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Die Wahrheit · 1921-07-07 · Heft 14 (7.7.1921) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 14 (7.7.1921)
Date
1921-07-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 mutung rmerhört und erwiderte: „Ein Jude kann^und darf Äie Privatdozont und Lehrer an einer preußischen - Universität werden." „Was!" entgetznete Bettina spöttisch in Hvem Frankfurter Dialekt, „nicht einmal Privatdozente solle die Jude werde, nicht einmal oerhnngernr dürfe je!" Auch hjeute herrscht Verelendung in wissenschaftlichen Kreisen, daß aber auch moralische Verelendung sich »breit macht, ist ein besonderer Verdienst der Herren Antisemiten. Wie -sie arbeiten. Am 26. Juni 1920 wurde im „G y ö n g yöIse r Volksblat t" ein Artikel unter dem Titel „Hakt, Ihr Christen!" veröffentlicht. In diesem Artikel wurden die jüdischen Religivnsgmneinschaften beschuldigt, daß sie Meuchelmörder gedungen Hätten, die die Offiziere der nationalen Armee hätten umbringen sollen. Wegen dieses schändlichen, niederträchtigen Anwurfes haben die Religionsgemeinschaften von P e st, Ose n und Alt-Ofen gegen den Verfasser des schmachvollen Artikels «das gerichtlich!" Verfahren anhängig gemacht. Im Verlaufe desselben hat es sich hevansgestellt, daß der Verfasser des Artikels ein gewisser Koloman K i ß ist, der in der Hautpverhandlung erMrt hat, daß er sich von der Un- . Wahrheit seiner Bchanptungen überzeugt halbe, daß er irregeführt wurde, den Artikel lebhaft bedauere urrd feierlich um Verzeihung bitte. Der Klatzevertreter Dr. AIföldy erklärte hierauf, daß er, nachdem er moralische Körperschaften hier zu vertreten hat, keine Rache nehmen toolfe und von der weiteren Verfolgung des Angeklagten abstche. An diese offizielle Darstellung knüpfen wir die Betrachtung, dH es sich in allen Fällen antisemitischer PrHauswüchse stets bewahrheitet, dH die feigen Beleidiger " anfangs den Mund vollnehmen, aber wenn man ihnen energisch entgegentritt, unter dem Vorwände falscher Informationen de- und wehmütig zu Kreuze kriechen. Hunnen? Wenn Menschen miteinander kämpfen geschieht es vorerst mit den Zungen und dann erst mit tödlichen Waffen. In dieser Beziehung dürfen wir sagen „Und die Sonne Homers, siche sie leuchtet auch uns". Im Weltkriege haben sich die Deutschen am heftigsten dagegen gewehrt, daß das Volk der Dichter und Denker der europäischen Höchstkultur mit jenen vertierten Horden verglichen wurde, von denen die Geschichte so schreckliches «zählt. Dies geschah, um ihnen etwas wegen ihres Heidentums aut Zeug zu flicken. Befragen wir aber die naive Dichtung des Nibelungenliedes in seiner 35. Aveutuoe, wer damals beim Verzweiflnngskmnpf in König Etzels Saal am besten abgeschnitten, wer den Befehl gab, den Saal zu verbrennen, in dem ihre eigene Brüder den sicheren Tod finden müßten. Es war die vieledle Königin Kriemhilde gut arischen Blutes. Man könnte dieser Teufelin, wie sie der alte Hildebrand nannte, den mildernden Umstand der Rachegidr an dem Mörder ihres Gatten zubilligen; aber was soll man zu einer atavistischen Schejußlichkeit der neuesten Zeit sagen, wie sie die Mische ArbÄterstimme berichtet. Vor einigen Tagen brach im Lager Stagard in einer Baracke ein Brand ans. Da die Barackentüren verschlossen waren, wollten did Internierten zum Fenster hinausspringen. Die Wachtposten bedrohten sie daraufhin mit Erschießen. Da inzwischen der Brand einen außerordentlichen Umfang annahm, keinerlei Löschgeräte vorhanden waren, bereits mehrere Personen schwere Brandwunden erlitten hatten, wagten die Uglücklichen doch den Sprung aus dem Fenster. Der sollte ihnen aber schlecht bekommen. Die ersten, di!e heriansspvangen, wurden jämmerlich mißhandelt. Anstatt das Feuer zu löschen und den Leuten zu helfen, schlugen die Wachposten mit Kolben aus die