Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 15 (21.7.1921)
- Date
- 1921-07-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 9fc.rl6 Die Wah rh e-i k Schonlwieder der^ Talmud. Der Talmud teilt daß Schicksal des jüdischen Volkes. Gleich diesem muß er Ar die Sünden anderer Mißen. So oft ein Jude oder ein Nichtjude ein schlechtes Buch über die Entstehung des Christentums schreibt und den Talmud als Geschichtsquelle heranzisht, wird nicht der Autor, der in der Regel nur die Jrrtümer der „Historiker" abschreibt und den Talmud gar nicht kennt, sondern der Talmud Zur Verantwortung gezogen. So verfuhr auch der sonst so besonnene Wiener Universitätsprofeffor Dr. Jnnitzer in einem Artikel, den er über ein Buch von Dr. E. Jung in .der ,Meichspost" veröffentlichte. Er bezeichnete das erwähnte Buch als eine ,/ganz gewöhnliche Schmähschrift" — und das ist schließlich sein gutes Recht — fügt aber hinzu: „Sie ist indes nicht originell, denn jeder Kenner weiß 'beim Lesen des „Ergebniffes" sogleich, daß hier einfach die alten Verleumdungen des Talmud neu ausgewärmt werden." Es -ist zu bedauern, daß dem Herrn Professor eine ganze Anzahl mehr oder weniger gründliche Arbeitenüber die voM ihm zitierten Talmudstellen nicht bekannt waren. Er hätte vvr allem die dem Talmud beigedruckten Kommentare und Zusätze (Tosephot) lesen muffen. .Er hätte daun gewußt, daß alte Talmudforscher, wie der berühmte Rabbi Jakob ben Meir, genannt Rabbenu TaM (st. 1171), die vielzitierte Talmudstelle Sabbath 104 d überhaupt nicht auf den Stifter der christlichen Religion bezogen haben, da der daselbst angeführte Ben Stada, der mrgüblich mit diesem identisch sein soll, als Zeitgenosse des Papos ben Jehuda bezeichnet wird -mid dieser bekanntlich zur Zeit Rabbi Akibas im ersten Drittel des zweiten Jahrhunderts nach Christi lebte (vgl. Toftph. z. St. und Kohnt, Aruch II, 117). Er hätte, aber auch die Schriften von Alm (Mhenaeum 1869, Febr., S. 15), der nicht „Pandera" oder „Pantheva", sondern Pandora lieft; von Kohut, der in Panter einen griechischen Familiennamen erblickt, und von Zipser (Ibe 8ermon oi tbe mount. le^visd Ldroniele 1852), der eine Verwechslung des Buchstaben b mit k annimmt und carpentarius (— Zimmermann, Wagner) liest. Nach all diesen Forschern hat das Wort Pandera nichts mit dem Tier zu tun, das bei dem Dionysoskulte der Griechen eine Rolle spielte, und enthält 'demnach auch keine Schmähung.' Das verstümmelte Parthenos haben nicht Brank und Nhsch in dem Panthern des Talmuds erkannt — fori« Professor Jnnitzer meint — sondern Paulus Cassel. Dieser hat die Hypochese, daß Parthenos in Panchera nmgöwandelt wurde, zuerst in seinem Werke „Aus Literatur und Geschichte 321—347" veröffentlicht. Diese Hypothese, jdie von vielen Forschern- und Schriftstellern nachgeschrieben wurde, ist gefftvoll, aber unrichtig. Wo hat der Talmud im Panther „das Sinnbild der Wohllnst" erblickt? Im Talmud wird dieses Tier auch nie mit dem Worte „Panthern", sondern stets nr.it „Bardälis" bezeichnet- — Ein Talmudjude, ein echter Talmudjude, schmäht nicht und spottet nicht. Rabbi Jakob Emden (1698—1776) war wohl ein «guter Talmudjude und ein sehr gelchrter