Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 15 (21.7.1921)
- Date
- 1921-07-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3062972-3063903-3063918--11373-3078773- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 15 Die Wahrheit Seite 7 Der Wiederaufbau unseres großen, prächtigenLeopbldstädter Gemei-ndetempels geht jetzt seiner Vollendung entgegen. Falls Mb H i n d e r n i s eintvitt, kann er bis zu den Jomien nan.roinl wieder geibrauchsfähig werden. Nur fehlt es noch an der Innendekoration und — an etlichen Millionen, deren Ausbleiben ein solches Hind e rnis bilden, die Fortführung und pünktliche Vollendung des Baues hintanh alten könnte. Wie, weriu man nun beides kombinierte! Wenn man den Glücklichen, die ims diese noch fehlenden Millionen stiften wollen, die Aussicht böte, zum Dank für ihre Spende, ihren Namen oder den ihrer Eltern im neuerstandenen Tempel von der Wand leuchten zu scheu! Wir glauben, daß dem Andenken teurer Abgeschiedener mit dieser Art «der Ehrung besser gedient wäre, als mit noch so prunkvollen Denkmälern aus dem Friedhof. Wer liest Grabschrrften, wenn nicht die Nächstbeteitigten? Und wie selten kommen selbst die dazu! Im Gotteshaus würde aber durch einen solchen Akt der Pietät die Verbindung mit den Verklärten rege, ihr Geist würde in unserer Mitte lebendig bleiben. Deshalb empfehle^' wir allen, die Herz und Hand für unseren Tempel haben: Sichert Euch oder Euren Angehörigen ein Denkmal an der Wand unseres Gotteshauses! Sorget so für -den schönsten Tempelschmuck! Dr. G. Jüdische Motive in der Weltliteratur. 8dl Beitrag zur vergleichenden Literaturkunde. Von einem Rabbiner. Alle Rechte Vorbehalten. (Fortsetzung) In beiden Szenen ein von rasender Eisersucht gepeinigter Träger der 'Krone, der zwischen seinen vier Wänden von Spähern sich umgeben sicht, mit denen diejenige, die Reich und Krone mit chm teilt, zu konspirieren scheint. In beiden Szenen der seelische Konflikt bis aufs höchste gespannt durch den Argwohn der königlichen Ehegatten; hier Llhasverus', dortPhilipp's. Auch im Esther-Fragment Grillparzers 3. Aufzug drängt sich eine offenkundige Uebereinstimmung mit der Agadah auf. Er läßt die Warnung Mardochais an Ahasverus vor den zwei Verrätern Brgthan und Theres, die dem Kargo nach dem Leben trachten, durch einen Zettel Mardochais an den 'König tibermitteln: König (zieht sich zurück): Vielleicht war's jener Ohrenbläser einer, Vor allen mir verhaßt in jeder Zeit, Die ihren eigenes Haß, die eigene Rachsucht Verkleiden ins Gewand der Dienstbeflissenheit: Angeber nennt man sie und teilt die Schmach Gleich zwischen den, der spricht und den, der horcht, Vielleicht ein solch verworfenes Insekt — Er liest: „Die Königin Vafthi spinnt geheimen Anschlag Mit einem Theres, der des Königs Mundschenk, Drum sei gewarnt." Und unten: „Mardochai" . . . - Im Sinne Grillparzers ist es also Waschti, die gemeinsam mit Theres geheime Rachepläne gegen den König Ahasverus sinnt. Und so stehen wir merkwürdigerweise auch hier vor der rätselhaften Tatsache, daß der Gedanke einer geheimen Palastrevolution, der auch in der jüdischen Tradition sich findet, chren Weg zu Franz Grillparzer, ö dem deutschen Dramatiker, gefunden hat. Denn dieses Motiv der Verschwörung Bigthans und Theres' gegen das Leben des Königs variiert auch die Agadah ebenso szenenreich im Zusammenhang mit Waschtis Sturz. Auch hier müssen BiWan und Theres dem Mardochai und Waschti der Esther weichen. (Jalknt Esther, s. v. Waje'hav hamelech und bajamin haheim.) Auch Pros. Dr. S. S t e r n in seinem Dramalog: „In jener Nacht wich der Schlaf vom König" (Freie jüd. Lehrerstimme, II, 11 u. 12) verwendet das Motiv der schlaflosen Nacht des Königs, den das „Morgenrot" noch verzweiflungsvoll findet, zur Lösung des dramatischen Knotens. (Vgl. S. L u b l i n s k i: „Jüdische Charaktere bei Grillparzer, Hebbel und Otto Ludwig." Berlin 1899.) (In Pararühdse fei hier auf eine ähnliche Dramatisierung des Pharaonischen Traumes im Midr. Per. r. s. v. Watipaim hingewresen.) Nach Srmchowitz: „Die Inden auf dem Theater." (Oesterveichische Wochenschrift 1914, Nr. 17) gelangte Grillparzers Escher-Fragment nicht über drei Akte hinaus, weil er wahrscheinlich ,/den dramatischen 'Konflikt nicht weiter entwickeln konnte". Aber wie dem auch sei, wie erklärt sich das Vorhandensein dieses, wie wir geschvn, in der jüdischen Agadah heimischen Motiv es der schlummerlosen Nacht, der Eifersucht und des Argwohns bei klassischen deutschen Dichtern, wie. S ch UI e i* und Grillparzer? Daß mancherlei orientalische Motive die deutsche Literatur beieinflußten, braucht nicht erst betont zu werdeu. Ein flüchtiger Exkurs mag dies illustrieren: Dankt doch bekanntlich Lessings Fabel von den drei Ringen ihren Ursprung einer arabischen Legende, die, wile Sylvester de S a e y nachweist, auf dem Umweg über Boccacios D ecam eronezu Lessing gelangte (s. Landau, Quellen des Decamerone, Wien 1869). Anwendungen von jüdischen Motiven in der deutschen Literatur liegen auch sonst zahlreich vor, so bildet, um nur einige der bekanntesten hierauszugreifen, die bekannte Rückertsche „Parabel": „Es ging ein Mann im Syrerland" nur die getreue Paraphrase einer Legende aus dem Werke Eben bochSn von R. Kalonymos b. Kalonymos (Suilzbach 1705 s. I. Ehr. Wolf: Bibliotheea hebraica Nr. 1892); nur mit der geringen Modifikation, daß hier das Motiv Löwen und Schlangen und zwei Wiesel sind, statt «der 2 wurzelbenagenden Mäuse bei Rückert. — Öfter „Die Wanderung der Portiasage" durch die Mohri- und Socotrispvache (s. D. H, Müller: Die Mohri- und Socotrisprache, 1902—1907). — Ebenso findet sich das Motiv der Sage von Hero und Leander in einem Lied auf „Sabbat zu Nacht" (s. Grünbaum: „Die jüdisch-deutsche Literatur" bei Muter und Wünsche, Die jüdische Literatur seit Abschluß des Kanons, 3. Bd., S. 584); nur bildet hier die Stelle des Hellespom der „rauschende Nil". — In Goethes „Faust", I. Teil, „Walpurgisnacht" lesen wir: Faust: Wer ist beim das? Meph.: Betrachte sie genau! Lilith ist das. Faust: Wer ist denn das? Meph.: Adams erste Frau, Nimm Dich in Acht vor ihren schönen Haaren, Vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt! Wenn sie damit den jungen Mann eriktnsgt, So läßt sie ihn sobald nicht wieder fahren. (Fortsetzung folgt.)