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Die Wahrheit · 1921-09-01 · Heft 18 (1.9.1921) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 18 (1.9.1921)
Date
1921-09-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 7 ’ntMdfiiS^ l ^-VKL-L-^7 - {tefgAWU»*»* J Nr. 18 Die Wahrhei? anderen sei-ne Kutte, den Obermantel und die Bäffchen, die er trug, aber alle konnten nicht umhin, ihn um sein Wissen und Können zu beneiden. In beiden Hemisphären feierte man den Gelehrten und besonders den Prediger Jellinek. Der Großrabbiuer von Frankreich, Z. Cahn, widmete mir 4 Bände seiner „Sermons", nach Lektüre meiner „Psalterklänge" bei Cäcilie Heine-Furtado, Paris, und schrieb: In diesen „Sermons" finden Sie etwas wie einen Abglanz von Jellineks Muse." Wie nichts auf Erden 'vollkommen ist, hatte auch urkser Meister viel Zu leiden und zu ertragen, nicht nur die Scheelsucht und den Neid der Nächsten und Fernsten, auch durch seine Schwerhörigkeit. Sprach inan leise oder auch zu laut, er war verdrossen, und obgleich seine Klugheit bald von den Lippen ablas, was mau sagen wollte, eine gewisse Verstimmung war zu merken. Ich gedenke der Zwiesprache zwischen ihm und meiner Gattin 'anläßlich eines Besuches in seinem Hause. Nach langen Fahren meiner Amtstätigkeit war es, viel viel besprachen wir, da nahm meine Frau das Wort und mahnte zum Ausbruch, sprach aber etwas zu laut: „Dr. Jellinek hört schwer," Dr. Jellinek aber sagt: „Schwer hören meine Höre r." Viele UMiche Episoden wüßte ich zu erzählen. Doch genug zur Charakteristik dieser eigenartigen Persönlichkeit, die bei allem Gelehrtengeist den feinen schlagfertigen Witz und dem gesunden Humor Gelehrten und Laien gegenüber stets in Bereitschaft hatte. Jungen aufstrebenden Talenten wandte er besondere Beachtung und Förderung, geistig wie materiell, zu, und selbst nachdem sie erfolgreich zn ihrem Ziele gelangten, mahnte er in nie verletzender Kritik ihrer Arbeiten zu rastloser Fortenfaltung und strengster Selbftvervollkommnung. 'So war es, als ich in Preußen die Synagoge zu Bleichrode mit dem als Mathematiker am Gymnasium angestellten Professor Heidenheim, Rabbiner in Sondershausen, dessen Pensionat Jellinek einige seiner Kinder zugeführt hatte, eingeweiht. Die gedruckte Weiherede „Hochziele des Gotteshauses" widmete ich Jellinek. Dieser nahm sie beifällig >auf, bemerkte jedoch zn dem Datum der Gründung nach bürgerlicher Aera, daß es nicht statthaft sei, auf einer jüdischen Kanzel ein christliches Datum sanzugeben. Er, der libevaldenkende Prediger, wandte sich einst gegen Oberrabbiner Faffel in Kanizsa, der eine Trauung am Fasttag, 10. Debet, vollzog, mit dem Hinweis, daß es auch einen Schulchan Aruch d!ör jüdischen Pietät gäbe, Äör ihm Verbiete, an diesem Tage, an dem Selichot, Sühnogebete, verrichtet wurden, die Stimmung der Freude zum Ausdruck zu bringen. Jellinek stellte das Universelle über das Partikulare und was die Gesamtheit bewegte Uder betrübte, wie die Klage über die historische Tragödie Israels, höher als himmechohes Jauchzen der Einzelnen und deshalb die Polemik gegen Fasse! anläßlich eines Bet- und Bußtages. Unvergeßlich ist Ne Jellineksche Erklärung des Bußgebets: „Wißt Ihr, was eine jüdische Selicha, ein jüdisches Bußgebet ist? Das ist der Janvmerrus eines Menschen, der «außer reuigen Stammesgenosien keinen Freund, keinen Fürsprecher, keinen