Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 17 (18.8.1921)
- Date
- 1921-08-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 17 Die Wahrheik Seite 11 des publiztstischen Anstandes. Als „Arbeiter" ober dürste sie sich nicht -gerieren, denn die Herren in dieser Redaktion sind wohl sicher kerne manuellen, geschweige denn geistige Arbeiter, denn in einem solchen Tone ein Blatt zu führen, das dringt jeder Kanalräumer besser zustande. Ms Kostprobe möge hier ein tzetzauftnf angeführt werden, der in einer schwarzen Umrandung in dieser Zeitung erschien. Ob dieser Trauerrand den Schmerz über die Dummheit dos Ausriufenden symbolisieren soll, bleibe dahingestellt, ist aber beinahe zu glauben. Der Ausruf lautet: „Arbeiter! Höret! Das Einkommen dev jüdischen Bankiersfamilie Rothschild: diese nimmt im Jahre mehr an Zins ein als alle Bergarbeiter in Deutschlack in derselben Zeit Lohn erhallten!! Solcher jüdischer Familien gibt es in Deutschland einige Dutzend! Frage: Wo sind die Ausbeuter? Warum schweigen eure Führer? Warum bekämpft eure Partei gerade diese Wucherer nicht? Warum ist noch kein einziges Gesetz gegen diese Bank- und Börsen-Hyänen geschaffen? Wo bleibt bei so himmelschreienden Zuständen das Bolkswohl, wo die Gleichheit? Wie lange bleibt Ihr noch die Trotteln, die sich von jedem Mauljuden ums Ohr hauen lasten und Hurrah! brüllen, wenn so ein Schädling nur sein Maul auifrÄßt?" In diesem „Kampfblatte" finden wir nun in der Nummer vom 6. d. M. einen Artikel „Vom Weizen und Unkraut" von Dr. Fr. Dietrich. Der Wei>zen sind natürlich die Arier, das Unkraut wir Juden, die nicht einmal das Recht haben, sich den Namen „Israel", das Auswahlvolk der Edlen und Vollkommenen boizulegen, sondern hübsch bescheiden ihn den Ariern überlasten müssen, denn wir sind und bleiben ,Zuda", das-heißt der Rufs enp ö bel, der wir immer wirren, auch damals als wir den Heiland, den rastenreiuen Arier, ans Kreuz schlugen. Eben dieser Heiland hat die Scheidung zwischen Weizen und Unkraut vorgenommen: er mußte es ja tun, denn er war doch „der reine Arier". Diese Reinheit steht aber noch nicht so fest, geehrter Herr Nibellnttge Dietrich, denn wir möchten sie diesbezüglich auf die Aussagen des Pfarrers Stein in dem schmählichen DiNterprozeß, über besten Ausgang wir iin der nächsten Nummer betrWen, verweisen. Diese Aussagen sind bemerkenswert, denn was!dov Pfarrer sonst vorbrachte, war entscheidend für das gerade nicht philvsenuOfche Urteil. Der Sachverständige sagte: Die Wissenschaft lächelt über die Behauptung, daß die Propheten Arier und kerne Juden gewesen feien. Sie lacht auch darüber, daß Jesus feto Jude gewesen sei. In dem Urteil Friedrich Delitzschs n. a. sieht Pfarrer Sfeto eine neue KoNstruWon, die durch nichts gehalten wecken könne. Das sprach ein Pfarrer und wistenschaftlichor SachverständMor. Sie aber, Herr Nibolnnge, er,klären, gestützt auf Chamberlain, Delitzsch, Dinter und andere Koryphäen Jesus für einen reinen Arier. So wie er sollen alle Arier sein, denn momentan gibt es gar keine rBne arische Raste, der Dietrich folgendes Klagelied singt: Wo ist sie den hin, bJtc hohe, Herrliche, blonde und blauäugige Menschenart, die wissenschaftlich mit domo itism bezeichnet wird? — Sind wir denn noch wirklich Arier? — so frage sich jeder, der auf die Juden zu schimpfen sich das Recht herausnehmen will. Jeder prüfe sich wirklich genau und er wird dann so viel Unavisches an sich entdecken, daß er es vielleicht begreifen wick, wenn wir vor allem als wichtigste Aufgabe und erste Maßregel im Kampfe gegen Juda, daß heißt gegen das