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Die Wahrheit · 1921-08-04 · Heft 16 (4.8.1921) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 16 (4.8.1921)
Date
1921-08-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Gelte 4 ♦!) ■! H 1 1 i ij. 4>ie Äahrheil Är. 16 gegenübertrsten und werden zu neuen Entschlüssen zu kommen haben. Je resoluter sie daS tun, umso ehrenvoller für sie, und umso nutzbringender für die Gesamtheit des Judentums. Die Judensvage im Osten — ich muß es nochmals hervorheben — ist so bedrohlich, daß jeder Schritt aus dem jüdischen Unfrieden heraus von unmittelbarem Segen sein wird. Die Lage unseres eigenen deutschen Vaterlandes ist gleichfalls so düster, daß wir deutschen Juden unsere Kräfte zugleich für deutsche Aufgaben auf das äußerste anzuspannen haben und dem aufreizenden leeren Luxus eines Kampfeuntereinander um Phantome, die außerhalb der Verwirklichung liegen, sollten wir entsagen. Oberrabbiner Dr. Adolf Jellinetr. Von Rabbiner Dr. D. Leimdörfer, Hamburg. Ei« Säkular-Deukmal. „Größer als mein Lehrer ist unser Lehrer und größer als dieser ist sein Name." Dieses Talmudlob darf unserem gewaltigen genialen Meister gelten, dessen 100. Geburtstag am 26. Juni 1921 gewesen ist. Der größte Wortführer der Wiener Jsraelgemeinde, mein unsterblicher Lchrer, desien Hochschule Bet ha- Midrasch und noch mehr, dessen Studierzimmer meine cheologische Alma roater gewesen, Adolf Jellinek hochseligen Andenkens, ist ein Meister der Gesaurtsüd^nheit geworden, denn kaum gibt es im Okzident einen Geistlichen, der nicht von ihm belehrt oder beeinflußt, die Lehre der Wahrheit auf der jüdischen Kanzel der Neuzeit verkündet. Aber größer als m e i n und u n s e r Rabbi ist sein Name. Der Name Jellinek bedeutet diel mchr. Er ist der Vertreter wissenschaftlicher Forschung der heiligen Schrift und der rabbinischen Literatur in Bezug auf deren Anwendung im Einzel- und-Gesamtleben des Judentums. Ein zündender Interpret der Wahrheit unserer Propheten, der Poesie unserer P s a l m i st e n, der Dankbarkeit unserer W e i s e n, insbesondere derer, die auf «dem Gebiet der A g a d a, des M idrasch, d. h. Auslegung und Erläuterung der heiligen Schrift, «dem menschlichen und jüdischen fühlenden Herzen Gott und seine Echik nahe gebracht und die Heiligung des göttlichen Namens in den Mittelpunkt des Geifteswaltens innerhalb mtd außerhalb unseres Bekenntnisses gestellt hat. Der Name Jellinek schwebt nicht nur auf den Lippen der Millionen, die ihn gehört und gelesen haben, die sich ihm zum Mentor in der Seelsovgewirksamkeit erkoren und zur Richtschnur und Vorbild gedankenreicher und formvollendeter Redekunst, er lebt nicht nur in seiner Gemeinde fort, er wirkt durch seine Werke und gelehrte Schöpfungen fort, die Nachwelt bildend erziehend und veredelnd wie einst seine Mitwelt. Aber Erkennen und Verstehen der Genien unseres Volkes ist vielfach verloren gegangen und damit stellte sich eine ertötende Gedächtnisschwäche ein, die eines Elixers der Neubülebung bedarf. Solchem möchte.diese Skizze dienen. Skizze, keine Biographie, die viel Zeit und Raum beansprucht und viel Studien erfv'rdert. Vor 18 Jahren plante ich eine Biographie meines väterlichen Freundes Jellinek, mein Plan scheiterte an der Zurückhaltung der FamMenPapiere seitens des Hosrates Georg Jellinek, Professor des römischen Rechtes, Heidelberg. Dieser hiett im Aufträge unseres Senats sechs juristische Vorträge am hiesigen Wilhelm¬ «s« F-E.