Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 17 (18.8.1921)
- Date
- 1921-08-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Die Wahrheit Nr. 17 kein Konzert, das nicht wohltuend auf Gemüt und Herz wirkt. Besonders die Frühkvnzerte hören sich wie ein Gottesdienst, wie «in MovgerWebet an. In dichten Scharen erscheinen schon tin, aller Frühe die -leidenden Kurgäste und umringen den Konzertpavillon. Und dankbare Blicke wenden sich dem Konzertmeister Payer zu, so oft er bei diesem musikalischen Gottesdienste auf feiner buitMbraunen Geige ein leises Gebet zu -spielen beginnt, so daß man die Worte desselben zu vernehmen glaubt: O laß uns, Herr, im nächsten Jahr einige Wochen verweilen, hier im schönen, heilbringenden Franzensbad! Oberrabbiner Dr. Adolf Jellinek. Don RaWmer Dr. D. Lermdörfer, Hanrburg. Ein Säkular-Denkmal. (Fortsetzung.) ,Jellinets Redekunst gleicht der der bühnen Verkünder des Gsttbeswortes aus Israels Vorzeit, die aus die Gemüter der Hörer den tiefsten Eindruck übten. Logische Anordnung, Tiefe der Empfindung, Gewandtheit Än Ausdruck, Richtigkeit des Urteilsvermögens, Welt und Menschenkenntnis und unablässiges Streben nach Jdealzielen, das konnte man aus jeder Predigt, mochte sie drohen oder trösten, erschütternd oder erbauend, niederdrückend oder erhebend, demütigeno oder ausvichtend die Herzen bewegen, heraushören." Wer Är dieser Charakteristik fehlen die mir wichtiger scheimenden EigÄnschaften: Tiefgründige Kenntnis der Gotteslehre, der schriftlichen und mündlichen^ hmrrscharf ohne Textverzerrung vorgetrügen, wissenschaftliche Exegese, nicht gesucht oder veMnstett, dem Urtext entsprechend behandelt; sodann reich gestaltend'e Phantasie, die Wissenschaft, Geschichte und Leben in innigste Beziehung setzte zur Poesie der Weisen des Altertums, so daß man ein Gleichnis geistreich und schön zu Höven vermeint, während es nichts anderes gewesen, .als die geistvolle Anwendung eines alten MidNasch. Endlich die Glut der Begeisterung, die sich Än packenden, alles mit sich svrtreißeuden Vortrag kundgab, und QnintWans Wort: „Pectus est enim, quod dälsertos racit“, „Das Herz macht den Redner", wahr machte. Die Hormle- M JellinÄs unterscheidet sich von der anderer bedeutend; nichts ist entliehen von berühmten Meistern als die äußerliche sprachliche Formentönung. Sie zielt und schielt auch nicht nach Effekt, Nicht nach Phrase, nicht niach philosophischem oder psychologischem AbhanAliungsschefm, sie fließt kernhast belehrend, bei Vermeidung blendenden Blumenprunks, leeren Wortschwalls und unnützer Wiedecholungen und Parallelismen. Tief und klar redet Jellinckk, reich und voll von Wissen, gewandt und zeitgemäß, oft klassisch und lapidar ohne Salbungspathos tüe ganze Seele aufwühlend und durchflutend, daher der Ethik dienend will sein Wort das religiöse und ethische Wollen der Hörer tief beeinflußen. (Sichle meinen Aussatz in Rcchmers Literatürblatt, zu Js. 70. Geburtstag: Me Philosophie in der Rhetorik JÄineks.) Die Buch- und Messestadt an der Meiste begünstigte dre unermMlichen Forschungen des jungen, auch vom Sachsenkönig Johann I., gewürdigten jüdischen Predigers, und begründete auch seinen Ruf als Gelehrter. Zu seinen Freunden in LÄpzm zählten die Vorsteher Kohner rmd Nachod, Gründer des D. I. Gemvindebiundes und der VöMrpsychvloge Prof. M. Lazarus. 