Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 18 (1.9.1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Hie Wahrheik 1 •if i.:; Gerte 10 Wahrheiten vom Tage MM Allerlei vom freien Arbeiter in Graz. In einem konsütutionellen Staat — ob Monarchie oder Republik — HM jedermann das unveräußerliche Recht, jo dumm zu sein, als ihm nach dem unersovschlichen Ratschluß des Himmels beschicken ist. Hievon machen selbst christlichsoziale Zeitungsschreiber keine Ausnahme. Aus diesem Gesichtspunkt beurtMt, wird Man mit der periodischen Druckschrift „Der freie Arbeiter", die Graz als Erscheinungsort -angibt, nicht zn strenge ins Gericht gehen dürfen. Aber doch! Es ist ein Unterschied zwischen Dummheit und Dummheit. Sofckn sie als selbstggw'achsenes Produkt in Erscheinung tritt, eignet ihr eine gewisse versöhnende Erguicklichkeit wie einem Waid- und Wiesenkräutlein. Dem reinen Tor kann man nicht böse werden. Es gibt aber noch eiUe andere, gewissermaßen in übertragenem Wirkungskreise kommMÄ-ierte Dummheit, die sich befehlsgemäß blamiert und lächerlich macht. Dieser Idiotismus aus zweiter Hand ist der schlimmere, weil bewußte, und von jener Art, die Schiller nicht treffender als mit der Erklärung, daß gegen ihn selbst Götter vergebens kämpfen, charakterisiert hat. Bon dieser Sorte ist der „Freie Arbeiter", der sich als Prvletarierblatt aufspielen möchte und dessen ganze „Freiheit" in dem Umstande wurzelt, der Judenibeschimpsung keine Schranken zu ziehen. Was immer in der Welt schlimm und folgenschwer ist, der Jude hat's verschuldet. So wurde es dem „Freien Arbeiter" non seinen Brocherven suggeriert und so muß er sein Sprächet auffagen. Bon Rathenau bis zu den Gasteiner Sommrerparteien reicht die Pfütze, aus der die sogenannte SchrMleitung eines exklusiven AntisemAenhäuifleiUs alles beschmutzt, was jüdisch heißt. Was wissen diese Armen im Geiste von Walter Rathenau? Wie es scheint, sehr viel. Zunächst, daß er die „jüdische Zuchtrute" ist, -mit der aus dem christlichen Volke möglichst viel Geld und Gut herausgeschlagen werden soll. Nicht etwa zum Wiederaufbau des deutschen Vaterlandes, sondern zum Vorteil der jüdischen Kapitalisten. Daß die nichts weniger als verjudeten Mitglieder der Entente oder des Obersten Rates darüber einig sind, daß Walter Rathenau der einzig mögliche, uneigennützige und patriotische Erneuerer der deutschen WirtfchHt ist, braucht eiu freier Arbeiter, der teils iU Graz, meist aber in der Reichspost, packon!, in 'der Strozzigasie zu Hause ist, nicht zu wissen. Der doppelläufige Chamberlam. Herr oder Mister — je nach der Konjunktur — Houston Stewart Ch amb erlain führt einen Kamps um Ideale, was nicht ausschließt, daß er auch dem Golde nachläuft und von Fall zu Fall bald deutscher, bald englischer Staatsbürger wird. Zu der Mitteilung der „Franffurter Zeitung", daß er in einem Prozeß vor dem englischen Gericht Freigabe in England beschlagnahmten Vermögens beantragt habe, weil seine Naturalisierung in Deutschland ungültig und er Engländer geblieben sei, wird dem Frankfnrter demokratischen Organ von dem Rechtsvertreter des Herrn Chiwmberlam geschrieben, daß der fragliche Antrag ohne dessen Willen von seinen „englischen Verwandten und einstigen Erben gestellt fei, um das Vermögen sofort ausgezahlt zu 'bekommen". Hiezu bemerkt Ne „Frankfurter Zeitung" treffend: „Dazu fft zu sagen, daß sich unsere Ausführungen auf die von der englischen Presse veröffentlvchten Berichte über Ne Gerichtsverhandlung gründeten, in denen auch nicht die leiseste Andeutung enthalten war, Ne die Vermutung Nahegelegt hätte, Nr. 18 daß d i >e V e r w a n d t >e n Cham b e r l a i n s gerichtliche Schiritte unternehmen könnten, ohne Chambe rlains Wissen und Autorisation. Nach deutschem Recht wäre ein solches Verfahren Menfalls unmöglich." Aber auch in wissenschaftlicher Hinsicht hat der deutsche Engländer in letzter Zeit sehr arg Schiffbruch gelitten. In seinen unberechtigterweise zur Berühmtheit gelangten „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" teilt er bekamitlich die Inden in zwei Gruppen, in die HechAer, die in tbfer Sprache des „Freien Arbeiters" die niederrassiae Mischpoche wären, und in die Amoräer, die „reinen Arier", zu denen »er Jesus, Paulus und andere Apostel rechnet. Nun ist les H r o z n y, 'dem berühmten Wiener Geilehrten, vor kurzem gelungen, Ne 'bisher unleserliche Hieroglyphenschrift hethirischer. Denkmäler zu entziffern, und siehe' da, es stellte sich heraus, daß das Hechffche eine — indogermanische Sprache war. Was nun, Mister Chamberlaiin? Werden Sie in der neuen Auflage der „Grundlagen", die wir mit Sehnsucht erwarten, Ihren Irrtum korrigieren und Jesus, Paulus usw. zu den Hethitern zählen «und die arischen Amoräer in der Versenkung verschwinden lassen. Man kann, gespannt seffr, w!ie sich der Herr Rassenthsoretiker aus der Affäre ziehen Wied. Sicherlich mit einem arischen Dreh, denn auch solche gibt es. Die Araberfrage im Heiligen Lande. Diese Frage »droht wie die Sphynx jeden, dem Ns Lösung mißlingt, Al zerreißen. Die Menge grundsätzlicher Jrrtümer. die bisher unterliefen, ist beängstigend. Einerseits will man das Arabevproblem von der rein wirtschaftlichen, anderseits von der narional-politischen Seite erfassen Es gibt aber noch Sin Drittes, die Vermischung dieser Elemente. Aber wie immer auch, das Ergebnis ist für die eiinw ändernden Juden gefährlich und verhängnisvoll. Man kann aufsässige Elemente durch eine Politik der starken Hand zur Ruhe zwingen, die oft nur dem Sturm vorhevgcht. Einen .Zwang zur Liebe oder auch nur zum Wohlwollen gibt es nicht und Ne Strenge reicht nicht weiter als das Auge. Diese alte Wahrheit macht es verständlich, daß die Angriffe auf Juden durch arabische Horden bald an dem einen, bald an anderen Punkten in Erscheinung treten. Der Ansicht, daß die Nachkommen Israels bei den sich stetig wiederholenden Feindseligkeiten Ne Geschäfte des europäischen AntisemitiÄnus besorgen, können wir nicht Leipstichten. .Dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. Wunsch und Streben des westlich orientalen Antisemitismus geht ja vornehmlich dahin, sich der Juden so oder so zu entledigen. Geschieht es durch die Emigration — auch gut! Man hält um so wirksamer das geliebte deutsche, kölnische oder sonstige Vaterland trocken. Die Zulsammenstöße der Juden mit den Araber sind gewissermaßen rein endemisch, liegen am Boden und in der Luft, wie allercrteit das Herrenvolk dem Gastvolk ablehnend gegenübersteht. Im vorliegenden Fall ist aber das letztere von eigenen Verschulden nicht ganz freizusprechen, denn es hat durch seine Führer zu sehr die Wege überheblicher Politik eingeschlagen und die PolM verdirbt bekanntlich den Charakter; nicht nur den eigenen, sondern auch den der Umwelt. Sie läßt die mißtrauische, wachsame Stammbevölkernng des Landes vergessen und verkennen, was die eingewanderten Juden an gemeinnütziger, ersprießlicher Arbeit kulturell und. bodenamediatorisch bisher vollbracht und noch weiter vollbringen könnten. Die jüdischnationalen Umtriebe bilden Ms eigentliche Gmndübel der beklagenswerten Zuständie im Lande der Verheißung und der „gesetzlich verbürgten Heimstätte", deren Begriff und eng gestellter Rahmen durch leichtfertige,