Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 14 (7.7.1921)
- Date
- 1921-07-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Gerte 10 Die Wah rh ei t Nr. 14 hörig s ich det -la riererr mö geit. Sie sollen d e n p o l i t i s ch e n Lockungen kerne Folge geben und nach wie vor als Ungarn und 'Inden mit uns das Solidaritätsgefühl aü -srech t h alt en. Das s o l l u n s e r e Rache f ü r die unwahren Beschuldigungen s e in, daß wir Juden kein e Ungarn feie n." Stürmische, begeisterte Zurufe folgten dieser Rede und allgemein war das Verlangen, sie durch Plükatierung der weitesten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Der Szegedurer Oberrabbiner Dr. Löw. Nach emem langen Martyrium winkte ihm endlich der Tag der Befreiung und es war ein dem schönen Schewuosseste würdiges Ereignis, als seine treue Gemeinde ihn jubelnd aus seiner Wohnung abholte und tausend Andächtige ihn zum Tempel begleiteten, wo er Gegenstand wahrhaft erhebender Ovationen war. Oberrabbiner Dr. Löw dankte in eurer tiefempfundenen, mächtig an die Herzen greifenden Rede allen Anwesenden sür diesen wohlverdienten Beweis hingebender Verehrung. Die Schrittmacher des politischen Mordes. Nach den: fluchwürdigen Meuchelmord au dem sozialistischen Landtagsabgeoämeten Gareis, den: der Staatsminister von Kahr öffentlich gut geheuchelte Krokodilstränen nachgerveiut, wurden im „Berliner Tageblatt" von Kommerzienrat Siegnrund Fränkel - Münche n die Ursachen jenes Verbrechens zur Sprache gebracht. Die tiefe Entartung der deutschvölkischen Politik in Bayern, die ihresgleichen im ganzen Reiche nicht hat, muß notwendig zu Erscheinungen wie der Fall Gareis führen. Frankel erwähnt die hakenkreuzgeschmückten Plakate in München, auf denen die Bevölkerung zu dem Vortrag eines preußischen Landrates a. D. über „Völkischen Wiederaufbau" eingeladen wurde. Insoweit in diesen Plakaten die Forderung des Ausschlusses der Juden vom aktiven und Pass i v e n W a h l r e ch t, von de n U n i v e r»s it a t e n u n d v o n d e r P r e s s e aufgestellt wurde, mögen derartige krause Phantasien in der großen Hitze, die in diesem Sommer -besonders früh m Bayern eingesetzt hat, ihre pathologische Begründung, finden. Aber mit diesem Plakat hat es noch eine besondere Bewandtnis. Es weist nämlich als Belegstellen für beit angeblich gemeingefährlichen Charakter des Judentums auf eine Reihe von (zurechtgestutzten) Bibelversen hin. Ein von diesem „Geist" erfüllter Kellner verstieg sich zwei Tage nach dem Erscheinen der Hetzplakate gelegentlich der Andacht in einer Kirche, als der Prediger über die Wunder Jesu ans Erden sprach, zu der Andachtsstörnug und Gotteslästerung: „Wie kann 'denn Jesus uns helfen, nachdem er selbst Mn Jude war!" Der Störer des Gottesdienstes wurde mit Gewalt aus der Kirche entfernt und zur Polizei gebracht, die ihn jedenfalls für geistesgestört erklären wird, obwohl es sich bei diesem bedauerlichen Zwischenfall doch nur um die automatische und psychologisch durchaus verständliche Auswirkung 'des erwähnten Hetzplakates handelt. Kommerzienrat Fränkel apostrophiert schließlich den Münchener Polizeipräsidenten folgendernmßen: Glaubt Herr von Pöhner wiMich, mit derartigen Anschlägen dem guten Ruf von Bayerns Hauptstadt zu dienen, und vermeint die bayerische Staatsregierung weiterhin, der Zerrüttung unserer bayerischen uitb Reichsfinanzen zu steuern und die KrM'Üvürdigkeit Deutschlands inr Auslande zu heben, wenn die Tausenden von Schweizer!», Holländern, Skandinaviern, Engländern und Amerikanern, die in den Sommonaten auf der Durchreise in München weilen, derartige von Lieblosigkeit und