Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 14 (7.7.1921)
- Date
- 1921-07-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 14 Die Wahrheit Wissenschaft!" — „Tut nicht so groß!", murrte ich, „es gibt manches zwischen Hinnneil und Erde, wovon eure Schulweisheit sich nichts träumen laßt". Ich suchte weiter und siehe da, ein Aschenbrödel tut grauen Gewände. „Bist du auch da? Dir paßt der Schuh, ich will dich erlösen, Aschenbrödel, kommhervor aus diesem Wirbel!" Ts war ein altes vergilbtes Buch, das ich hervorzog. Beim Durchblättern zeigte sich eine Anzahl der kuriosesten seltsamsten Stoffe, die mit Holzschnitten illustriert waren, welche übrigens bei einer primitiven Ausführung durch einen Zweck von Originalität interessieren. Die einzelnen Blatter des Buches waren fast durchwegs mit Randnotizen bedeckt, deren Tinte bereits längst verblaßt war. Ich schlug das Buch auf und siehe, eine Schrift des jüdischen Alchymisten Rabbi Abraham Elöazar. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Motive in der Welilikeratur. Ein Beitrag zur vergleichenden Literaturkunde. Von einem Rabbiner. * Alle Rechte Vorbehalten. . (Fortsetzung) Za noch mehr: Der Chronograph R e g i n o nennt sogar die Ungarn: „Gens Himgarorum ferodssüma et omni belua crudeliora Scythis sregnis et a paluditms, quas Thanais sua refusione in immensum porrigitur, egressa est.“ (Bei Pertz, Monumenta Germaniae I, 599; Grätz' Gesch. d. Juden 52, S. 319.) ^) Das fragliche Bußgebet Metüa vita wurde nun öffenttich später während der Einfälle der Ungarn (bei ihrem Heereszug nach Italien über Konstanz (Weber a. a. O. § 347) von den Mönchen des St. Gallener Klosters als Schlachtengesang verwendet. Die Verw e n d u n g besagter Hymne für diesen Zweck wurde von Notker labäus, dem kundigen Psalmenübersetzer, festgesetzt, Und so eHielt sie späterhin dauernd den Namen „Schlachtengesang gegen die Hunnen". Nun hält aber diese Hymne, wie wir gesehen, aufallenderweise die Reihenfolge unseres Pismon: Im joss'sim iinne. Wie erklärt sich endlich diese Tatsache? Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist besagter Pismon: Im joss'stm der Hymne Media vita entlehnt, was aber dem Geiste und Usus synagogaler Poesre widersprechen würdet) oder Scheffels Quellenangaben sind apokryph und irgend ein späterer katholischer Liturgiker hätte die Hymne Media vita tat Pismon: Im joss'sim nachgedichtet; eine Entlehnung, die, wie wir gesehen, in der katholischen Liturgie nichts Ungewöhnliches bedeutet. Wie ist das Dilemma zu lösen? Wir begnügen uns im vorliegenden Fall, das Nativitätsverhältnis zwischen den beiden Autoren festgestellt,' die augenfällige Aehnlichkeit beider Stücke nachgewivsen, die Schwierigkeiten bloßgvlegt, gleichsam den Knoten geschürzt zu haben; die Lösung desselben, bzwdie Feststellung der Priorität des in Betracht kommenden Stückes berufener fachwissenschaftlicher Seite anvertrauend. y Diese Theorie, daß in fraglichem Liede Scheffels die A b a r e n oder Ungarn gemeint seien, vertreten auch die Herausgeber des Lesebuches fnr die 3. Klasse der Realschulen: Pollcck—Streinz—Jellinek. *) Wohl hören wir, wie die Verbreitung syrisch-griechischer und und lateinischer Kirchendichinngen innerhalb des Judentums den Eifer ' erweckte, durch poetische Gebete dem Gottesdienst