Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 18 (1.9.1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 18 Die Wahrheit Gerte L Am 17. Februar 1766 feierte man in Frankfurt die Hochzeit des Dr. jur. Johann Jost Textor mit Maria Magdalena Möller. Der Neffe des Bräutigams, Johann Wolfgang Goethe, studierte seit einigen Monaten in Leipzig galante Formen in Tracht, Benehmen und Sprache und war nicht abkömmlich. Er sandte daher ein Hochzeitsgedicht, über das man im 7. Buch von „Dichtung und Wahrheit" allerlei Nachlesen muß, da es leider nicht erhalten ist. Indes: unter den (in der Frankfurter Stadtbibliothek) vorhandenen Gedichten für dieses Fest findet sich ein ganz merkwürdiges Stück: ein Lied in jüdischdeutscher Mundart mit folgender Widmung: „Ein schön Schier (Lied), Hübsch und beschöidlich. Raufte (Doktor) Textor sing ich Dir, Und der Calle Deinem Maydlich: Aber Hab Gedult mit mir. In dem Schein (Namen) all der Jchudim, Die beym Mischpott (Gericht) Du vertrittst, Singt im Tone der Talnmdim Dir Wolfs Maas der Maliz (Prokurator) izt." Man brachte im 17. und 18. Jahrhundert diesem Jargon lebhaftes Interesse entgegen, was offenbar auch für die angesehenen FamMen Textor und Goethe gilt, und ließ ihn gern bei Festlichkeiten zur Ergötzung beitragen. Dem hier erwähnten Liede aber, dessen weiterer Text nicht in Betracht kommt, geht eine Art Leitspruch voraus, der, wie folgt, lautet: „Dir in allem Glück und Segen zu geben, Und zu verlängern Dein Leben, Ich bin versichert, daß dieser Wunsch hat seinen Fortgang, Es mag anstehen kurz oder lang. Mechires Jos^ch." „Mechrres (askenasische Aussprache von „Mekirath") Joseph" ... . Dies wird in einer Fußnote als „Verlausung Josephs oder Joseph-Spiel" erläutert: es ist ein Zeugnis dafür, daß in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts das Stück in Frankfurt noch bekannt war. Im übrigen ist seine Erhaltung gerade dort nicht vorwnnder- Diefer Mann wurde das Opfer seiner Güte und Selbstlosigkeit. Er hatte die Gepflogenheit, allen religiösen Hebungen beizuwohnen, und konnte es nicht über sich bringen, jemanden, ihn um irgend einer religiösen Tat Ang eh enden abzuweisen. Diese seine Gewohnheit brachte ihn in schwere Bedrängnis. Auf einer Geschäftsreise, in Begleitung seines Sekretärs wurde er auf offener Landstraße von einigen Leuten angchalten und gebeten, für kurze Zeit die Fahrt zu unterbrechen, damit er die Vollführung einer Befchneidung, bei der eine von den vorgeschriebenen 10 Personen fehlte, ermögliche. Nichts Böses ahnend willigte er darein. Alsbald bemächtigten sich die Wegelagerer (denn mit solchen hatte er es zu tun) des Gefährtes, des Kutschers und der beiden Insassen. In ihrer Habsucht begnügten sie sich nicht mit dem, was sie bei den Reisenden erbeuten konnten, zumal sie wußten, mit wem sie es zu tun hatten. Nachdem die Ueberrmnpelten in Gewahrsam gebracht worden waren forderten die Wegelagerer von Zablodosky eine Anweisung aus 100.000 Rubel und versprachen, nach Erhalt des Geldes ihn mit allen Begleitern unversehN ziehen zu lasten. Der Sekretär stellt eine, allen Anforderungen entsprechende Anweisung auf den gewünschten Betrag aus und übergibt sie zur Unterschrift Zablodoski. Dieser unterschreibt und setzt seinem Autogramm das hebräische Wort lich. In Frankfurt war -es