Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 15 (21.7.1921)
- Date
- 1921-07-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063903-3063918--11374-3078774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wahrheiten vom Tage Bjj| RachtvoHteLrmg in der Wiener Kuttusstübe. Im Sinne der modernen Strömung, für das Unterhaltung sbesürsms der Wiener Gesellschaft Nachtvorstellungen einzuführen, weil die normalen Abendvorstellungen deni Sensationsbedürfnis der blasierten Menge nicht mehr genügen, wurde auch Mittwoch, den 6. d. M., im Sitzungssaale. der Wiener israelitischen KulUls gemeinde eine derartige Nachtvorstellung, fedoch mit vertauschten Rollen gegeben. Aus dem Nachtprogramm stand ein Dringlichkeitsantrag der Jüdischnationalen zur schleunigen Durchführung. der Wahlreform. Vorurteilsfreie Beobachter der sich abspielenden Szenen waren zu dein Eindruck gekommen, daß eigentlich beide Parteien prinzipiell zur Nachgiebigkeit neigten, wie dies einschlägige Versuche in dieser kritischen Nacht bewahrheitet haben. Schon die erste Nummer, Dr. Ehr l i ch, machte sich! durch die Einbringung seines Protestes gegen die Majorität auffallend bemerkbar, wenn er auch noch nicht jene grotesken Ausdruckßformen gefunden hatte, welche die später auftretenden Kräfte an den Tag, d. h. an die . Nacht legten. Dr. Ehrlich begnügte sich nämlich, die Notwendigkeit des aktiven Wahlrechtes aller Angehörigen der Wiener Kultusgemeinde ohne Unterschied des Geschlechtes zu betonen, sofern sie -am Tage der Wahlausschreibung das gesetzlich vorgeschriebene Lebensalter Erreicht und .an diesem Tage seit mindestens sechs Monaten in Wien wohnen. Auch Dr. P l as ch k es, dem bei seiner einstündigen Rede ein starker Lacherfolg nicht bestritten werden soll, hielt sich bei seinem Vorträge im Rahmen des parlamentarisch Zulässigen. Der ehemalige Vizepräsident Dr. F r ie d m a n n, ein sehr begabter, interessanter Redner, bestritt den Löwenanteil der Obstruktion durch die unmöglichsten Vorlesungen des unglaublichsten Väaterials und unterhielt sich mit seinem Nachbarn, Regierungsrat Taussig, cur welcher Unterhaltung Mmähüch die ganze Partei teilnahm. Auf diese Weise wurde dem Obstruktionszwecke, weitere zwei Stunden totzuschlagen, entsprochen. Natürlich fehlte es auch nicht an den bei solchen Anläßen unvermeidlichen Zwischenrufen, die meist sehr gelungen waren. Besonders belacht wurde das Wortspiel, das Dr. Plaschkes vom Glück- und Pickfpiel in die Versammlung warf, — es präsidierte nämlich stM des erkrankten Prosesior Dr. P ick Vizepräsident I. G l ü ck, — und wurde von einer Stimme der Majorität die Bemerkung laut, daß bei diesem Glücksspiel die Jüdischnationalen nicht gewinnen werden. Nach einer kurzen Pause entwickelte sich programmgemäß der bunte Teil der Vorstellung. Dr. Auerba ch, erprobte sich als ein ganz'ausgezeichneter Humorist, wenn sein Vorttag auch auf das religiöse Gebiet hinüberspielte. Er kommentierte nämlich sämtliche jüdische Fest- und Feiertage vom Pessach bis Chanukcch mit weitläufigen Stellen aus der Hagadah und dein Talmud, und schlug aus diese Weise weitere anderthalb Stunden tot. Dr. Schallit brauchte eine volle Stunde, nur die Entwicklung des Zionismus, das Verhalten der jüdischen Hochschuljugend, der Knltusgemeiude mrd der österr.