ihres Kamels am Ende doch sicher zu blecken wähnen. Der Mensch aber versuche die himmlischen Mächte nicht. Sie bedienen sich stets der Irdischen zum Strafvollzug. Mit dem öffentlichen Aergevniis der Verschwendung findet sich die Menge ab, doch wo so viel Zündstoff angehäuft ist, bringt ein Funke leicht die Katastrophe. Die voraus.blickenden Lchrer und Prediger nuferer Zeit haben das entartete Geschlecht oft und eindringlich gewarnt. Mit keinem besseren Erfolg als die großen Propheten zur Zeit ähnlicher Sittenverderbnis. Ws die Juden auf den Trümmern Jerusalems saßen und Jeremias mit ihnen, da kamen seine Klagen zu spät. Verfolger der Ostjuden. Wir erhalten folgende Zuschrift: In einem mit „ft" signierten Artikel der „Wiener Morgenzeitung" vom 21. d. M. heißt es wörtlich: „Die Verfolger der Ostjuden konnten sich brüsten; was wir tun ist nicht grausam und barbarisch, sondern notwendig. Wer es nicht glaubt, der frage bei den einsichtigen, eingesessenen Wiener Juden nach, bei der Majorität der Wiener Judengeineinde, bei den Herren Israeliten von der „Union" und „Alliance". Täglich kommen sie zu uns und bitten um Fortführung des Säuberungswerkes." Als Herr Ingenieur Stricker im Verlauft der Wiener Kultuswahieu von den „Herren der Union" in einer öffentlichen Versammlung die gleiche Mär erzählte, hat die genannte Körperschaft seine Behauptung als eine zuWahlzwecken erfundene dreiste Lüge bezeichnet. Der Tatbestand hat sich, seither nicht geändert und die Unwahrheit wird nicht glaubhafter, anständiger und ehrlicher dadurch, daß Herr „st." sie uns nunmehr nicht aus fein eigenes Kerbholz nimmt, sondern sie irgend welchen ungenannten antisemitischen Führern in den Mund legt, Aber warum und wozu die neuerliche Lüge, da es sich doch gogenwärtg iui: keinen Wählerfang handelt? Ja, aber Herr Ingenieur Stricker und sein engster Anhang haben innerhalb ihrer eigenen Partei um die Erha.ltung ihrer Macht zu kämpfen. Die Mandate zum Zionistenkongreß sirck ihnen von einer übermächtigen Opposition in den eigenen Reihen derart streitig gemacht worden, daß sie nur durch eine sehr anfechtbare Korrektur des Wahlresultates nach Karlsbad gelangen konnten. Um ihre schwer erschütterte Stellung zu behaupten, konstruieren sie nun wÄkürlich und fälschlich «inen Gegensatz zwischen Wiener Juden und emgewanderten Ostjuden, der von der „Union" niemals hervorgehoben wurde, -immier wieder aber von den Herren Stricker und Genossen der jüdischen Wett zum Bewußtsein gebracht wird. Sollte ihnen angesichts der Bedrängnisse im eigenem Lager wirklich nichts anderes übrig bleiben als der Versuch, sich durch «ine künstliche Verhetzung zwischen Oft- und Westjuden noch einige Zeit über Wasser zu hallen? Zu den krausen Erscheinungen, welche die Mawdatspolitik dieser Keinen Clique schin bisher gezeitigt hat, würde auch diese Taktik sehr gut passen. f. Dienstjubiläum. Donnerstag, den 15. d. M., vollendete Herr Arnold Stößler,.erster Kantor und Sekretär, sein 30. Dienstjahr bei der Brunner israelitischen Kultusgemeinde. Der Jubilar erfreut sich wegen seiner in weihen Kreisen bekannten Tüchtigkeit und Gewissenhaftigkeit in seinem Berufe der besonderen, in zahlreichen Glückwunschbezeugungen zum Ausdruck gekommenen Ächtung und Wertschätzung in Brünn.

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