« nva Lebenserinnerungen bas DbertantocS M. S. Wcitz ,«chabs» wrltz). Ausgezeichnet von Max Weiß. <r!svr.f.tzm.g- Damals gab es in Rußland einen in allen Gemeinden bekannten Kantor, „Jerichm", wegen seiner kleinen Figur ,Herichim haLotann" (der Kleine) genannt. Seine Kapazität als Kantor war so hervorragend, daß die Gemeinde, in der er wirkte, mit Ausnahme der Feiertage, ihm es freistellte, das ganze Jahr über in anderen Städten zu „gastieren", was sie sich zur Ehre rechnete. Dieser Mann machte auch in der Tat ausaivbigen Gebrauch von seinen Konzessionen und sein Ruf verbreitete sich rasch über ganz Rußland. Ueberall wurde er mit offene« Armen empfangen. Was er bot, war auch enorm. Der Gottesdienst ward zum Konzert. Ein Samstag- Musiaph (Dormittagsgebet), sonst eine Stunde während, dauerte drei bis vier Stunden. Zu diesem Anlaß wurden Eintrittskarte« in den Tempel verkauft, von deren Erträgnis der Kantor seine Regie, die nicht unbedeutend war, da er 18 bis 20 Personen an Chorpersonal mit sich führte, decken mußte. Daß solche herumreisende Priester nicht wenig verdienten, weiß ich aus eigener Erfahrung. Trotzdem hatten fast alle, att geworden, Rot zu leiden, da sie insgesamt selbstlos waren, das Geld nicht schätzten, sondern was sie selbst nicht benöttgten, als minderwertiges Objekt, womit Bedürftigen geholfen werden kann, betrachteten. Ost habe ich solche Wundermenschen gesehen, wie sie, nachdem sie den eigenen Wochenbedarf berechnet hatten, den Rest ihrer Barschaft, meist nicht unbeträchtliche Summen (30 bis 40, oft auch 80 und 100 Rubel), Donnerstag oder Freitag früh an Arme, die sich an diesen Tagen massenhaft vor dem Tempel versammelten, verteilten. Erübrigt noch einiges über die kulturelle, beziehungsweise literarische Bedeutung dieser Männer anzuführen. Durchwegs waren diese Leute wahre Phänomene. Theoretischen Unterricht hatten die wenigsten in der Musik genossen und doch komponierten sie Kompositionen, die zwar nicht immer mit Harmonielehre und Komposition zu vereinbaren sind, aär ungeachtet dessen eine unerschöpfliche Quelle von Melodien repräsentierten. Abgesehen davon, übertrafen sie im eigenen, Vortrag an musikalischen Gedanken noch all 'den Melodienreichtum. Ich kann sie in dieser Hinsicht nur mit dem griechischen Rapsodien oder den dmrtschen „Spielmännern", diesen Stehgreisdichtern, vergleichen und sie, die oft stundenlang erhabenste Melodien phantasierten und deren Quell niemals zu versiegen schien, sind würdig, diesen klassischen Naturdichtern als ebenso klassische Natursanger zugesellt zu werden. Meines Erachtens sind sie der Mischen Kulturgeschichte ebensoviel wert, als Rapsodien der griechischen und „Spielmänner" der deutschen. Ich benützte die Gelegenheit, zu diesem Künstler zu gehen. Es reizte mich in mster Linie wieder Neues zu lernen, dann auch in der Welt herumzuLornmen. Ungefähr sechs Monate reiste ich als angesehener „Star" mit diesem Kantor. Nun fanden sich in diesem Chore tner erwachsene Sänger, die moderner dachte«, ihrer Talents sich bewußt C5B

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