Haß gegen dis eigenen Volksgenossen geschwängerten, zu P o g r o m e n f ö r m l i ch a u s r e rz e n d e n Plakate an Münchens Anschlagsäulen lesen? Es mag ja sein, daß die Bannerträger der deutschvölkischen Partei sehr geringschätzig über die Bedeutung dieses Fremdenverkehres für Bayerns Wirtschaftslebens denken — aber der bayerische Ministerrat sollte sich 'doch die Frage vorlegen, ob die Dinge so weiter laufen können und ob denn das geistige Niveau von Bayerns Hauptstadt dem Gelächter der gesitteten Kulturwelt dauernd preisgegeben werden kann. Wir wissen beispielsweise, daß vor wenigen Tagen eine auf der Durchreise weilende hochangesehene Schweizerin, die während der letzten Jahre viele Hunderte unterernährte deutsche Kinder auf ihre Kosten verpflegte und kleidete, persönlich im bayrischen Ministerium des Innern vorsprach, um ihr Entsetzen über die in den erwähnten antisemitischen Plakaten der Deutschvölkischen enthaltenen gehässigen Angriffe zum Ausdruck zu bringen und daraus hinzuweisen, daß nach ihren Erfahrungen der größte Teil der int der Schweiz in den letzten zwei Jahren untergebrachten deutschen Kinder ihre Kräftigung rmd Genesung ausschließlich dem j ü d i s ch - a m e r i kani s chen H i l f s w e r k dorb. zu verdanken habnr. Die führenden Männer des Deutschen Reiches hätten umsomehr Ursache, den skandalösen bayrischen Zuständen entgegenzutveten, als diese durchaus keine „innere" Angelegenheit ist. Der bayrische Rassenhaß tobt sich gegen jeden Andersgläubigen aus. Er hat den Saupreußen so scharf wie den Sanjuden aufs Korn genommen und betrachtet es als Sport, dem Reich auf jede erdenkliche Art Schwierigkeiten und Verlegenheiten zu bereiten. In Berlin wird man sich hoffentlich dieser Wahrheiit nicht verschließen, und seine Konsequenzen daraus ziehen. Kesseltreiben gegen einen Rabbiner. Vom Vorstände der israel. Kultusgemeinde Men erhalten wir mit Datum vom 23. Juni 1921, Z. ex 1921, folgende Zuschrift. An die geehrte Redaktion „Die Wahrheit", Wien, 2. Bezirk. Unter Bezugnahme auf die mit der Ueberschrift „KessÄtreiben gegen einen Rabbiner" in der Nummer 12 Ihres Blattes vom 9. Juni l. I. erschienenen Veröffentlichung beehrt sich das Präsidium der israel. Kultusgemeinde Wien mitznteilen, daß gemäß § 33 des Kultusgemevndsstatntes der Vorstand berechtigt ist, aus der Mitte der Gemeinderabbiner einen Oberrabbiner zu ernennen, daß dieser Oberrabbiner in den im § 37 des Kultusgemeindestatutes aufgezählten Angelegenheiten, wie. in allen anderen Fällen das Rabbinat vertritt, daß früher diese Amtsstellung des.OberraibbiNers . von Dr. Moritz Güdemann sel. And. bekleidet wurde und die. Berufung des Herrn Rabbiner Dr. H. P. C h a j -e s, welcher derzeit das Amt des Oberrabbiners vorsieht-, als dessen Stellvertreter cum jure successionis erfolgt. Es trifft sohin nicht zu, daß der Kultusvorstand nur das Recht habe, den Titel eines Oberrabiners zu verleihen und daß diese Verleihung „eben nichts als eine TÄulArung" beinhaltet. Mt vorzüglicher Hochachtung Dr. Adler, erster Sekretär, G l ü ck, Mzepräsident. ^Nachwort d e r R e d a k t i on: Wenn wir der nun. mehrfach diskutierten Einsendung aus dem. 20. Bezirke in unseren Spalten Raum gewährten, haben wir nicht den Boden der in der Zuschrift des Kultusvorstandes wiedergegebenen Auffassung verlaßen, daß dem gegenwärtigen Oberrabbiner die Macht b e f -u g niss e seines Vorgängers zustehen. Nur gegen deren eigenmächtige UeberschreAuug Stellung zu nehmen, bezweckte unseres Erachtens jene Einsendung aus der Brigittenau. Mit dieser Konstatierung betrachten wir die ganze Angelegenheit als für uns erledigt. . ,