Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1921-08-04 · Heft 16 (4.8.1921) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 16 (4.8.1921)
Date
1921-08-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063903-3063919--11393-3078794
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 10 Die Wahrheil Nr. 16 oder solches sMschivoigenü zu. billigen, vor dem wir als einem der leidenvollsten aller Böller eher unser Knie beugen müßten und unsere Lippen reinigen, bevor wir seinen Namen ausspvechen, wie einer der Dichter dieses Volkes, ein armer, jüdischer Schneidergeselle, gesagt hat. Statt dessen sehen wir ein angeblich gesittetes, ja, sich christlich nennendes oder auch gläubiges Volk wie Indianer das Kriegsbeil schwingen, um die Inden zu skalpieren, weil sie, sie Mein, sonst kein Christ, kein Deutscher, kein Patriot, kern Stinnes und kein Krupp, ans Gelderwerb versessen seien -mit allen Sinnen, wahrend diese Christen, Deutschs Patrioten, -Stinnes und Krupps franziskanische Armut suchen, den Nächsten lieben, das Gewand der Buße tragen und sich in Demut vor Gott beugen — welch ein Schauspiel, diese 60 MMonen Deutsche,, Patrioten und Christen und nichts als armselige Knechte Gottes, von einer halben Million Juden, nichts als reichen Juden, in Sklavenketten gehalten -und znm Satansdienst des Geldes gegen ihren Willen gezwungen!" Gott schütze fie vor ihren BeMtzern! Die polnische Regierung hat eine Aktion bei der ungarischen- Regierung unternommen, zugunsten der in den ungarischen Internierungslagern'sich befindlichen Juden, die polnische Staatsbürger sind. Der polnische Konsul in Budapest hat das Internierungslager in Zalaegevsczeg besucht, wo 1300 Personen interniert sind, darunter 113 polnische Staatsbürger, bis auf zwei alles Juden. Im Lager von- Pilisczaba befinden sich 96 polnische Bürger, davon 95 Juden. Ein Teil der Internierten, deren polnische Staatsangchörigkeit festgestellt ist, wurde bereits aus Verwendung des polnischen Konsuls in ihre Wohnorte in Polen heimgeschickt, während wegen der übrigen die Untersuchung über die Feststellung ihrer polnischen Staatsbürgerschaft noch fortgesetzt wird. Vevgegemvüüigt man sich, wie es den polnischen Staatsbürgern Mischen Glaubens in -ihrer pögromveichen, sogenannten Heimat geht, dann hat es den Anschein, daß die Verfolgten -und -Gehetzten vom Regen in die Traufe kamen. Intelligenzler. Mm weiß wirKich nicht, wem man den Vorzug geben soll. Unlängst haben wir berichtet, wie radikal die Berliner Studenten deutschnationaler Schattievung bei BenrteÄung -des „Juden" Rabindranath Tagvre vorgegangen sind. Jetzt W^en Berichte über den deutschen StMententag in Erlangen vor, auf dem es zu großen Streitigkeiten zwffchen unseren deutschvsterreichischen antisemitischen Studentenausschüssen, die ans keinen FM Nichtaürer aufnehmen wollen, und den humaner gestmrMen Deutschen kam. Der Antrag, auch in Deutschösterreich das Rassenprinzip durch das StaatsprinAip zu ersetzen, wache mA 148 gegen 29 Stimmen «abgÄchnt; der gegenteilige Antrag aus Graz erlangte dagegen eine Mehrheit, jedoch nicht die notwendige Zweidvitttelmehrheit. Der Kamps führte schließlich dazu, daß nur noch eine lockere Gemeinschaft Wäschen den österreichischen und deutschen Studentengruppen bestchen bleiben wird. Man sicht also, gleiche Brüder, gleiche Kappen, wenn sie sich auch vor der OejsfentMchkeit, um ihre Würde p zeigen, herumschlagen. Das aber zu tun, was das Gesündeste wäre, fällt diesen hochgeLahrten Herren nicht «iin. Wir meinen darunter die imbäängt notwendige Verständigung. Hiezu ist es interessant, die Meinung des in der ganzen Welt bekannten Präsidenten der tschecho-fiowcMschen Republik, Th. G. M a s a r y k zu hören. Dieser sagt in feiner Besprechung von Renans „Le Judaisme comme race ef comme religion“ (Das ‘ Judentum als Rasse und Religion) folgendes: „Renan berührt die Judenfvage, besser gesagt den Antisemitismus, nur indirekt und zaghaft. Dabei führt er, wie es scheint-, den Beweis, daß die Juden eine gemischte Rasse seien, hauptsächlich deshalb, um zu ihren Gunsten zu sprechen. Nun kann der bestehende Zwist nicht aus der Welt geschafft werden, weit er aus Verschiedenheit von Charatt-eren beruht und weil -der Haß der Völker nicht danach frägt, ob der Gegner reines Blnt besitze oder nicht. Darum sollen wir beide, Arier -und Semiten, erkennen, was uns von einander trennt, welche Eigenschaften uns gegenseitig widerlich sind. Sobald wir unsere Fehler und Ämngel -erkannt haben, sollen wir uns «bemühen, jenes Bindeglied zu suchen, das bisher nicht gesunden wurde. Nur em aufrichtiges beiderseitiges Studium dieses sozialen Rätsels wird uns die Mittel zur Heilung der drohenden gesellschaftlichen Krankheit zeigen; will ein Kranker gesund werden, so darf er seine Krankheit dem Arzte nicht verheimlichen." Das hat tun freilich nur -ein „Tschech" gesagt, daher müssen Deutschbewußte seine Ratschläge nicht beherzigen. Noch dazu ist Th. G. Masaryk, der nach der - Meinung der Deutschnationalen sicher geistesgestört ist, Republikaner, ein Grund mehr, daß diejenigen, die nur das „Heil dir im Siegerkranz!" brüllen können, diese beheoMenswerten Worte als * tpm Belangen deutscher Würde" nicht entsprechend in den Wind schlagen. Schweinerei. Mit einem gelinderen Ausdruck können mir die Sache nicht bezeichnen und das Folgende lvird uns hoffentlich recht geben. Wir müssen aus die im Fri'chjahr erfolgte oberschlesische Volksabstimmung zurückgrechen, an der sich die dortigen Juden tatkräftigst det-eiligten. Damals schrieb unser Korrespondent in Vorahnung der Dinge, die kommen könnten, zum Schluß seines Berichtes: „Sollten gewisse Kreise nach Tisch wieder airders lej-m und auch die Abstimmung i>n Obeirfchlesien, dieses glänzende Denkmal deutscher Heimatliebe, znm Ausgangspunkt für Judenhetzen wählen wollen, so sei die Schändlichkeit dieses bübischen Treibens, das dem deutschen Volke den Rest von Kredit im Auslande zu rauben geeignet ist, schon heute an den Pranger gestellt und -der Verachtung preisgegeben, die es verdient!" Seine Ahnungen waren nach dem Vorhergegaugenen ebenso berechtigt wie begründet. Weigerten sich doch einige (alldeutsche) Verbände, die sich mit der Durchführung der. Wstimmungsaktion befaßten, Juden in die Leitung auszunehmen, wenn sie auch als Stimmvieh gnädigst geduldetwurden. Dies allein gab schon einen Vorgeschmack der großdeutschen politischen Perfidie. Daß sie aber so bald und so kraß in Erscheinung treten werde, wie es geschehen, war doch nicht zu erwarten. Man -schreibt nämlich der „Allg. Zeitung des Judentums" vom 15. Juli aus Breslau: Me judenfeindlichen Kundgebungen «innerhalb -des Oberschlestschon Selbstschutzes sowie die dauernden antisemitischen Anrempeleien,' denen sich die jüdische Bevölkerung besonders in den letzten Monaten «ausgesetzt sah, ohne daß von berufener Seite eingegrkffen wurde, hatte den Zentralverein und den- Breslauer Bund jüdischer Frontsoldaten -veranlaßt, beim Reichskanzler Dr. Wirth während feiner Anwesenheit iu Breslau um eine Unterredung nachzusuchen. Als Vertreter der Vereine erschienen Herr Rechtsanwalt Dr. Foerder und Herr Dr. Ernst Frankel. Rechtsanwalt F. legte in prägn-anter, sachlicher Form unsere Klagen Wer das Vorgehen eines großen Teiles des Deutschen Selbstschutzes gegen Juden, insbesondere auch gegen Ostjuden, dar, unter Bennenung von mehr als ein Dutzend Einzetfällen, iin denen gröbliA Beleidigungen, -ja sogar Mißhandlungen -vorgekommen waren. Auf besonderen Wunsch.des Reichskanzlers-wurde ihm von Rechtsanwalt Dr. Foerber das ganze verfügbare.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.