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Die Wahrheit · 1921-08-04 · Heft 16 (4.8.1921) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 16 (4.8.1921)
Date
1921-08-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Heile IS DiLWahrHei? ___Nr. 1< Schöne Worte. Füvstprimas Dr. Johann Cserno ch äußerte sich am 7. IM einer zu seiner Begrüßung erschienenen jüdischen Deputation gegenüber, daß er stets ein Wortführer und Fürsprecher der Sache des Judentums gewesen, so oft es in Nöten war, daß er stets di^e Eintracht zwischen den Konfessionen gepflegt Hube und! den Judenhaß aus vollere Herzen verurteilte. Ein anderer Würdenträger der katholischen Kirche: der Szombatihelyer Diözesanbffchof Grass Johann Mikes erklärte in Zalalövö der M seiner Begrüßung erschienenen jüdischen Deputation unter anderem: „Der Antisemitismus ist weder christlich, noch national. Es Hab unter Inden und Christen auch solche gegeben, die sich gegen die Ordnung des Vaterlandes und der Geseschaft versündigt haben; ich aber verurteile nicht wegen der Sünden Einzelner die ganze Konfession^ denn auch das Judentum steht auf der Grundlage der zchn Gebote und ich weiß sehr gut, daß die Zer-' stvver schon langst die Religion unter ihren Füßen weggestoßen haben und daß sie nur die abgefallenen, faulen Früchte des Lckenskräftigen Baumes des Judentums gewesen." In Ähnlicher Weise äußerten sich während ihrer Firmurrigsveifen auch der Beszbvemer Bischof Dr. Ferdinand Rotit und' der Waitzarer Bischof Dr. Stephan^ Hanauer, die Hrem V^trauen zum ungarischen glanbeusitreuen Judentum AuÄrruck gaben und ihre Geistlichkeit ermahnten,. Liebe und nicht Haß zu verkünden. Der bekannte reformierte DÄbercener Bischof. Dr. Desider B a l t o z a r, erwiderte in Törökszentmiklos auf die Begrüßung der jüdischen Gemeindedeputiatidn: ..Ich vermag mir die Reorganisierung des Landes ohne Mitwirkung der Juden nicht vorzustellen. Sie find unent-behMche Faktoren der Renaissance, ergänzende Organe des nationalen Körners." Und am 18. Juni röchtte dieser liberale Kirchenfürst bei der Jtchresschlußserer des DebreceNer ref. Kollegiums «m dessen Jünger einte Festansvrache'. in der es unter anderem heißt: „Wer von der Seele der Jugend den Wü ten - staub der Frische entfernt, wer die WM Emvorstreben be- »'»ieNen Hoflnunaen der Zukunft in den Schlamm des AWaaslebens zerrt, wer das Feuer des Zorns und des Bastes dort schürt, wo es des wachstumfördernden stillen Tanes. des blütonöffnenden fausten Sonnenstrables bedürfte, wer rauh unter den zarten Gräsern umbertradvt und bet nvtionerlösenden Seele der Liebe die Seele der GeWaMätilgkeit eiüimpft,' der verrät ein Heiligtum und boaeht ein Sakrikea. . . . Lasten Sie mich an der Dämmerunv ein^s treulosen Jabres die Gesetze der iiber die Erde oeschastenen Ruinen aoillichen Mohrbeiten. der über der Eide lebenden und herrschenden Ideale und der auf Erden, im Leben schovfenden. wirkenden und konservie- TmtTt Liebe als Mabnuna und AneisserUnd verkünden." Mir br^iWen rn di-5an löblichen A«wßevunaen das im Titel dieser Zeilen Gesagte: Schöne Worte. Die hochwürdiaen Herren meinen es rreStrifc lebr aut und ernst. Die Erscheinunaen der uuaarischen Realwelt zeiaen iedoch. daß di» bochwürdiaeN Herren noch inttn^r Prediger in der Mülte sind und daß sie von den Finsterlingen oenau so unaereindet warben, wie die vatrivtstch emvsindenden J,rd-n von den Jüdi-schnatianolen. die mit .dem Brandmal dps Astimi-lairtentums fluns znr Hand sind. Rüsten uud Juden. Das kolossale LändergebiÄ, über das der Zar aller Neusten die Knute als Szepter schwang, ist von unsagbarem Elend heimgesncht. Was Ar den meisten Goiwernements nicht dem Hunger zum Opfeir fällt, mfft die Cholera hin. In diesem Inferno, entsHNcher als es die Phantasie eines Dante schildern konnke, wütet als dritte der Gottesgeiißeln >der Krieg. Eine MiMonenflucht von Bauern und Arbeitern greift um sich. 