Tälmudjude. Hat er doch nicht weniger als 48 hebräische Werke versäW! Und dieser schrieb: „Deshalb pflege ich oft zu sagen (nicht Lebenserinnerungen des Oderlmwrs M. S. Wkitz(Schabse Weitz). Ausgezeichnet von Max Weiß. ^Fortsetzung) In Gacz, Goübenra Lomza, in Russisch-Polen, wurde ich im Jahre 1854 geboren. Mein Vater war Rabbiner in der- 30 Familien zählenden israelitischen Gemeinde, bekannt unter dem Ncunen „David Ssbrowa". Eine Eigenart der Juden, einem hervorragenden Rabbiner oder Kantor den Namen des Ortes, iwo er in seiner Eigenschaft besonders sich hervorgetan, als nomen maje- «tatis beizusügen. Der wirkliche Name meines Vaters war „David Quiatek". Daher kommt es, daß von vielen KapazMten die Namen gar nicht -bekannt srird, wie man zum Verspiel immer den Wilnaer Gavn Eliias Wilna nennen hören wird n. a. m. Mein Vater lebte ein von der Welt abgÄchrtes Leben. Mit Anbruch des Morgens begab er sich ins Bethaus, wo er, abgeUhrt von allem, .unbekümmert um alle Vorgänge, bis gegen 10 Uhr seine Mor-- genandächt absolvierte. Nach Haus« zurückgÄshrt, begann er nach dem Frühstück mit dom Studium des Talnnw und anderer Hovsophischer Werke, wobeier bis zum Abend nicht gestört wellden durfte. Nach dom Nachtmahl setzte er sein Studium fort. Er ging von dem Prinzip aus, die Zeit rnüffe Gott geweiht werden, und' schlief niemals mehr als vier bis fünf Stunden. Ost durchwate er ganze Nächtje bei seinen Büchern und hatte dabeii die Gepflogenheit, eine brennende Kerze forschen den Fingern möglichst hoch bei der Flamme zu halten, um, wenn ihn die Müdigkeit einschläferte, vom Feuer an den Fingern verbrannt, zu erwachen und seine Arbeit sorttzusetzen. Samstag war der einzige Tag der Woche, an dem -er sich Ruhe gönnte und an diesem Tage aß er auch Fleisch. Die ganze Woche durfte kein Fleisch ans den Tffch kommen, da seinem Prinzipe nach der Mensch nur am Ruhetag sich freuen dürfe und der Genuß von Fleisch! an Werktagenden Menschen zu allerlei weltlichen Begierden verleite und so seinem Zwecke, -Gott zu dienen, abtrünnig mache. Der Berus des Menschen sei, Gott zu loben, seine Gesetze und -alle ihre Kommentare zu studieren und die vorgeschriebenen 613 „Pflichten" zu erfüllen. Alles andere sei nichtig, nngöttlich, eitel. Soviel über meinen Vater. Von meinem fünften Lebensjahre ang-changen wurde ich täglich um 4 Uhr 'früh von meinem -Vater geweckt und mußte ihm ins „Beth-Hamidrasch" folgen, um,bis Tagesanbruch Psalme (Tillim) zu lesen, beziehungsweise anzuhören. So begann er mich dem Leben, wie >er glaubte, vorzubeveiten. Als ich zchn Jahve alt war, würde ich meinem Vater eine Last, da er mit dieser Erzichun-g viel Zeit verlor und durch dies« Methode selbst abgelenkt wurde. Mrs dem Gvunde gab er auch sein Rabbinat ans. Ich wurde dannnach Bialystok in« die Schule (Talmud- Thora) gegeben. Di« Talmud-Thora bestand ans zwölf Klaffen. Nach Absolvierung der zwölften Klaffe -erhielt der Schüler das RabbiNatsdiplom. Die Lehrzeit des Schülers wurde nach dessen ÄckivWueller Begabung festgesetzt. Besonders Talentierte -bewMtigten das Studium in vier, mittelmäßig MegM« in sechs bis acht Jahren. Allerdings war auch kein absoluter Zeitraum für den Tag