Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1921-09-01 · Heft 18 (1.9.1921) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 18 (1.9.1921)
Date
1921-09-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063903-3063921--11429-3078832
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 Die Wahrheik Nr. 18 Von Nah und Fern Die Sieüenvürger Orthodoxie gegen den Zionismus. Aus dem Anlässe, daß die Siebenbürger' Zionisten in. Dees einen Kongreß abhalten wollten, haben 12 der angesenften orthodoxen Oberrabbiner Siebenbürgens und Oberungarns, die sich weit über die Grenzen des einstigen Ungarn hinaus allgemeiner Hochachtung und Anerkennung erfreuen, eine Proklamation an ihre jüdischen Mitglieder erlassen, in der sie den Zionismus als unjüdischen Gedanfeit, als eine Gefahr für unsere Religion stigmatisieren und erklären, daß der Zionismus die Grundlagen des jüdischen Glaubens schwächt und untergrabt. Sie fordern schließlich ihre Glaubensbrüder auf, offen und ehrlich gegen den Zionismus zu protestieren und ihn weder moralisch inod) materiell zu unterstützen. Einen ähnlichen Aufruf hat auch der weltberühmte Deeser Rabbi Jecheskel Paneth an die Orthodoxen Siebenbürgens gerichtet, indem er jeden wahren Juden mit größtem Nachdruck auffordert, sich von der Zionistenversammlung fernzuhalten. Oberkantor Goldenberg. Die „Marienbader Zeitung" vom 18. August berichtet: Herr Oberkantor Go ld e nde rg und' seine Frau verlassen heute unsere Stadt, um zu ihrem in Amerika lebenden Sohne zu übersiedeln. Herr Qberkantor Goldenberg kam am 17. August 1896 zur Zelebrierung eines Gottesdienstes anläßlich des Kaiserfestes am 18. August nach Marienbad und wurde nach dem Gottesdienste sofort für die hiesige Kultusgemeinde verpsWchtet. Sein Wirken in unserer Stadt, seine LiebenswuMgkeit, sein Kunstverständnis und feine Güte schufen ihm .in allen Kreisen zahlreiche Freunde, «die sein Abgehen überaus bedauern MÄ) Hm die herzlichsten Wünsche für sein weiteres Wohlergchen mit aus den Weg geben. Frau Oberkantor Goldenborg, eine in musikKebenden Kreisen außerordentlich bekannte «begabte Pianistin, himterläßt durch ihren Fortgang ebenfalls eine schwere Lücke in dem Kunstleben unserer Stadt. Wir rufen dom Neben Paare, das sich ebenso unserer wie aller Sympathien erfreut, ein herzliches Lebewohl zu und begleiten es Milt dem innigen Wunsche, daß es an der Seite feines Sohnes Glück und ZufriedenhM in der neuen Heimat finden möge. Polens Kampf gegen die Juden. Die glorreichen G^chlechter derer von Waschlapfki und Krapnlinski sterben nicht aus. „Da keiner wollte, daß der andere für ihn zahle, zahlte keiner von beiden." Zahlen soll oben der Jude die Zeche des Weltkrieges. Zu diesem Zwecke beruft die verkrachte „Gesellschaft zur Entwicklung des nationalen Lebens in Polen" für November einen Kongreß zwecks Bekämpfung der Juden. Unter den Referaten, welche für diese Konferenz bereits angekündigt werden, feien unter anderen h-ervorgehoben: „Die «internationale Machtstellung der Juden"; „Die Rolle der Juden im Kriege"; „Die Politik der Juden in Polen und -in Bezichung zu Polen"; „Die Herrschaft der Juden in den polnischen Städten"; „Derjüdische Einfluß in Literatur und' Kunst"; „Die jüdische Ethik"; „Die Befreiung der polnischen Städte von der: Jrchen". Sehr angestrengt hat sich die faNbere „Gesellschaft" nicht. 