nämlich, wie schon erwähnt, 1710 im Druck erschienen — ein Exemplar» ein dünnes Oktavbüchlein, befindet sich heute noch in der dortigen Stadtbiblivthek. Außerdem hatte «der Rektor des Frankfurter Gymnasiums Johann Jacob Schudt in seinen „Jüdischen Merkwürdigkeiten", drittem TeÄ (1714), „Die Eomoedie von der Verkaufung Josephs" abgedruckt: rechts mit hebräischen Lettern, links in »Hochdeutscher" Uebersetzung, die, wie das Original auch, stark fvankfurtiisch gefärbt ist. Daß der Knabe Goethe dies alte Spiel gekannt hat, besagt keine Quelle; man 'darf aber wohl amrehmen, daß er, das „Jndendeutsch" eifrig lernend, das Stück in seiner „Ursprache" kennen gelernt und in seiner „Urschrift" gelesen hat. Zur Uebung. Denn Goethe nahm richtigen Unterricht in der jüdisch-deutschen Mundart, >die er, genügend „vorgebildet", bald so gut beherrschte, daß er, wie in Dichtung^ und Wahrheit" zu lesen, 'in seinem zur Uebung in den erlernten sechs oder sieben Sprachen ausgezeichneten „Roman" in Briefen (er ist nicht erhalten) das in Frankfurt verbliebene Nesthäkchen, „eine Art von naseweisem Neftquakelchen" seinen Beitrag in Judendeutfch geben läßt und „durch seine schrecklichen Chiffern die Wrigen in Verzweiflung und die Eltern über den guten Einfall zum Lachen" bringt. Den Namen des Judendeutsch-Lehrers, der 1761 in Aktion trat, hat der Rat Goethe in seinem lateinisch geführten Haushaltungsbuch aufbewahrt. Er nennt ihn: Christamicus. Andächtiger Fleiß einer Frankfuvterin, Frau Elise Mentzel, hat den „Sergeanten Christfreund" als den Jargonlchrer des Knaben Goethe ausfindig gemacht, einen Mann, der sicherlich kein grimmiger Kviegsheld, sondern ein friedlicher Politzeiwachtmeifter gewesen ist und wie sein Name vermuten läßt, ein getaufter Jude mar. Der sogenannte Altonaer „Joseph" zeig: in seiner Handlung selbst wenig Verwandtschaft mit dem jüdischen Joseph-Spiel, das sich natürlich ebenso auf die Bibel stützt, sonst aber einer allen hebräischen Erbauungsschcift „Sefer Hajaschar" folgt nno brae uns vertraute Erzählung durch „Segal" hinzu. Me Anweisung lautet an die Firma „Zablodosky in Bialystok" und wird dort präsentiert. Der Kassier der Firma kann sich die Bedeutung und Notwendigkeit des Wortes „Segal", es dem Namen nachzusetzen nicht eMären, heißt den Ueberbringer des Cheks warten und begibt sich zum Rabbiner um hier Aufklärung der Klausel „Segal" zu finden. Der Rabbi erklärt die Konsonanten des Wortes „Segal" S, G, L, bedeuten Anfangsbuchstaben der Worte „Sekone" (Unglück), „Godaulo" (groß)', „Lemise" (zum Tode), was bedeuten solle „ich befinde mich in großem Unglück, das mir den Tod bringen kann." . Darob großes Entsetzen. Die Polizei wurde alarmiert» nachdem der Bote und Reicher der Anweisung irr Haft gnommen und zum Geständnis gezwungen worden war, wurde Zablodosky und seine Begleitung den Händen der Bande entrüsten» diese selbst der Justiz überliefert. Zum Andenken und Dank für «diese wunderbare Rettung erbaute er eine Thalmud Thora, ein „Beth Hamidrasch" und dem Rabbi ein Wohnhaus, bedachte die Thalmud Thora mit Stiftungen uNd widmete die 100.000 Rubel, welche von ihm erpreßt hätten werden sollen, verschiedenen Wohltatsernvichtungen. Eine ganze Straße wurde damals von ihm erbaut, die alle diese aus Dankbarkeit errichteten Gebäude umfasten. (Fortsetzung folgt.)