Nickerrastentum, in welcher Form immer die S elbstentjudung der Arier fordern-. Ja ist -denn dann noch Dietrich, der so unentwegt auf die Juden schimpft, wirklich Arier oder darf er schimpfen, d a er Arier ist. Wenn das eine hervorstechende Eigenschaft der „hohen, herrlichen, blonden und blauäugigen Menschenart" ist, die Gegner Mauljuden, nrederrastige Mffchipvche, Menschenauswurf, den überall bekannten Wiederausbauminister Rathenau eine jüdische Zuchtrute zu nennen, so kann man sich wirklich gratulieren, kein Rastengenoste des Herrn Dietrich zu sein. Diese Ehre überlasten wir gerne anderen „Edelmenschen". Antisemitismus in den Bereinigten Staate». Daß überhaupt ein solcher dort besteht, gehört zu den wenig de-, kannten Tatsachen und scheint bei dem gesunden, freiheitlichen, wahrhaft demokratischen Empfinden der Nordamerikaner ziemlich ausgeschlossen. Man weiß zwar, daß 'der „Automobilkönig" Ford drüben der Träger und Finanzierer des Antisemitismus ist, ohne diesem Umstande bisher größere Bedeutung beigelegt zu haben. Es scheint aber -doch, daß der rollende Dollar Mister Focks bei gewissen Elementen seine Schuldigkeit getan hat, — itn dar alten Welt sind sie für geringere Valuta zu haben — denn aus New-Dork meldet man: Der Orden Brith Abr aham hat eine Kampagne begonnen zwecks Bekämpfung der tot Lande geführten antisemitischen Propaganda und beabsichtigt zu diesem Zweck einen Spezialfonds von einer Million Dollar zu schassen. Uaberall, selbst in den kleinsten Ortschaften, sollen von den 640 Logen, die gegen eine Million Mitglieder umfasten, Massenmeetings veranstaltet werden. Der neugewählte Grand Master (Großmeister) Richter L e v i wird Präsident Harding und Genera l - Prokurator Doverthy besuchen und die Inhibierung der antisemitischen Propagandaschriften verlangen. Diese Meldung erläutert eine in unserer vorigen Nummer gebrachte Nachricht über das Interview beim Präsidenten Hacktog, desgleichen eine Korrespondenz neueren Datums aus New-Aork, die die Sperre jüdischer Einwanderer in den Vereinigten Staaten ans cmtifemiitische Treibereien zurückführt. Dr. Gaster über die Zionistenfrage. Der bekannte ehemalige Oberrabbtoer der Londoner sesardifchen Gemeinde Dr. Ga st er, der vor kurzem in seinem Heimatlande Rumänien zum Zwecke des Studiums der dortigen jüdischen Verhält,niste weilte, hatte Gelegenheit, gegenüber einem Journalisten seine Stellungnahme zum Zionismus in kurzer, aber bezeichnender Weise zu äußern. Dr. Gaster erklärte unter anderem, daß er mit der zionistischen Bewegung, wile sie'derzeit in Erscheinung tritt, sich nicht befremden könne, ganz besonders aber müstö er gegen die nationalistische Ausdrucksform sich ablehnend verhalten. Im Verlaufe seiner Erklärungen vertrat Dr. Glastör die Anschauung, daß der Karlsbader Zionistenkongreß die erhoffte Lösung der verschiedenen brennenden Fragen nicht bringen wecke, sondern daß es nach den Erklärungen von San Remo nicht angezeigt wäre, nur noch einen Parteikongreß ieÄrzuberufen, weil angesichts der bestHenden Sachlage ein Kongreß sämtlicher Parteien des Judentums zu hören wäre und zu beschließen hätte. Dr. Gaster wick deshalb auch für 'seine Person dem Karlsbader Ziomstenkongreß fern bleiben. Die Anschanung des verehrten Rabbiners wird von vielen maßgebenden PersönlichSeiten geteilt und kommt auch im leitenden Artikel nuferer heutigen Nummer zum Ausdruck. Eine Jüdin der erste weibliche Dr. jur. Zum erstenmal hat in der Berliner Juristischen Fakultät eine Dame, Fräulein Hanna K a tz, Tochter des Geheimrats Dr. Edwin K a tz, das Doktorexamen bestanden.