'Die hier angeführten Programmpunkte konnten auf jedem anderen mittelenropäischen Antisemitentag auf der Tagesordnung stehen, wenn er statt Polen Österreich oder Deutschland schreibt. Es ist überall diiefeWe Couleur in Grün. Nur daß in Polen keine „freiheitliche Volkspartei" besteht, die als Regulator den Judenversvlgern in den Arm fallen könnte. Aber wie ist uns denn? Es «gibt ja eine Garnitur von Fviedensverträgen, kraft welcher den Minoritäten der Schutz der Mächtigen verbürgt wurde und für Rasse, Glaube und Sprache der Minderheiten festgelegt ist. Freilich gilt dies nur für die Besiegten und dann auch nur in der Regel auf dem Papier. Hermann Ellbogen. Der Präsident «dies Bvigittenauer Tempelvereines hat sich der Ehrungen, die Hm anläßlich feines 70. Geburtstages zugsdacht waren, dadurch entzogen, daß er in -einem kleinen Flecken der grünen Steiermark zur Erholung weilt. Wer die Verhältnisse der Wiener Judenschaft -seit ungefähr vierzig Jahren kennt, der weiß auch, daß die BrWtenauer, welche vor der Erweiterung Wiens zur Leopoldstadt gehörte, gewissermaßen das Londoner Whitechapel für die armen Schichten der Wiener Bevölkerung überhaupt «ist. Die nach der Metropole zuströmenden jüdischen Elemente aus dem ehemaligen großen Kaiserreich, insbesondere Galizien, der ungarischen Slowakei, Böhmen und Mähren mit vielfach geringen materiellen Mitteln und noch weniger moderner Bildung und Kultur, fanden zunächst Wohnsitz «auf der sogenannten Insel, der Brigittenau. Was Wunder, wenn sich hier vorerst unter dieser JudenschNft eine Art babylonischer Turm herausbildete. Der zivilisatorische Mangel, das Fehlen aller Voraussetzungen für das soziale Leben in einer Großstadt, die Hast nach Erwerb und die Scheu vor sich selbst, noch mehr aber vor den Mitmenschen, wie insbesondere den «eigenen Stammes- und Glaubensgenossen, hatte nicht die Folge, daß sich ein Band der Eintracht um diese Juden schlang, sondern «eher das Gegenteil war der Fall. Scheelsucht und Mißgunst, Konkurrenzneid und Furcht vor Übervorteilung erfüllte jeden einzelnen und bewirkte, daß einer in dem andern seinen Fei«nd erblickte. In jener Periode, also vor ungefähr drei Dezennien, trat Hermann Eltbogen, einnoch junger, repräseütationsfähiger Mann von ungewöhnlicher Intelligenz, ein Bruder des ehemaligen Gemeinderates «der Stadt Wien, aus den Plan, um sozusagen die Verhältnisse «der Bvigittenauer Judenschaft «in kulturell-ethischer Beziehung zu .konsolidieren. Es wurde unter feiner Aegyde ein Bethaus gegründet, es entstanden humanitäre Vereine, wie „Brigittenauer Unterstützungsverein", „Frauenverein", „Die Brüder", letzterer zur Bekleidung armer Schulkind'er ohne Unterschied der Konfession, und! im Jahre 1900 öffneten sich die Pforten des herrlichen Gotteshauses in der Kluekygasse, damit die sich immer mehrenden jüdischen Massen eine würdige Stätte besitze, Hrem Gotte zu dienen. All diese Arbeit war keine leichte. Tribut konnte man von diesen armen Inden kaum heischen; die Mittel zur Erbauung des Gotteshauses sowie für den Betrieb der Vereinte mußten von auswärts herböigeschafft werden, und die Judenschaft stand sich argwöhnisch, verschüchtert, mißtrauisch Ed vorurteilsvoll gegenüber. Der Seelenstrom dieser Massen hatte kein Helles, ruhiges Spiegelbild, sondern glich einer ausgewi'ihlten Brandung, aus deren Mitte, wie ein Strombvecher, kalmierend und versöhnend, die markante Gestalt Hermann'Ellbogens hervorragte. Durch seine Beredsamkeit, den wahren jüdischen Impuls und vornehmes Taktgefühl, verstand er >es stets, diie Gegensätzetz zu mildern und so eine Eintracht nNd Einheit zu «inaugurieren. Seither steht er mit kleiner Unterbrechung an der Spitze der Brigittenaner Judenschaft. So tritt er «denn an die Schwelle des Greifenalters, mit «aufrechter Haltung, jugendfrisch an Köper und Geist, mit einem von brennender Liebe zum Judentum orftillten Herzen. Und so wollen wir Hm heute' Musen: jejascher koach! N. Ch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.