Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 19 (15.9.1921)
- Date
- 1921-09-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Die Wahrheik Seite 1$ Dr. 19 MngAdiä begrÄftich such, Kvym. es giSft, Stimmen zu Dr. Joel Pollak — zum Oberrabbiner von Wiener- Nenftadt gewählt. Wi.eMe,Züdische Presie" mitteilt, wurde - der Generalsekretär der Wiener Aguda, Herr Dr. Joel PoliluE zum. Oberrcchbiner der israelitischen Kultusgemeinde in Wiener-Neustadt .berufen. Der neugewählie Rabbiner hat sich während der. letzten Jahre in Wien, aber auch in einem sehr ausgedehnten Kreise der Gesamtorthodoxie die wärmsten Sympathien erworben. Friedhofsstimmung. Große Schwüle herrscht in den Gassen der Riesenstadt nach der drückenden Hitze des Tages; in tiefer .Ruhe schlafan die Bewohner, nur daß Gerassel 'der Effenbahnwagen, die in die vervevschiedenen Bahnhöfen einlaufen oder dieselben verlassen, ist vernchmbar. Ges^ensterhast befcheint der Mond die Wedel der Häuserkolosse, so daß das Fenster eines Mansardenzimmers, hell erleuchtet ist. Es ist die Wohnung des Melamed, der einst.bessere Tage gesehen, der noch vor Kurzem als tüchtiger Kaufmann in seiner Heimat, im fernen Osten in HMe und Fülle seinen Haushalt bestritt,. jetzt aber, .durch die Wucht der' Ereignisse, durch entmenschte Kanaillen seiner Habe beraubt, gezwungen ist, seine talmudffche Wissenschaft in einer chm ganz fremden Stadt in -den Dienst seines Erwerbes' zu stellen. Aber er verzagt Nicht und murrt nicht gegen Gdtt. Sein religiöses Gefühl und sein gottesfürchtiges Herz überwinden' alle Mischen Kämpfe, di>6 'in seinem Jnnerntoben und mit aufrichtig evgreffendien, ans dem Herzen kommenden Tönens auf den sternbesäten Himmel hinausblickend, Verrichtet er sein Chazzosgvbet, das er von seiner frühesten Jugend an und besonders in den drei Wochen mit großer Inbrunst und Andacht zu beten gewohnt war. Ein leises Pochen an der dünnen Brettertür störte chn von seinen heiligen Gedanken, uM als er die Türe öffnete, war er nicht wendig .erstaunt, den Diener dev Chewua-Kadischa vor sich zu schen, Len er schon gut kannte, denn er .hatte chm schon eines ferner Teueren hinausgetragen auf 'den Gottesacker. Die anderen FamMengkioder waren momentan gesund, Was wollte nun der (Wewra-Kadischa-Diener jetzt m spater Nacht in seiner Wohnung. Aber bald nach seinem Eintritte erklärte ihm derselbe, daß er im Aufträge des .Vorstandes herkomme, chn zu bMen, er möge ausnahmsweise aushelfen, da mehrere Todesfälle im Lause 'der Nacht eiügetreten sind. Der Melamed war sofort bereit mitzugehen. Denn zu diesem Berufe braucht man gar leine VÄckenntNiste und Studien ' wie bei anderen Berufen des Alltagslebens. Und so schritten beide in. der mondhellen Nacht dem Friedhöfe zu, wo unser Mekamed die Nacht üben als Schomer verbleiben sollte. Der Diener entfernte sich wieder und gi!ng in die Stadt und ließ den Melamed mft einem andern, der schon früher gekommen war, zurück. Hier setzte er sein Chazzos fort und Nks er mit demselben fertig war, sah er träumend und weltvergessenhinaus auf die mondbeschienenen Gräber. Er fand hier Bemhigung und vergaß seine Schmerzen. In Äen Anblick der Gräber versunken^ versöhnte er sich mit seinem Schicksale und gestärkt, mit neuem festen GottvertruMN «dd mit mnig-er Gottergebung verließ er des Morgens diese Stätte der Ruhe zurück zu feinen Mrdevn und zu seiner gewöhnMhen Beschäftigung. Arnold Singer, Baden b. Wien. -. Wiener Messe. In der Hv-fbuvg, Goldener Bließ-Saal, sisid - einige neue Talar-Modelle der bekannten SpezialffMM - .Rudolf Gold st e i n itt ge-pohnt schöner Ausführung