Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1921-07-07 · Heft 14 (7.7.1921) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 14 (7.7.1921)
Date
1921-07-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3062972-3063903-3063917--11360-3078759
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 14 D ie Wahrheit Seite 11 Oberkantor Schlechter gestorben. Das Czernowitzer Kantorrat hat einen großen Verlust erlitten. Simon Schlechter, Oberkantor der Czernowitzer Kultusgemeinde, ist am 3. Mai, nachdem vorher seine biedere Frau verschieden, im Alter von 74 Jahren gestorben. Mt voller Rüstigkeit versah er noch am letzten Schewuossefte seine Funktion und entzückte seine Zuhöre mit seiner noch immer frisch klingenden, schmolzveichen, phänomenassen Tenoirstimme. Oberkantor Schechter amtierte in den größten Genreinden des Kontinents und genoß internationalen Nus. Er wirkte anläßlich der Eröffnung der großen Synagoge in Odessa, wurde dann nach Manchester (England) berufen, von Uw er ans klimatischen Gründen nach Budapest ging, und von hier nach Przemysl und dann nach Czernowitz akzeptiert wurde, wo er ununterbochen durch 24 Jahre seinen Dienst im schönen großen Skadttempel versah. Er erfreute sich nicht nur als ganz hervorragender Kantor, sondern auch als tüchtiger Hebräer und Talrnudist großer Beliebtheit. Der Weltkrieg verschonte auch ihn nicht, denn als die Russen im Jahre 1914 nach Czernowitz eindrangen, nahmen sie ihn als Geisel für die Judengemiein.de Czernowitz gefangen und verbrachte er 4 Jahre in den Gefängnissen Kiew und Pensa, letzthin wohl auf freiem Fuße. Als er im Jahre 1918 heimkehr.be. wurde er von seiner Gemeinde jubelnd begrüßt. Der Verstorbene war auch Verfasser des vierteiligen großen kantoralen Werkes „Nuffach Hat'esilah", dessen erster Teil bereits erschienen ist. Sein Leichenbegäng-nis versammelte Me ganze Triaiuergemeinde und zahlreiche christliche Würdenträger zu einem unabsehbaren, nach vielen Tausenden zählenden Leichenzuge, wie ein solcher seit dem Ableben der Rabbiner Dr. I g e l und Weiß nicht gesehen wurde. Vor dem Tempel und am Grabe des Dahingeschiedenen hielten der Oberrabbiner Doktor R o s e u f e I d und Kultusgemeindepräsident und Deputierter Dr. S t r a u ch e r tiefempfundene Nachrufe. Oberkantor Schechter hinterließ zahlreiche FaruUie. Der ein.e Sohn ist Prokurist der jugoslawischen Bank, Bankdölegue und Aussichtsrat verschiedener LMengefellschaften, der andere ist Absolvent des Meiler und Bndapester Konservatoriums und Oberkantor der Knltusgemeinde Osijek, ein Sohn ist Heldentenor der köniigl. Oper in Laibach und eine Tochter Gesangsprofessorin i-n Czernowitz. - Sein Andenken wird aus seiner Gemeinde und bei seinen Kollegelr nie schwinden. Die Judenfrage im Wiener Gemeinderat. Anläßlich der Budgetberatnng nahin d'er Jüd-ischnattonale Doktor Plaschkes das Wort zu einer großen Rede, in der er die Forderungell der Wiener Judenschaft in geivohrrt temperMnentvoller Weise vertrat. Voll dem berüchtigten Arierparagraphen ausgehelld, die AnWfemitenexzesie während des Wiener Antisemitentages berührend, entrollte er das gallze Sündenregister der ChriMchsozialen und Deutschnationalen, wobei auch die sozialdemokratische Gerneinderatspartei ihr wohlverdientes Teil wegbekam. Dr. Plaschkes kam weiters aus die Universitätsschande Wiens zu sprechen, die sich in dem Rassenstandpunkt der Wissenschaftler dokumentiert und sMft vor brutalen Angriffen aus die wirtschaftliche Existenz armer jüdischer Studenten nicht