-israelitischen Union während der letzten Jahrzehnte zu charakterisieren, was er neckisch eine ttttze Einleitung nannte, nach welcher er in das Meritvrische der Sache einging. Er begann damit, daß er sagte, wenn ein Fremder zu dieser vorgeschrittenen Morgenstunde in den Swall käme, müßte er rufen, worauf sein eigener Parteigenosse Dr. Friedmann mit döm raschen Zwischenrufe „M i e s soll E u ch w e rd e n!" eine achgemeilne Lachsalve entfesselte, die den Redner vergessen ließ, was der fabelhafte Fremde eigentlich gesagt hätte. Es ist sehr zu bedauern, daß dieses überaus wichtige Intermezzo nicht protokollarisch verewigt wurde. Nachdem Herr Pinkas auf das Wort wegen Unpäßlichkeit verzichtete, erklärte Herr Markus, selbst unpäßlich zu sein, und sich deshalb kurz fassen zu wollen, und sprach darum wenig, aber fachlich. Durch diese Umstände wurde einige Zeit gewonnen, was vielleicht als einziger Gewinn der Versammlung zu büchen ist. Nach Austerlitz, einem gleichfalls sehr bemerkenswerten Zeitvertrödler, sprach Direktor Eppler , der einigermaßen aus dem Programm fiel, weil er die Erklärung gab, er wolle keine Obsttuktionsrede halten, und den Wunsch äußerte, was einige Redner vor ihm betonten, es inöge schließlich durch gegenseitige Nachgiebigkeit, die so notwendige Verständigung geschaffen werden. In Regierungsmt T a u s s i g erblickten wir eigentlich den Clou der Vorstellung wegen seines ttockenen Humors, durch «den er bei Verlesung der Statuten «die Lacher auf seine Seite brachte. Die Paragraphe des Wahlstatuts Wort für Wort glossierend kam er bis zum. § 4, in welchem Augenblicke Direktor Herzog von der Majoritätin den Saal kani. Regierungsrat Taussig erklärte ironisch, er wolle itu Entgegenkommen für den Wiiedererschrenenen -seinen Vortrag aufs neue aufnchmen und begann dasselbe Spiel in der vorigen Weise. Einstweilen graute sich der Morgen vor diesem Schauspiele und die Uhr zeigte die vierte Stunde, worüber sich ein Obstruktion,sstreit entwickelte, ob diese merkwürdige' Sitzung vom 6. oder 7v zu datieren sek. Nach einer neunstündigen „Arbeitszeit", der-es-an erheiternden Momenten Uicht '-fehfte, fühlte sich die Majorität so erschöpft, daß sw sich korporativ entfernte und den Präsidenten von diesem Auszug schriftlich verständigte, worauf dieser die Versammlung als beschlußunfäig erklärte. Ing. «Stricker, »der äusMoren War, bis zum Schiacharisgebet -die Zeit auszufüllen, entschädigte 'seine Zuhörer durch Einbringung einer Erklärung, daß er im Sinne der Geschäftsordnung die Sitzung nur als vertagt bettachten könne, was irr uns die frohe Hoffnung erweckt, daß wir noch einige solcher ergötzlicher, aber höchst ermüdender Nachtsitzuingen genießen werden. Es wäre jedenfalls interessant anszuvechnen, welche Summen die Regien dieser denkwüMgen Nachtvorstellung verschlungen haben, was die taghell erleuchteten Raume des Sitzungssaales und der angrenzenden Gemächer vom frichen Abend bis zum frühen Morgen gekostet hüben, welche Entschädigung die fungierenden Stenographen u-rid die zu einer Extraleistung herantzezogerren Diener erhalten haben. Ebenso interessant Wäre «es, die rnoralischen Nachteile festzustellen, welche aus der ermüdenden Tätigkeit der Sekretäre und Beamten für den normalen Dienst des nächsten und zweitnächsten Tages erwuchsen, und welche Beträge für die Erfrischungen aufgewendet wurden, für die die Anwesenden gleich den Besuchern eines Varii«ett6lokales auszukommeu hatten, wobei die Qualität der konsumierten Nahrungsmittel, soweit nrau dies bei den Dienern beobachten konnte, den Satzungen des Rituellen in diesem Hause Hohn gesprochen hüben. Sir Herbert Samuel ist kein Wttizwuist. Dieses ehrenretteUde Zeugnis wurde dem vielgeschmähten Manne gelegentlich der Sitzung des zionistischen MtionIkomitves in Prag durch den bskannteu So «ko low «MsWftM,