zu besichtigen-, worauf die P. T. Interessenten aufmerksam gemacht werden. Literatur f Das Buch Jecheskel. Uebersetzt und erläutert von Doktor Josef Bleuer. Perlag von Sänger und Fviedberg, Frankfurt a. M., 1921. — Der Prophet, dessen Reden Doktor Breuer in seinem umfangreichen Buche — es enthalt X und 412 .Seiten — hat für die Juden im Exil ein besonderes Interesse. Er hat im Exil .gelebt und für die Juden im Exil geschrieben. „Jecheskel" — sagt der Autor — „ist Galuthprophet, sein Buch ein Galuthbuch, der Gola vermacht, daß sie aus ihm die gewaltigen Wahrheiten vernehme, die sie zu beherzigen und zu verwirklichen hat, wenn die großen Ausgaben gelöst werden sollen, die Israel in seiner Zerstreuung gestalt sind. Jecheskel ist unser Führer durch das Galuth." Mit diesen Worten, die das Werk Breuers an der Stirn trägt, ist auch die Art der Breuerschen Erläuterung gekennzeichnet. Er kiest «die Propheten, wie sein Großvater S. R. Hirsch die Bibel gelesen, in Heiligkeit, und hat stets die Gegenwart vor »Augen. „Es darf keine Gegenwartsfrage geben", — sagt er an einer Stelle —, „deren Beantwortung wir nicht mit ihrer Hilfe (der Propheten) aus unserem göttlichen Lebensbuch uns holen." Wie ein Wanderer, der seinen Blick unverwandt auf ein fernes Ziel gerichtet, mit Riesenschritten ausschyeitet, der herrlichen Gegenden nicht achtet, »die er durcheilt, sich um Feld und Flur nicht kümmert, nicht um Baum und Strauch, die seinen Weg umsäumen, sondern fernem Ziele entgegeneN, hat Breuer stets nur den gedrückten Glaubensgenossen des Galuth vor Augen, der aus den heiligen Regen der Propheten Lebensmut schöpfen will. Er läßt sich von diesem Ziel nicht ablenken, kümmert sich nicht um Einzelheiten, nicht um die Fragen, die die früheren Kommentatoren aufgeworfen, und nicht um die Hindernisse, über welche 'so viele gestrauchelt sind. Er versucht es gar nicht, Licht zu bringen in dunkle Stellen, über »velche der Prophet selbst einen dichten Schleier gebreitet hat. Er befolgt damit das Gebot unserer Weisen; er erforscht nicht, was sich seiner Fassungskraft entzieht. Er geht aber darin zu weit. Es hatte dem schönen Buche nicht geschadet, wenn er die Resultate der modernen Forscher über Babylonien bei der Erklärung des Textes verwendet hätte, wie er dies in anderen Werken, 'wie z. B. in der Erklärung zu Megillath, Ester getan hat. Er hätte über die Gegenden, über Städte und Flüsse viel Schöneres bieten können, wodurch sein Werk an Wert gewonnen hätte. Unsere Weisen haben sich selst von „Seefahrern" über geographische und ethnologische Fragen beehren lasten. Vielleicht entschließt sich der Verfasser, sein Bach bei einer zweiten Auftage nach dieser Richtung hin zu ergänzen. Hoffentlich wird diese nicht lange auf sich warten lassen. , Dr. F. Juden und Deutsche. Von Anton K u h. Erich Reiß- Berlag, Berlin. Der Erfasser hat seiner Schrift fünf Motto vorgesetzt. Ern sechstes wäre am bezeichnendsten gewesen; „Des Lebens Unverstand mit Wehmut $u genießen, ist Tugend und Begriff", wie ein Unbekannter vor etwa 60 Jahren in Ahnung »der Modernen spottete. Anton Kuh ist von den Neutönern der Tönendste. Er berauscht sich an ReugebWen der Worttonftrnktion, bei denen sich der Leser schwer oder gar nicht etwas denken kann. Im Titel scheint es,daß Kuh die Absicht habe, kausale Zusammenhänge zwischen den Deutschen des Reiches und ihren Juden aufzuzeigen. Er nimmt auch mehrmals Anläufe, die eine solche Absicht ernst erscheinen lasten, bleibt aber jedesmal nach wenigen Schritten in der Literatur der Merjüngsten stecken. Seine Juden sind von der Perspektive des Wiener oder