zurückschveckt, wie die nichtswüMgen Vorgänge in der men8a academica gezeigt haben. Der Redner schloß mit den Worten: Die Stadt wird sich selber nützen, wenn sie mit uns entschlossen gegen alle offenen und verschleierten Versuche, die Gleichberechtigung der jüdischen Bürger durch Gesetzeanzntasten, ausbreiten tvird und mit mls den offenen Kampf führt gegenden politischen und wirtschaftlichen Antisemitismus, der ein Brandmal am Vokkskörper ist. Ich habe Ihnen gezeigt, man schlägt den Sack und meint den Esel, man schreit „Ostjuden" und mvmt alle Jrchen, ja rnan meint noch etwas ganz anderes. Lassell wir uns llicht täuschen' Wodurch sie sich berühmt machen. Ein bezeichnendes Sommererlebnis des bekannten Komponisten Arnold Schönberg berichtet der Grazer Korrespondent der „N. Fr. Presse": Der Künstler hatte Mattsee bei Salzburg zvlll Somnwranfenthalt gewählt. Dieser Tage wurde er von der dortigen Gemeindeverwaltung anfgefordert, durch Dokumente nachznweijen, daß er kein Jude sei. Sollte oies der Fall fein, so habe er den Ort sofort zu verlassen, da infolge Gemeindebeschlufles Juden der Aufenthalt in der Gemeinde nicht gestattet sei. Obwohl Schönbevg Nachweisen konnte, daß er Protestant ist, hat er sich entschlossen, den Ort Mattsee zu verlassen. — Es ist weiter nicht verwunderlich, daß der Künstler es vorgezogen hat, weiteren Auseinandersetzungen mit dem Gemeindeausschuffe aus dem Wege zu gehen; aber die Frage bleibt offen, ob die Bundesgesetze just in Mattsee im Salzburgischen in so ungenierter Weise außer Kraft gesetzt werden dürfen. — Dies ist die einzig mögliche Art, wie sich die sonst ganz u-ltbekannte Sommerfrische Mattsee bei denjenigen, die solches Tun loben, hervorttm kann: Sie weist die Juden aus und schert sich sogar nicht einmal darum, ob der Auszuweisende ein großer Künstler ist. Dieser aber hat sich auch als hochstehender Mensch durch seine Handlungsweise erwiesen. Kriegerdenkmal-Einweihung in Baden bei Wien. Sonntag, den 19. v.- M., vormittags, fand auf dem hiesigen israelitischen Friedhofs eine erhebende Feier statt, welcher zahlreiche Andächtige beiwohnten. Die Badener israelitische Kultusgemernde hat im Vereine mit der Chewra-Kadischa den am hiesigen israelitischen Friedhöfe beerdigten Opfern des Weltkrieges ein gemeinsames Denkmal gewidmet, welchem Herr Oberrabbiuer Wilhelm R e i ch in einer formvollendeten und alle Zuhörer tief ergreifenden Ansprache die Weihe gab. Aus dein einfachen, aber dennoch imposanten Denkstein, um den herum sich die Gräber der Helden gruppieren, sind folgende Namen zu lesen: Josef Bergmann, Jakob Czovp, Ludwig Dux, Leon H a r t m a n n, Isidor Keßler. Oskar K o h n, Alfred K u s s e l, Fähnrich Jnttus M a n d l, Rudolf Schneider, Ladislaus S t e r n b e r g, Aron S ü ßmann, Hermann Wallach. Außerdem hat die Kultusgemeinde irr der Zeremonienhalle eine Heldentafel anbringerr kaffen, auf welcher die Namerr der nicht hier beerdigten Badener Glaubensgenossen verzeichnet sind, n.zw.: Siegnrnnd K o h n, Fritz A u st e r l i tz, David B r a nd e r, Ignaz Brückner. Paul I n s e l, Leutnant Doktor Max L a k e n b a ch e r, Leutnant Emil L a ck e n b ach e r, Leutnant Felix Mandl, Fähnrich Willibald Max und Leo Weber. Leopoldstädter Kranken-Unterstütztings-Verein „Nächstenliebe“, II., Große Wir akzeptieren für die kommenden hohen Feiertage einen ChaSOIlim für Schacharis und Mussaw. Nähere Auskunft in der Vereinskanzlei Sonntag von Vs9 bis 10 Uhr vormittags. Der Vorstand.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.