Hort auf der ganzen großen weiten Erde hat, der gehetzt wird wie ein wildes Tier von Land zu Land, von Dorf zu Dorf, dem die Jugend höhnend und fingerzeigend nachrennt und nachruft, den das Alter kalt und herzlos von sich stößt, den man beschuldigt, 'daß er Kinder Met, Brunnen vergiftet, um seines Nächsten Leben zu nehmen, dem man den Vater erschlagen, die Schwester geschändet, den Bruder lebendig begraben hat. (Fortsetzung folgt.) Arische Dichter über das Judentum. ii. Der berühmte Humorist Otto Ernst läßt den Helden seiner trefflichen Semper-Trilogie als Hilfslehrer an einer Hamburger Volksschule folgende Beobachtungen machen. Semper genießt die bittere Wohltat der Freitischkost in „feinen Häusern". Bei dieser Gelegenheit hat er mit einem jungen Kollegen ernste Auseinandersetzungen. Darüber schreibt er: Da war auch noch jedesmal ein Kandidat, der bei jeder paffenden und unpaffenden Gelegenheit auf die Inden schimpfte, sonst aber keine geistige Regsamkeit erkennen ließ. In Asmuffens Herzen war die Stelle noch sonuenwarm, au die er vor Jahren Leffings Gedicht von „Nathan dem Weisen" gedrückt hatte. Der Kandidat war ihm furchtbar zuwider. Er konnte es begreifen, daß man einzelne Menschen haßte, wenn sie schlecht waren; auch er konnte Haffen, o gewiß, leidenschaftlich, wenn auch nicht lange, aber daß man eine ganze Menschenrasse Haffen, verdammen, beschimpfen und ihr alles Leid an den Hals wüiiischen konnte, das empörte ihn wie eine Rohheit des Herzens und diese Erregung schwoll eines Tages so gewaltig an, daß er, über und über errötend, dem Kandidaten erwiderte: „Bergeffen Sie doch nicht, wie man die Juden behandelt hat!" „O, das war nicht so schlimm!" meinte spöttisch der Gottesgelehrte. „Haben Siv Freitags Bilder aus der Deutschen Vergangenheit gelesen?". „'Nein!" „Nun, dann können Sie's Nachlesen, Freitag ist gewiß unparteiisch und ich muß sagen: Wenn man mich so behandelt hätte, würde ich nur eine Antwort kennen: Haß, unauslöschlicher Haß!" An einer anderen Stelle schildert er seine Eindrücke aus dem Gang durch das Hamburger Judenviertel: „Der Weg nach Hause führte regelmäßig durch einen Stadtteil, der stark, wenn nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und wenn er nun von den sonnabendlichen Feierstunden bei Meister Bruhn heimkehrte, paßte es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung, wenn ihm die Inden in Festtagskleidung begegneten und in ihrem Gang und in ihren Mienen den Sabbath erkennen liefen. Er fand es schön, den Feiertag am Abend zu beginnen mit dem Blick in ein heiliges „Morgen"; auch sein Sonntag begann immer am Samstagabend. Immer und immer riefen ihm diese festlich gekleideten Juden die Kindheit zurück, die unvergeßliche Zeit, da er mitten im verschneiten Muter das sonnige Land Abrahams gesehen und mit Elieifer um Rebekka geworben hatte am Brunnen der Stadt Nahors. Wenn er sie aber gar am Laubhüttenfest mit dem Paradiesapfel, mit Myrten, Palmen und Weiden nach der Synagoge wandern sah, dann verwandelte sich der Weg nach Oldenfund in die vierzigjährige Wüftenwanderung, vom bitteren Wasser zu Mara und der Oafe Elim bis zu dem Tage, da Jericho fiel, unter dem Hall der Posaunen, dann sah er die ährensammelnde Ruth aus dem Acker des Boas und die Harfe Israels hängen au den Weiden Babylons.

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