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Die Wahrheit · 1921-07-07 · Heft 14 (7.7.1921) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1921
Issue
Heft 14 (7.7.1921)
Date
1921-07-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 14 Die Wahrheit Seite t Wahrheiten vom Tage Zeichen allgemeiner Mißvergnügtheit. In: Lager der Jüdischnatioualen herrscht lebhafte Bestürzung und tiefe Keiünnnernis, welchen Empfindungen das Wiener führende Zimvisteriblatt in seinem jonntnglichen Leitartikel kräftigsten Ausdruck gibt; es erinnert daran, mit tvelch brausendem Jubel und maßloser Begeisterung die Berufung Sir Herbert Samuels zum Gouverneur von Palästina ausgenommen wurde, hauptsächlich deshalb, weil man in ihm eine Leuchte und Stütze des Zionismus erblickte und er selbst sich als solcher bekannt habe. Nun folgt plötzlich die große Ernüchterung und von all den schönen Blütenträumen hat nicht ein einziger den politischen stürmen staudgehalten, besonders nach seiner letzten Rede wird an ihm als Politiker, als Bertrauensmamr der Inden, kein gutes Haar gelassen, weil sich die Ereignisse stärker als seine Absicht erwiesen haben. Man kann es ihm nicht verzeihen, daß er unter dem Zwange der Tatsachenlogik bis auf weiteres die Judeneinwanderung verboten hat. Diese Tat stempelt ihn, nach ben Begriffen der Zionisten, plötzlich zum Assimilanten, ähnlich wie die Ehristlichsozialen joden, der nicht auf ihr Programm eiugefchworeu ist, zum Juden stempeln. Voll der einstigell Größe Samuels besteht in den Angel» der Jüdischuationalen gar nichts mehr und sie halten ihm den traurigen Nachruf, der in die Worte ausklingt: Für den an Prüfungen reichen Zionismlls bedeutet »der Fall Herbert Samuel eine traurige Episode, er wind gehen, der Zionismus wird -bleiben. Dazu könnte nran bemerken, er wird bleiben mit allen seinen Irrungen und Utopien, solange er aus den Ereignissen nichts lernen will. Auch in Palästina ist mall unzufrieden. Vorigen Monat haben allenthalben Versammlungen stattgefnnden, um zu der in der neuen Deklaration Herbert .S a rn u e l s festgelegten Politik für Palästina Stellung zu nehmen. In einer dieser Versammlnllgen in Jerrlsatem traten Dr. Klausner Dr. Hugo Bergmann und die Herren Schwarz, Silman, Ben Zwi als Redner auf. Die aus Vertretern aller jüdischen Parteien beschickte Versammlung nahm zunächst eine Protestresolution an gegen die Knebelung der hebräischen Presse in Palästina durch die über alle Maßen strenge Zensur und sprach ihre Elltrüstung über diese Maßnahme der Regierung aus. Die Redner erklärten, es sei die allgemeine Auffassung der gesamten jüdischen Bevölkerung, daß die Deklaration Herbert Samuels vom 3. Jlini über die zukünftige Politik der Regierung in Palästina tatsächlich mit der Aufhebung der Balfonr- Deklaration gleichbedeutend sei. Ferner erhoben die Redner die Anklage, daß manche palästinensische Judell in der letzten Zeit als Fremde behandelt werden und ails dein Lande verwiesen wordell sind. Eine solche Behandlung steht ini Widerspruch zu der Idee eines jüdischen-rlativnalen Heimes. Der Führer der Achduth Haavoda Ben Zwi und Dr. Bergmann wiesen auf die unumgängliche Notwendigkeit einer völligen und vorbehaltlosen Verständigung mit der arabischen Bevölkerung im Laude hin. Aus all diesen Kundgebungen der vereinigten, d. i. im Unmut gegen den Öberkonlmissär Sir Herbert Samuel einigen Juden läßt sich ein ernstes Symptom der wachsenden Schwierigkeiten und.Verstimmung aller Parteien erblicken. Daß der Höchstbefehlende in der gesetzlich verbürgten Heimstätte der Juden diesen die starke Hand durch Knebelung der Presse sich len läßt, mag als ein Zeichen der Schwäche gedeutet werden. Denn jeder Despotismus -ist in seinem innersten Wesen, schwach und fürchtet das freie Wort am meisten. Das manifestiert sich ganz besonders seit den Umsturztagen. Welche Partei immer die Gewalt an sich riß, knebelte vorerst die Presse. So war es im Deutschen Reiche, in Ungar»!, und so ist es noch immer in Sowjet-Rußland. Nach diesen wenig rühmlichen Mustern arbeitet — ganz im Widerspruch mit dem englischen Freiheitsprinzip — der englische Regierungsbeauftragte in Palästina. Ihm ist wie zur Zeit der schwärzesten deutschen Reaktion „Ruhe die erste Bürgerpflicht"! Wo sich diese nicht aus sich selbst ergibt, muß sie durch die üblichen Behelfe des Despotismus erzwungen werden. Es wundert uns nicht, daß die Inden in Palästina dieser Auffassung sind und daß nach dein berühmten RegierivngsProgramm die Balfoursche Deklaration nicht mehr Gebrauchswert hat als das bekannte Liechtenbergsche Messer ohne Stiel, dein die Klinge fehlt. Daß schließlich die übelberatenen und noch übler behandelten Inden dem ganzen Samuelschen Pazistkationsgedanken kein großes Vertrauen entgegenbringen und lie&er unmittelbar eine Verständigung mit den Trabern suchen wollen, stellt dem diplomatischen Talent des High Commissioners eben kein glänzendes Zeugnis aus. Alles zusammengefaßt, es ist nicht etwas, sondern sehr vieles faul in Palästina, wenn auch die dortige Presse es nicht sagen darf. Rabi-ndranath Tagore. Was als schlechter Spaß einiger Blätter, die um jeden Preis einen Witz machen, gedacht war, ist in deutschv Mischen Kreisen — wir entnehmen diesen humoristischen Bericht der Brünner „Jüdischen Volksftimme" — zur Wirklichkeit geworden. Aus der Berliner Universität stellte eine freideutsche Gruppe anläßlich der Europareise des berühmten Nobel-Preisträgers und Dichterphilosophen Tagore den Antrag, diesen zu einen Vortrag auf der Alma rna-ter -einzuladen. Der Vorsitzende, der den Namen wohl zum erstenmal in seinem Leben hörte, -bat den Antragsteller um Aufklärung. Du kam aus den. antisemitischen Rechen der Hakenkreuzler die Antwort: „Aufklärung unnötig. Wird wohl irgendein jüdischer Rabbiner sein. Farbentragende lehnen den Antrag aus völkisch-natwnalen Gründen ab." Und so wurde, trotzdem die Freideutschen lebhaft widersprachen, Tagore für keinen Vortrag gebeten, da dies „weder dem Ernst der Zeit", noch „dem, Belangen der deutschen Würde" entspräche. Der große Dichterphilosoph wurde übrigens schon vor Jahren von dem christlichsozialen „Deutschen Volksblatt" für einen Juden gehalten, das in Helle Wut über die Verleihung des Nobel-Preises an volksfremde Elemente geriet. Auch die Intelligenzler auf der Berliner Universität sind diesem kleinen, aber ausgiebigen Irrtum verfallen, denn für sie gilt der Antisemitismus als Hanptprinzip. Nicht nur leibliche Nahrung, auch geistige soll nicht bei Semiten, wie Einstein, Magnus Hirichfeld und Tagore.(!), bezogen, werden. Ganz wie in der noch nicht allzu fernen Zeit, wo Juden auch keine akademischen Grade erringen durften. Ans diesen Tagen erzählt man sich folgende Anekdote, deren tiefer Sinn auch heute leider noch sehr wahr ist: Zn dem bunten, aber geistig hochstehenden Kreise, der sich im Hause von Bettina von Arnim zusammenfand, gehörte -auch der junge Jude Heinrich Bernhard Oppenheim. Oppenheim, der später als Politiker und Publizist sich bekannt machte, ging damals mit Habilrtationsgedanken um, wobei Bettina den hochbesähigten jungen Mann begünstigte. Sie verlangte, wenn auch nur im Scherz, von Savign y, ihrem Schwager und berühmten Rechtsgölehrten, einem bekannten Antisemiten, daß er sich überwinde und Oppenheims Habilitation bei der Berliner Universität befürworte. Savigny fand diese Zu-

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