1856 berief ihn -die Wiener israell. Kultusgemeinde, in der Prediger Jsak Noah Mannhckmer ruhmvoll wirkte, zu ihrem S«!lsovger. Am Sabbach Noah desselben Jahres hielt er über das ^Thema „Jeder Mann hat feine Zeit und jede Zeit hat ihren Mann" feine Probepredigt, die als «in Kunstwerk geistvoller Beredsamkeit galt und ihm die Herzen aller Größen Wiens, eines L. Kuvanda, eines Ärdwig August Frankl, eines Werth eimer, Guttmann, A. Sonnenthal, des Hauptes der Familie Rothschild, Salzer usw. gewann. Dem Rufe nach Wien folgte er zum Laubhüttenfeste 1857. Seine Rede im Leopoldstädter großen Tempel erregte beir Juden und Christen sensationelle Bewunderung, so daß hervorragende Staatsmänner, wie Staatsminister Anersberg, der Dichter Anastasius Grün verzückt vom „Pater Jellinek", redeten, der ,^>en finsteren rniNelalterlichca Geist der Unduldsamkeit niederüingt und eine knlturfteundtiche Zeit zum Stolze der österreichisch-ungarischen Dwnarchie sieghaft vorbereitet." Als nach dem Tode Mannheimers I. nach der Seitenstettengaste, in den inneren ' Stadttempel versetzt wurde, nannte die Wiener Presse seine Wohnung den , Vatikan in der SeitenstettengaM". Er galt als Oberhaupt der Gesamtgiömeinde bei allen religiösen Richtungen und in allen städtischen Administrationen. Die immens« Seelsorgerarbeit, der. er sich mit allen Fasern seines grundgütigen Herzens widmete, vermochte wicht seinen rastlosen Gelehrten trieb .Mzuschränken, Tag und Nacht zu forschen und seine Forschungen der Mit- und Nachwelt durch Schriftwerke großen Stils zu übergeben. Wie Ben Saccai in Jamnia die Erhaltung des Judentums durch die Schule in Angriff genommen, so schuf er infolge feiner Anregungen eine Hochschule, das große Bet ha Midrasch in der Tempelgasse, woselbst er und eine auserwählte Corona von Meistern der theologi-. schen Disziplinen ein Lchrkatheder und zugleich eine reiche Bibliothek, Forschnngs-, Lehr- und Hörerräume ins Dasein treten ließ für alle Lernbeflisfene, groß und klein. Aus seine Anordnung und unter, seiner Leitung lehrte der gelehrte Lektor I. H. Weiß, Verfasser des klastischen Wertes „Dor We Dorschwa" zur Geschichte der jüdis ch e n T r a d i t i o n, den Talmud und. die Dezisoren, Exeget Lektor Meier Friedmann, Bibel und Midrasch- Literatur, der Religionsphilosoph Dr. A. Schmiedel, Rabbiner in Wien, die Religionsphtilosophie, der Schriftsteller und Neuzeitredakteur, Simon Szanto, historische Propheten-Exegese, JeMnek, sMer auch fein- Kollege, Dr. M. Güdemann, zMvei.se der Historiker G. Wolfs, R. Jonathan Wolf, dann auch Gäste, wie Leopold L ö w, Oberrabiner in Szegedin und- Jellineks Schüler, wie der Schreiber dieser Zeilen, der Jellinek öfters vertrat, Dr. P. Frankel, Rabbiner in Berlin, Dr. Jul. David, Rabbiner in Preßburg, Rabbiner Dr. Gelbhous und viele andere hielten religionswistenschaftliche Vorträge am Bet ha Midrasch. (Fortsetzung folgt) Ein entdecktes Buch eines jüdischen Alchymisten. Von Wilhelm Rapaport, Przemysl. (Fortsetzung.) Abraham Eleazar liefert uns eine ausführliche Schilderung des Plcches, wo, eine halbe Wegstunde von Jerusalem entfernt, das Geheimnis vom Stein der Weisen „zehn Ellen tief" unter der Erde ruht; doch indem er uns einige Seiten später rückhaltslos in dieselben einweiht, erspart er uns zugleich die Mühe, deshalb Nachforschungen