Internierten ein. Das wenige Hab und Gut der Nr. 14 Leute, ihre Kleider, Geld, ihre Papiere sind verbrannt. Mehrere Internierte liegen mit schweren Brandwunden im Lazarett. Ein Feldwebel erklärte am fönenden.Tage beim Appell, daß bei einem nochmaligen Brande niemand herausspringen würde. „D'ie InideN! so llen ruhig verbrennen." Das sozialdemokratische Blatt verlangt, daß die Regierung sofort -eine scharfe Untersuchung, dieser Zustände eintreten läßt, die Schuldigen rücksichtslos bestraft und dafür sorgt, daß sofort mensch enwüdige Zustäride unter der Kontrolle zuverlässiger Personen eintreten, wenn Man sich nicht entschließt, das Jnternrevuirgslager überhaupt aufzuheben. Das wäre um so gerechtfÄigter, als es sich bei der Mehrzahl der Internierten um jüdische Arbeiter handelt, die während d!es Krieges aus Polen usw. zur Zwangsarbeit nach Deutschland — ähnlich wie die Belgier — hereingeschleppt wurden, und die nun noch dafür mißhandelt werden, daß sie während' des Krieges als Bürger anderer Staaten für Deutschland arbetten mußten. Welche mildernde Umstände darf man den Ariern von Stagard zubilligen? Daß ja „nur" Juden verbrannt werden sollten. Wohl. Aber man schmähe das Andenken der Hunnen nicht, indem man mit ihrem Namen solche Deutschis belegt. Zwei Zeitungsstimmen über ein Thema. Die „Reichspost" schrieb kürzlich: „W ie sie Hochzeit halte n." Im Tempel in der Neudeggergasie fand Sonntag nachmittags eine Hochzeit statt, zu der die Hochzeitsgäste in — 32 Fiakern augefahren kamen. In langsamer Fahrt bewegte sich der Wagenzug vom Hause Neubaugasse 77 durch die RMstiftgasie, KellerManngasie und Lerchenfelderstraße und', um das Aufsehen zu erhöhen, wurde wiederhott Hält gemacht. Ordner mit Frack nUd Zylinder eilten geschäftig hin und 'her. Bor dem erwähnten Hause hatte sich eine fast taUsendGpfige Menge angesammelt, die ihrem Unmuts über diese jüdische Protzerei Ausdruck verlieh. Da irach dem letzthin beschlossenen und behördlich genchmigten Tarif «ein Fiäker für eine Hochzeit 3000 Kronen kostet, wozu noch 1000 Kronen TriNkgeW -für den Kutscher kommen, stellten sich die Wagenkosten allein auf fast 130.000 Kronen. Und was mag erst bei dem bekannt feinschmeckenden Gaumen der Morgenländer die Tafel gekostet haben? — Gegen diese rohe Geschmacklosigkeit wendet sich!der „Abend" mit folgender Ausführung: Die „Reichs- Post" nimmt es sehr übel, dH vor kurzem im jüdischen Tempel in der Neudeggergasie eine Hochzeit stattfand, zu der die Gäste in 2 Fiakern angefahren kamen. Sie berechnet die Kosten dieser feierlichen Auffahrt mit 130.000 Kronen: 3000 Kronen für jeden Wagen Fährlohn und 1000 Kronen Trinkgeld für jeden Kutscher. Die „Reichs- Post" hak recht und es ist bemerkenswert, daß die sonst so ftäkerfrenndliche in diesem Fälle sogar Fnhrlohn und Trinkgeld verübelt. In der Tat sind solche Protzereien in diesen Zeiten ein aufregender Unfug. Bedauerlich ist nur, daß sie kein Wort des Tadels fand, als zur FirmunMett unvergleichlich mehr Fiaker, die sicherlich nicht weniger kosteten und nach der Heimkehr vom Prater oder dem Grinzinger Heurigen gewiß kein geringeres Triiikgeld erhielten, in unabsehbaren Reihen vor der Stephanskirche aUgeftellt waren. — Wir möchten ans diesen »beiden ZertnUgsftiimmen die Resultierende ziehen, daß in religiösen Angelegenheiten, ob es sich um eine jüdische Hochzeitsseier oder eine christkatholische Firmung handelt, Kritik oder Tadel nicht am Platz ist. Was in dem einen oder anderen Falle für Fiakersahrten verausgabt wird, möge ebenso dahingestellt bleiben 'wie die rechnungsmäßige Feststellung, ob der „feinschmeckende Gaumen der Morgenländer" oder der elementar arische Durst der P. T. Göden größere Snmmen fordern. Wichtiger als dies ist zu betonen, daß bei Die Wahrh ei!

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