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Die Wahrheit · 1921-07-21 · Heft 15 (21.7.1921) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 15 (21.7.1921)
Date
1921-07-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite 5 Nr. 15___Die Wo als wollte ich heucheln, denn ich diu. gottlob ein gläubiger Israelit, und es heißt ja: „Der Rost Israels soll nicht Lügen roden und in ihrem Mundefinde sich nicht eine Zunge des Trugs"): Der Stifter des Christentums hat der Welt eine doppelte Wohltat erwiesen; von der einen Seite hat er, wie bereits erwähnt, mit aller Kraft die Lehre Mosts -befestigt und äderen ewiger Verbindlichkeit Nachdrücke liehst -betont (mit dem auch im Talmud Sabbath 116 b erwähnten Spruche: „Wähnet nicht, daß ich gekommen bin, das Gesetz aufzulöfen, sondern um es zu erfüllen. Ich sage Euch, wenn auch Himmel und Erde vergehen werden, so wird do chnicht ein- Buchstabe, noch ein Pünktchen vom Gesetze aufgelöst, sondern alles muß erfüllt werden"); anderseits hat er den Heiden dadurch eine große Wohltat erwiesen, daß er die Abgötterei von ihnen entfernte, sie zu den sieben Geboten verpflichtete und «dazu ihnen eine Morallohre gab, in -welcher er, wie bekannt, noch mehr Erschwerungen als das Gesetz Mosis chnen anslegte" (Sendschreiben gedr. in dem von ihm herausgegebenen Seder Olam wesutta, Hamburg 1757). Der -genannte Gelehrte hat in einer anderen Schrift (Meffeg lechamor) mit Recht darauf verwichen, daß auch andere berühmte Talmndgrößen, Männer, wie Rabbi Simon b. Zemäch Duran (wirkte im 14. Jahrhundert) und Main-mni, seine Gesimmn-g teilten (vergleiche Jad chasakah, Hickot Melachim Ende). Es wurde zu weit fiihren, die Aeußerungen dieser geistigen Führer -der Juden hier wiederzugchen. Unsere Zeitgenossen könnten von diesen Talmudjnden manchies lernen. Juden wie Nichtjuden. Dr. Fk. h r heit Ein Organ der österreichischen Judenfchast! So lautet der Titel eines Aufsatzes in der letzterschienenen Monatsschrift der Oesterreichifch-Jfraelitischm Union (nach dem Znsammenbvnch^der Monarchie „Union" der deutfchösterkveichifchen Juden). Das Rufzeichen, womit sie ihren Aufiatztitet schmückt, bedeutet den Aufiuf zur Gründung einer Wochenschrift unter Patronanz der „Union/? lin Beachtung fch^vr Kampftendenz ausschließlich jüdischpolitischer Art; sintemal der deutschösterreichischen Judeuschaft „der Mangel einer kraftvollen Publizistischen Bertvetung znm Schaden gereicht". Und damit kein Zweifel darüber obwalte, wohin dieser durch die Blume abgeschnellte Pfeil ziele, wird ausdrücklich erklärt, daß „Die Wahrheit" als Nachfolgerin der Dr. Blochschen Oesterr. Wochenschrift keinen ausreichende« Ersatz bittet. Ihre Mängel bestehen darin, daß sie vierzehntägig erscheint, „an Festigkeit und Energie der politischen Direktive manches zu wünschen übrig lasse", dagegen „die ErscheinurMN des jüdischen Vereins- und Rituallebens sorgfältig verzeichnet". Befaffon wir uns zuerst mit dein Teil des aufgezählten Sündenregisters, der sich auf die mangelnde Festigkeit und Energie der politischen Direktive Erzieht. Diesen Vorwrrrf, der bisher von keiner Seite gegen uns erhoben wurde, können wir nicht recht verstehen. Soll er vielleicht darin liegen, daß wir stets bei jedem gegebenen Anlasse für die Juden ohne Unterschied ihrer Nationalität und Parteistellung eingetreten sind, wo es galt, deren Interessen zu vertreten, oder!daß wir das Judentum als solches im ganzen in erste