Glanz zu geben. iZunz: Die Syuagog. Poesie deS Mittelalters S 60); doch mag dies Hvohl ber freien Nachdichtungen, nicht jedoch bei wöttlich den Psalmen entnommenen Phrasen, wie die vorllegenden, getten. Tino frappante Stelle aus dem klassischen deutschen Drama möge die Reihe dieser Parallelen aus dem belletristischen Gebinde beschließen: In Schillers D o n C a r l o s, 3. Mt, Ende .des 5. Auftrittes, lesen wir im Monolog des Königs Philipp: Jetzt gib mir eilten Menschen, gute Vorsicht, Du hast mir viel gegeben. Schenke mir Jetzt einen Menschen. Du —1 du bist allein, Denn deine Augen grüßen das Verborgene, Ich brauche Wahrheit. — Ihre stille Quelle', Im dunkeln Schritt des Irrtums anszugraben, Ist nicht das Los der Könige. ..... (Er öffnet eine Schatulle und nimmt eine Schreibtafel heraus. Nachdem er. eine Zeitlang darin geblättert:) Nur Namen stehen hier. Und nicht einmal Erwähnung des Verdienstes, dein sie den Platz auf dieser Tafel danken. Marquis von Posa? — Posa? — Posa? — Bei Gott, im ganzen Umkreis meines Staates, Der einz'ge Mensch, der meiner nicht bedarf! . Wer mich entbehren kann, wird Wahrheit für mich haben. . . . Dieselbe dramatische Situation findet sich im Buche E st h e r, Kap. 6, '1 f. Auch hier bildet der König A h asverus einen Spielball der Hosinriguen, deren Opfer er zu werden droht; auch er sucht in seiner Seelenbeklemmung bei seinem Privatarchiv Zuflucht: „In jener Nacht, da wich der Schlaf den König Ahasverus und er befahl, einherzubringen das Buch des Gedenkens, damit sie daraus ihm vorlesen." Schon der dürre Text beider Szenen zeigt frappante Aehnlichkeit: In beiden der Träger einer Krone, ireulos verraten inmitten einer Schar von Höflingen, durch welche die Getreuen allmählich ränkevoll verdrängt werden. Hier das „Buch des Gedenkens des Ahasverus", dort die „Schreibtafel" Philipps; hier der.verscheuchte Schlaf des Ahasverus, dort gleichfalls der „um seinen Schlummer" gebrachte Philipp. Nun könnte man immerhin auch hier die Einwendung vom „Zufall" entgegenhalten; allein die Uebereinftintjmung ergibt sich zwingend an der Hand der Agadah zur Stelle. In ihr wird besagte Stelle des Buches Esther folgendermaßen dramatisch ergänzt: „Rabba lehrt, Ahasverus Sinn wurde beunruhigt; er sprach, Verdacht schöpfend: Was bedeutet diese rätselhafte Einladung Hamans durch Esther zur Mahlzeit? haben sie beide vielleicht den Plan gefaßt, mich umzubringen? . . . hadar amar: i hawe hachi, leka inasch d'rachim umod-a li, amar: dil'ma ika inasch d'abad bi tubutha w'lo p'ratch, mijad wajomar l'habi eth ssejfer hasich'ronoth... „ .. . Dann dachte er wieder: Gibt es also niemanden, der sich meiner erbarmen würde, der mir wohlgesinnt wäre? Hierauf wieder überlegte er: Vielleicht gibt es jemanden, der mir Gutes erwies und dem ich (hiefür) noch nicht erkenntlich war (und der sich etwa deshalb enthält, mich zu warnen?). Sogleich befahl er (Ahasverus), herbeizubringen das Buch des Gedenkens, die Chronik der Tage, damit sie daraus ihm vorlesen ... (Jalkut Esther, s. v. Balailah Megilah 15.) Man sieht also, nicht bloß eine zufällige Aehnlichkeit ist es, die beide Szenen gemeinsam haben, sondern geradezu eine Uebereinstimmung bis aufs Wort; beide spannungsvolle Monologe hören sich wie wortgetreue Kopien an. (Fortsetzung folgt.)