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Die Wahrheit · 1921-07-21 · Heft 15 (21.7.1921) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 15 (21.7.1921)
Date
1921-07-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 18 duvchsühren, hat den allgemeinen Beifall unserer stets znnchmenden Freunde gchunden, die fraglos den Vergleich mit einigen kritischen Unionanhängern — nomina sunt odiosa — aushalten werden. Es mag dem Artikelschrsiber zur Beruhigung und Aufklärung dienen, daß wir einen großen Teil seiner eigenen Partei nÄ^ nur platonisch für uns haben, sondern daß auch einige sehr bedeutende Männer aus diesen Reihen zu unseren angesehenen und treuen MNrrbeiteM zählen. Von Politik ist wÄer in unserem Programm, noch auf dem Kopf der „Wahrheit" etwas enthalten, die sich als Zeitschrift fürjüdische Interessen gibt und solche bisher klaglos vertreten hat und, so Gott will, auch weiter vertreten wird. Uns stcht eben das religiöse'Moment höher als jedes poli- Bliebe noch zu verantworten, weshalb wir die Erscheinungen des jüdischen Vereins- und Rituallebens sorgfältig verzeichnen, wenn dies nicht schon ans dem unmittelbar Vorhergesagten durchleuchten würde. Denn wir vertreten die Ansicht, daß nur aus der Plattform der Religionsgemeinschaft alle Juden sich zusammenfinden Wörden, uM auch! ihre Interessengemeinschaft solcherart wirksam vertreten zu können. Aus diesem Grunde widmen wir den kulturellen und den jüdisch-familiären Vorgängen einen so 'breiten Raum und bedauern, daß dies aus Gründen, die der Verfasser selbst berührt hat, nicht in größerem Ausmaße und in kürzeren Zeiträumen als bisher geschehen kann. Es wäre sogar 'bei diesem Anlässe auch zu bemerken, daß nach dresvrRichtung h>in bisher nicht gründlicher und intensiver gearbeitet wurde, weil dadurch inancher schöner moralischer Erfolg erzielt worden wäre, der einem jüdischem FamiüeMafte erreichbarer ist als einem politischen Kampf- und Sreitorgan. Darüber besteht kein Zweifel, daß die Wiener Tempelvereine der KonzenKationspnnkt des jüdischen Familienlebens und die Vollstrecker der Ausgaben der Kultusgemeinde sind und aus diesem Grunde muß den Absichten dieser Vereine der weiteste Spielraum geboten werden, in viel weiterem Vkaße, als uns dies zur Zeit möglich ist, jedoch von uns angestrebt wird. Ja, die Bedeutung der Wiener Tempelvereine spielt manchmal fMst ins Politische hinüber, wenn dieses harte Wort erlmtbt ist. Man erinnere sich nur der letzten Wahlen in die Kultusgemeinde, wo die TempellverÄne durch ihr Sprachrohr die fleißigsten und erfolgreichsten Werber für das Programm der NichbjüdischnaÄonalen stellten, zu dem sich auch «die „Union" bekannte. Und hätte diese für sich allein bei diesem Anlässe etwas vermocht? Man darf getrost variieren; die Dempelvereine: in diesem Lager ist das Judentum, wie gesondert es auch sonst Vorgehen maK wie mannigfaltig sein Parteileben gestaltet ist. Hier liegen die stärksten Wurzeln der Kraft des Judentums. Dem gegenüber verschwindet jede politische Klopssechterei, jede Rabukistik, ob sie sich wöchentlich oder täglich austobt, ob sie diese oder jene Parteilosung aus die Ftchne schreibt. TT’orToeterl sucht zu den hohen Feierlagen in einer kleinen öslerr. Provinzgemeinde anzukommen. Erstklassige Referenzen. Näheres in der Administration unseres Blattes. Der schönste Tempelschmuck. Auch der Zwang, auf eine Sommerwohnung verzichten zu müssen, hat seine gute Seite. Man lernt Wien kennen. Als noch ein Landaufenthalt nicht entfernt in Hunderten kostete, was man heute an Tausendern an ihn wenden müßte, hatte man für die Schönheiten Wiens kern Auge. Im Sommer haftete man durch die Arbeit in der Stadt von Bahnhof zu Bahnhof. Und im Winter? Wo nimmt man sich da die Zeit zu Exkursionen in die Innere Stadt? Man ist froh, wenn man eint paar Stunden zu einem Aufatmen ans dem Kahlenberg findet. So geriet ich an einem der letzten sonnübegnadeten Schowuaustage vor die Mnoriitenkirche. So ganz ungereimt ist diese Verbindung nicht. Aus den: einen Relief sieht man nämlich in dem Felde rechts unter dem Crucdfixus eine Truppe Juden mit «einem Banner, und in diesem als Wappenzeichen den Judenhnt, offenbar in der Form, in der er zur Zeit der Erbauung der Kirche von unseren Altvordern hier in Wien getragen werden mußte. Auf diese sicherlich für uns Men er Juden nicht ganz gleichgültige historische Reliquie sei hiermit aufmerksam gemacht! : Nicht minder fesselte aber meine Aufmerksamkeit air jenem Prachtbau 'eine and!ere Erscheinung. Längs des Wandelganges sind an der Kirchenmauer Grabsteine ausgestellt, deren Schrift znm großen Teil noch gut erhalten ist. Vermutlich Denkmäler, Ae zu Gräbern unter" Hr Kirche gehören. - ' Eine solche Erinnerung an die Toten an der Stätte der Andacht war mir nicht neu. Ich erinnerte mich an den tiefen Eindruck, den ich schon als Kind in dem Gotteshaus meines Heimatsortes ans den Tafeln an der Wand empfangen hatte, auf denen Namen Mer, «durch Spenden für Synagoge und Gemeinde vjerdrenteir Männer und Frauen verzeichnet waren. Einen schöneren Wandschmuck für eilt jüdisches Gotteshaus kann ich mir nicht denken. Jeder Versuch/ -zur Verzierung vsn Synagogen!- wänden über ein schlichtes Muster hinaus dekorative Kunst heranzuzichen, wirkt störend. Ich habe dies in gallizischen Synagogen empfunden, die an den Wänden Malereien, vor allem natürlich bibilsche Szenen, ausweisen. Von der Dürftigkeit der Ausführung ganz abgesehen, passen derartige Darbietungen gar nicht in den Rahmen des jüdischen Gottesdienstes. -Wie anders Namen, die, teils Me größere, teils sine bescheidenere Anzcchl von Betern, zum mindesten doch FamAienangehörige an lautere Menschen erinnern, deren Geistesnähe weihend und erhebend Wirken muß! Und welcher Ansporn fiir so manchen zu Leistungen für das Wohl der Brüder, wenn er der Hoffnung ' leben darf, daß noch ltach Jahrzehnten sein Name an heiliger Statte von treuen Augen gelesen werden und Gefühle anslösen werde, die sein eigenes Herz beseelt und' beseligt hatten!

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