Linie stellten und dadurch notwendigerweise jedes politische Moment «tusfchalten mußten. Me Art und Weise, wie wir unsere Aufgabe beiftimmk, sondern es gab Schüler, die 15 Stunden täglich und mehr in der Schule verbrachten, andere hingegen kaum die Hälfte dieser Arbeitszeit. Demgenräß traren auch in jeder Klasse sechs bis acht Lehrer. Die Schülerzahl belief sich ungefähr auf 1500. -All diese erhielten von ihren Eltern keinerlei materielle -Unterstützungen, sondern wurden teils von Stiftungsgelderir der Gemeinde, teils von Privaten ausgehalten. Die Mehrzahl der Schüler lebte von privaten Gönnern. Diese Gönner waren nicht durchwegs reiche Leute. Es gab sogar Wasserträger, die es für ihre Pflicht hielten, wenigstens erneu der Talmudbeflissenen in.- ihrem Hause zu beherbergen und für alle Bedürfnisse, die cillertdings nicht -groß waren, zu sorgen. Uebevhaupt war diese Talmud-Thora der Stolz der Stadt und jeder, der Reichst wie der Arme, fühlte sich ihr gegenüber verpflichtet. Dagegen waren die Schüler Träger gewisser geistlicher Funktionen. Jhiten oblag es, für Kranke zu beten, für Verstorbene besondere theosophische Dogmen (Mischnajes) zu koinbiNieren und derglÄchen mehr, was ihnen anderseits 'besonders honoriert wurde. Nach dem Tode meiner Mutter kam ich in diese Schuhe, kaum zehn Jahre alt, gebeugt -durch den Verlust der Mutter. Anderthalb Jahre nachher, ckls ich in Anerkennung meiner besonderen Kenntnisse, die mir mein Vater beigebracht hatte, 'für die sechste Klasse vorgeschlagen trmrde, beschloß ich, durch dieses freudige Ereignis ermutigt, von Heimweh ergriffen, meinen Vater zu besuchen. Es war strenger WiNter un-d ich kam halberfroren nach Hause, wo mir von meiner Stiefmutter (der Vater hatte um der kleinen ^Kindier willen heiraten müssen) znm Willkommen die Frage gestellt muöde, ivozu ich geikommen sei. Dieser Empfang erregte mich derart, Äaß ich wortlos mich schlafen legte und am nächsten Tage mit den Worten von nreinieim Vater 'Mschied nahm: „So wie du deine Ohren ohne Spiegel nicht sehen -kannst, so wirst du mich nicht mehr sehen!" Dieser «kindliche Ausspruch hat sich auch bewahrheitet. Ich war das letztemal zu Hanse gewesen und bin auch später niemandem meiner Familie begegnet. Ich kehrte nach Bialystok in die Schule zurück und einige Tage später 'begann ich die Laufbahn, die mein -ganzes späteres Leben anssüllen sollte. Mit elf Jahren begann ich mein Brot selbst zu verdienen. Die Gemeinde akzeptierte damals erneu „Stadkchason" (Oberkantor), der ein hervorragender Künstler war -und alles durch seinen Gesang faszinierte. Ich selbst fühlte mich zu neuem Leben erwacht, derart entzückte mich der Gesang, und beschloß, dem inneren Drange zu folgen. Alsbald fand sich Gelegenheit, meinen Wunsch, selbst zu singen, zu erfüllen. Der Kantor, Moses Rcvbbinowitfch mit Namien, suchte für seinen Chor Knaben. Ich bot -mich an, er fand mich talentiert, lobte meine 'Stimme und nahm mich in seinen Chor auf. Damals war ich der glücklichste Mensch. Mein sehnlichstes Begehren war erfüllt. Der Gesang war mir, wie die gesamte Musik, ein Mysterium, das ich ganz auszuforschen gewillt war. Nach einigen Monaten fühlte ich mich denn auch unbefriedigt von meinem Meister und ergriff die Gelegenheit, meinen Posten zu wechseln. Ich war materiell unabhängig, >da ich eine geschätzte Kraft des Tempelchores wurde. (Fortsetzung folgt.)

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