'Sibirien, einst Inbegriff der Hölle, erscheint diesen Unglücklichen als Paradies, das zu. erreichen die Völkerwanderung des Elends anstvebt. Von unaussprechlichem Jammer ist bW Süden und Osten des „heiligen Rußland" erfüllt. Hilferufe gehen an die ganze zivilisierte alte und neue Welt hinaus. Gorki hat seinen Notschrei Mächtig ergreifend binausgeschickt. Er wird seine Wirkung nicht verfehlen. Es ailt aber ein Usbermaß des Elends, dem die hilfsbereite Menschenliebe nicht steuern kann. Und so muß man fürchten, daß die russische Riesenkätastvophe der heiße Stern bleibt, auf dem bme Tropfen des Beistandes wirkungslos vermischen. Hier begegnen wir einem Elementarereiamste gleich einem Präriiebrand, der nur in sich selbst erlöschen kann. Gewiß, unmeßlich groß ist das allrussische Leid'. Indem wir dieses verzeichnen, müflen wir eines anderen, nicht minder entsetzlichen gedenken, das aber nicht von blindwütigem Walten der Natur, sondern von der Menschen Bosheit und Blutgier ausgM und d>as ebenso kM Vemleichmaß in der Geschichte hat. Das sind die Judenschlächtereien auf flavischem Baden. Herr K o ldowsk i, ein Vertrauensmann des I. D. K. hctt Einsicht getrommen in das kannibalische Wüten der Pogromheilden. Er hat eine geoarapWche „Karte der Pogrome" gezeichnet, und mit statistischen Daten belegt, d'ke jedes Mlende Herz erzittern lasten: „Es gibt Städte, die viele Tausende ihrer Bürger zu beklagen haben." Noch herzzerreißender ist das Schicksal der am Leben Gebliebenen. KoldowM war Augenzeuge von Szenen so. entsetzlich und schauderhast, dgß es einen -eiskalt überläuft, Wenn man bloß daran denkt. Menschliche Gebeine liegen auf den Straßen herum. Wagen fahren herum, mitleidige Leute sammeln die verstümmelten Köperteile, die -einst Menschen gehört haben, Menschen, die lebten, dachten und nun auf fo tragffche Art «aus dem Leben schieden. Petljura urw DenMn haben sich nm die Wette darum beworben, einandier m diesen Kulturtaten zu übertreffen. Petluras Bauden haben mit 54, DenMns Armee hat mit 93 Pogromen den Rekord geschlagen. Außerdem haben verschiedene namenlose Banden 509 Pogrome auf die jüdische Bevölkerung in allen Derlen Rußlands veranstaltet. Daß auch das Los der Mit heilen Gliedern Davongekommenen kein beneidenswertes sei, kann man sich leicht denken. Entwurzelte Existenzen, ohne jeden Halt, ohne Basis zu einem Beruf, junge Mädchen und Knaben, dem zartesten Kindesalker kaum entwachsen, die noch dringend der Obhut' bedürfen, werfen sich auf Verdienstzweige. die zu der Erwartung nicht «berechtigen, daß aus diesen Unglücklichen einst nützliche Mitglieder der jüdischen Gesellschaft werden. In A-stbotracht besten, daß bei den Pogromen 150.000 Juden ihr Leben gelasten haben, selbe fast so viele Witwen und beinahe 200.000 Waisen hiNt-erlasien haben, kann man sich ungefähr einen BegMs von dem wirtschaftlichen Ruin Machen, der jeder Schilderung spottet. Hilfe! sofortige, keinen Aufschub leidende Hilfe, tut dringend not! Und die kann nur von den anderen Länder kommen. Außer ~ den Pogromopfevn aus der Ukraine, ist eine ebensolche Zahl Unglücklicher infolge! der Pogrome in Weißrußland. ,die ebenso hungern und leiden. In den primitiven Asylheimen, die in? aller Eile erdichtet würden, herrschen Zustände, die jedem Begriff von Hygiene und Reinlichkeit Hohn sprechen. Daß da Epidemien und' verschiedene Krankheiten wie Pilze aus d'er Erd'e wachsen, ist doch schr begreiflich. Ein großer Mangel an Medikamenten trägt nicht dazu frei, dem Uebel abzuhelfen. Es gilt

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